Der Dichter René Schickele Ein Refugium für den Visionär

Von  

René Schickele drohte als Schriftsteller in Vergessenheit zu geraten. Doch in seinem einst selbst gewählten Heimatort Badenweiler konnten Literaturfreunde dies verhindern.

Schlichtes Landhaus mit riesigem Garten in ­exponierter Lage: hier wollte René Schickele alt werden, doch das war ihm nicht vergönnt. Foto: Heinz Siebold
Schlichtes Landhaus mit riesigem Garten in ­exponierter Lage: hier wollte René Schickele alt werden, doch das war ihm nicht vergönnt.Foto: Heinz Siebold

Badenweiler - Auf dem Hartmannswiller Kopf, einem Berggipfel in den Südvogesen hoch über Mulhouse, haben sich vor exakt 100 Jahren deutsche und französische Männer zu Tausenden erschossen. 37 Kilometer Luftlinie gegenüber, auf der anderen Seite des Rheintals im Schwarzwald, liegt Badenweiler. Oberhalb des Ortskerns, an der Straße in Richtung Kandern, ließ sich der Dichter René Schickele ein Haus bauen, das er mit seiner Familie 1922 bezog. Das Haus steht – 75 Jahre nach Schickeles Tod – noch immer. Von der Terrasse geht der Blick ins Rheintal hinunter nach Neuenburg und Mulhouse, hinüber zu den Vogesen – bis zum Hartmannswiller Kopf.

Dass das Haus schöner denn je eingerichtet ist, verdankt es seiner heutigen Eigentümerin. Christine Pierburg hat es innen und außen mit großem Aufwand renoviert. Das Haus ist ihr privater Wohnsitz, aber sie öffnet es gerne für jeden, der sich für Schickele interessiert. „Ich kenne das Haus seit meiner Kindheit“, sagt die 72-Jährige und erzählt, wie sie es als Schulmädchen Anfang der 50er Jahre erstmals betrat. Damals lebte hier die Witwe des Dichters. „Ich war vor allem von der Bibliothek fasziniert, ich war eine Leseratte.“

Christine Pierburg, geborene Dörflinger, stammt aus Badenweiler. Ihr Vater war Raumausstatter und oft im Hotel Römerbad beschäftigt, in dem Reiche, Mächtige, Sprachmächtige und auch Entmachtete logierten. Baden-Baden war (und ist) der Spielsalon, Badenweiler das Sanatorium im deutschen Südwesten. Dort starb 1904 der Russe Anton Tschechow, logierte nach seiner Abdankung 1918 der letzte badische Großherzog (Friedrich II.), wurde Hermann Hesse 1914 mehrfach ärztlich behandelt. Im Römerbad stieg in den Wirtschaftswunderjahren auch die Industriellenfamilie Pierburg ab, die in Neuss eine florierende Vergaserfabrik besaß. Jürgen, der jüngere der Unternehmersöhne, verliebte sich in die südbadische Handwerkertochter Christine. Das Paar heiratete und bekam zwei Töchter. Die Ehe zerbrach Anfang der 1970er Jahre, und Christine Pierburg kehrte aus der fremden rheinischen High Society zurück in die Heimat – in das Ferienhaus, das ihr der Mann gekauft hatte, weil sie es wollte, „weil es eben das Schickele-Haus war“.

Wie das Andenken des Dichters bewahrt wird

Nachdem Anna Schickele, die Witwe des Dichters, 1973 gestorben war, drohte dem Gebäude der Abriss. Keiner der in Amerika lebenden Nachfahren hatte genug Geld oder Interesse, es zu erhalten. Und der Dichter selbst war nach seinem Tod im Jahr 1940 in Vence bei Nizza weithin vergessen – auch bei der Gemeinde Badenweiler. Deren Bürgermeister kümmerten sich lieber um einen toten Dichter, mit dem man international renommieren konnte: Der Salon im Kurhaus wurde nach Anton Tschechow benannt, und an dem Haus, in dem der russische Schriftsteller nach einem dreiwöchigen Aufenthalt am 15. Juli 1904 gestorben war, wurde eine Gedenktafel angebracht. Dabei hatte sich Tschechow nicht gerade schmeichelhaft über seinen Rückzugsort geäußert, in einem seiner letzten Briefe schrieb er: „Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort, aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klar geworden.“

Mittlerweile gedenkt Badenweiler vieler schreibender Kurgäste. An der Wand des im Herbst des vergangenen Jahres eröffneten Literaturkabinetts sind unter anderen bildhaft verewigt: Johann Peter Hebel, Hermann Hesse, Stephan Crane, Martin Walser und der neuerdings in Badenweiler sesshaft gewordene Rüdiger Safranski. Zudem wurde eine René-Schickele-Plastik aufgestellt.

Vor allem aber sorgt Christine Pierburg, die Hüterin des ehemaligen Dichter-Refugiums, dafür, dass Schickeles Andenken bewahrt wird: Sie empfängt regelmäßig Besucher und bewirtet auch schon mal ganze Gruppen im Park. „Ich hatte mich in das Haus verguckt“, sagt sie. Wenn schon die meisten Möbel, Bücher und anderen Zeugnisse aus dem Leben des Dichters verschwunden waren, sollte wenigstens das Gebäude erhalten bleiben. Sie hat es komplett nach ihrem Geschmack neu eingerichtet, ein Museum ist es folglich keinesfalls.

0 Kommentare Kommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.