Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

„Demokratie ist das Gegenteil von Bequemlichkeit“, sagt Wohlleben. Für ihn ist diese Staatsform Verpflichtung, sich einzumischen. Auch für die Überlebenschance eines gesunden Waldes. Er ermutigt lokale Waldinitiativen, sich für ihren Wald und das, was mit ihm geschieht, zu interessieren. Wer ihn trifft, merkt demütig, dass man den Wald vor lauter Bäumen kein bisschen begriffen hat. Der Erfolg Wohllebens zeigt, wie groß die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Naturverständnis ist. Nicht wenige sagen, Wohlleben habe den Deutschen den Wald zurückgegeben. Ein Walddolmetscher und großer Kommunikator, wie es auch immer heißt, ist er auf alle Fälle. Dabei macht er nur das, was er von Anfang getan hat: Waldführungen, Kurse für ökologischen Wald- und über Blockhüttenbau. „Über Wald zu sprechen ist extrem politisch“, sagt der Akademiegründer.

 

Der Titel seines ersten Buchs aus dem Jahr 2007 „Wald ohne Hüter. Im Würgegriff von Jagdinteressen und Waldwirtschaft“ illustriert Wohllebens Sicht bereits anschaulich. 2006 hat der zweifache Vater seinen Job als verbeamteter Förster der rheinland-pfälzischen Forstverwaltung gekündigt. 1991 war er nach Hümmel, das 470-Einwohner-Dorf, gekommen und bewirtschaftete die 400 Hektar Gemeindewald, wie er es während seines Studiums gelernt hatte. Aber irgendwann tat ihm der Wald leid. „Wenn ein Förster sagt, er sei Naturschützer, ist das, wie wenn ein Metzger für sich in Anspruch nimmt, Tierpfleger zu sein “, sagt er heute. Die Kündigung ist wie ein Befreiungsschlag – und das Angebot des damaligen Bürgermeisters den Gemeindewald als Angestellter weiter nach seinen Vorstellungen zu bewirtschaften, Chance und Verpflichtung zugleich. Denn ein Zuschussgeschäft soll auch sein Wald nicht sein. Weil man „der Natur nicht helfen und sie gleichzeitig nutzen kann“, macht er in seinem Wald vieles anders. Er forstet konsequent mit Buchen auf und holt die Bäume nicht mit Harvestern, den schweren Maschinen, aus dem Wald, die die Struktur des Waldbodens – von Flüssigkeitsspeicher bis Mikroorganismen – dauerhaft zerstören. Wohlleben arbeitet wieder mit Pferden und Waldarbeitern und gibt dem Waldboden eine Überlebenschance. Er verzichtet auf Chemie. Abgestorbene Bäume bleiben als Lebensraum für etwa 3000 Insekten- und Pilzarten an Ort und Stelle liegen.

Unsere Wälder sind nur Plantagen

In grün kariertem Hemd, Outdoorhose und festem Schuhwerk, drahtig schlank, mit 1,98 Meter Größe alle überragend, schaut Wohlleben nun ins Tal, erzählt von den Römern und anderen Kriegern, die hier durchgezogen sind. „Hier gibt es genetisch keine Einheimischen“, sagt er auf die Menschen gemünzt. Auch ihn hat es aus dem Rheinland hierher verschlagen. „Alles Flüchtlinge sozusagen.“ Das Gleiche gilt aber auch für den Bewuchs. „Das ist eine alte Kultur-, aber keine Naturlandschaft“, erklärt er. „Das sind alles Waldplantagen“, sagt Wohlleben nun mit Blick in die Landschaft noch ein bisschen deutlicher und wischt das gute Gefühl des Städters mit einem Satz beiseite, hier mitten in der Natur zu stehen. Der Mensch habe Deutschland im Laufe der Jahrhunderte ausgelichtet und eine Steppenlandschaft geschaffen.

Fakt ist: Von den 90 Prozent Buchen-Urwald, die hier wie in ganz Deutschland die ursprüngliche Vegetationsform waren, ist nichts mehr zu sehen. Gerade mal 0,27 Prozent sind bundesweit übrig. Die Buchen sind dem Nadelwald gewichen. Aber den Fichten und Kiefern aus Skandinavien ist es hier eigentlich zu warm. Wenn sie kränkeln, kommen die Käfer. Die Herbststürme blasen sie dann um wie nichts. Oder sie sind leichte Beute bei Waldbränden. 52 Prozent des deutschen Waldes sind in öffentlicher Hand und werden nach der gängigen Schulmeinung bewirtschaftet, um möglichst viel Ertrag zu erzielen. Wohlleben hofft, dass das Bundesverwaltungsgericht das staatliche Forstmonopol kippen wird, um den Weg für neue Wege der Bewirtschaftung zu öffnen. Er ist optimistisch. Er bemerkt ein Umdenken. Er schaut gerne nach vorne. „Wir müssen gesellschaftlich diskutieren, wie wir es haben wollen“, sagt Wohlleben.

Bündnis mit den Toten

Er selbst hat sich entschieden. „Wenn Sie etwas für das Klima tun wollen, müssen Sie den Wald stehen lassen“, sagt er. Buchenwälder seien Wasserspeicher. „Spüren Sie, dass es hier kühler ist?“, fragt er. Dabei ist er als Mensch, der die Logik der Bäume verinnerlicht hat, geduldiger als seine Zuhörer. Die stellen oft Fragen wie die, ob er nicht traurig sei, dass er die Früchte seiner Arbeit nicht mehr erleben könne. „Kein bisschen“, sagt Wohlleben. Er denkt in Baumleben von bis zu 200 Jahren – und nicht in Menschenleben.

„Waldgespräche sind extrem politisch“

„Demokratie ist das Gegenteil von Bequemlichkeit“, sagt Wohlleben. Für ihn ist diese Staatsform Verpflichtung, sich einzumischen. Auch für die Überlebenschance eines gesunden Waldes. Er ermutigt lokale Waldinitiativen, sich für ihren Wald und das, was mit ihm geschieht, zu interessieren. Wer ihn trifft, merkt demütig, dass man den Wald vor lauter Bäumen kein bisschen begriffen hat. Der Erfolg Wohllebens zeigt, wie groß die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Naturverständnis ist. Nicht wenige sagen, Wohlleben habe den Deutschen den Wald zurückgegeben. Ein Walddolmetscher und großer Kommunikator, wie es auch immer heißt, ist er auf alle Fälle. Dabei macht er nur das, was er von Anfang getan hat: Waldführungen, Kurse für ökologischen Wald- und über Blockhüttenbau. „Über Wald zu sprechen ist extrem politisch“, sagt der Akademiegründer.

Der Titel seines ersten Buchs aus dem Jahr 2007 „Wald ohne Hüter. Im Würgegriff von Jagdinteressen und Waldwirtschaft“ illustriert Wohllebens Sicht bereits anschaulich. 2006 hat der zweifache Vater seinen Job als verbeamteter Förster der rheinland-pfälzischen Forstverwaltung gekündigt. 1991 war er nach Hümmel, das 470-Einwohner-Dorf, gekommen und bewirtschaftete die 400 Hektar Gemeindewald, wie er es während seines Studiums gelernt hatte. Aber irgendwann tat ihm der Wald leid. „Wenn ein Förster sagt, er sei Naturschützer, ist das, wie wenn ein Metzger für sich in Anspruch nimmt, Tierpfleger zu sein “, sagt er heute. Die Kündigung ist wie ein Befreiungsschlag – und das Angebot des damaligen Bürgermeisters den Gemeindewald als Angestellter weiter nach seinen Vorstellungen zu bewirtschaften, Chance und Verpflichtung zugleich. Denn ein Zuschussgeschäft soll auch sein Wald nicht sein. Weil man „der Natur nicht helfen und sie gleichzeitig nutzen kann“, macht er in seinem Wald vieles anders. Er forstet konsequent mit Buchen auf und holt die Bäume nicht mit Harvestern, den schweren Maschinen, aus dem Wald, die die Struktur des Waldbodens – von Flüssigkeitsspeicher bis Mikroorganismen – dauerhaft zerstören. Wohlleben arbeitet wieder mit Pferden und Waldarbeitern und gibt dem Waldboden eine Überlebenschance. Er verzichtet auf Chemie. Abgestorbene Bäume bleiben als Lebensraum für etwa 3000 Insekten- und Pilzarten an Ort und Stelle liegen.

Unsere Wälder sind nur Plantagen

In grün kariertem Hemd, Outdoorhose und festem Schuhwerk, drahtig schlank, mit 1,98 Meter Größe alle überragend, schaut Wohlleben nun ins Tal, erzählt von den Römern und anderen Kriegern, die hier durchgezogen sind. „Hier gibt es genetisch keine Einheimischen“, sagt er auf die Menschen gemünzt. Auch ihn hat es aus dem Rheinland hierher verschlagen. „Alles Flüchtlinge sozusagen.“ Das Gleiche gilt aber auch für den Bewuchs. „Das ist eine alte Kultur-, aber keine Naturlandschaft“, erklärt er. „Das sind alles Waldplantagen“, sagt Wohlleben nun mit Blick in die Landschaft noch ein bisschen deutlicher und wischt das gute Gefühl des Städters mit einem Satz beiseite, hier mitten in der Natur zu stehen. Der Mensch habe Deutschland im Laufe der Jahrhunderte ausgelichtet und eine Steppenlandschaft geschaffen.

Fakt ist: Von den 90 Prozent Buchen-Urwald, die hier wie in ganz Deutschland die ursprüngliche Vegetationsform waren, ist nichts mehr zu sehen. Gerade mal 0,27 Prozent sind bundesweit übrig. Die Buchen sind dem Nadelwald gewichen. Aber den Fichten und Kiefern aus Skandinavien ist es hier eigentlich zu warm. Wenn sie kränkeln, kommen die Käfer. Die Herbststürme blasen sie dann um wie nichts. Oder sie sind leichte Beute bei Waldbränden. 52 Prozent des deutschen Waldes sind in öffentlicher Hand und werden nach der gängigen Schulmeinung bewirtschaftet, um möglichst viel Ertrag zu erzielen. Wohlleben hofft, dass das Bundesverwaltungsgericht das staatliche Forstmonopol kippen wird, um den Weg für neue Wege der Bewirtschaftung zu öffnen. Er ist optimistisch. Er bemerkt ein Umdenken. Er schaut gerne nach vorne. „Wir müssen gesellschaftlich diskutieren, wie wir es haben wollen“, sagt Wohlleben.

Bündnis mit den Toten

Er selbst hat sich entschieden. „Wenn Sie etwas für das Klima tun wollen, müssen Sie den Wald stehen lassen“, sagt er. Buchenwälder seien Wasserspeicher. „Spüren Sie, dass es hier kühler ist?“, fragt er. Dabei ist er als Mensch, der die Logik der Bäume verinnerlicht hat, geduldiger als seine Zuhörer. Die stellen oft Fragen wie die, ob er nicht traurig sei, dass er die Früchte seiner Arbeit nicht mehr erleben könne. „Kein bisschen“, sagt Wohlleben. Er denkt in Baumleben von bis zu 200 Jahren – und nicht in Menschenleben.

Momentan hat er schon mal die Zahlen auf seiner Seite. „Ein gesunder Wald ist leistungsfähiger als ein kranker. Das ist wie beim Menschen“, erklärt er. Mehr Ertrag, besseres Holz, bessere Preise, so heißt der Dreiklang, mit dem er überzeugen will. Seine Gemeinde hält zu ihm. So hat er ein Urwaldprojekt gestartet. Für vier Euro kann man einen Quadratmeter alten Buchenwald kaufen, der für die nächsten 50 Jahre unberührt bleibt. Und auch die Toten stehen auf seiner Seite. In dem Friedwald, den Wohlleben 2002 in den Wäldern seiner Gemeinde schuf, haben sich mittlerweile an die 4000 Menschen bestatten lassen. Gute Aussichten also für den Wald.