Die Biathletin Marina Sauter Immer am Anschlag

Von Melanie Pieske 

Marina Sauter ist Schülerin des Skiinternats Furtwangen. Eine Verletzung warf sie weit zurück. Jetzt kämpft sich die Nachwuchs-Biathletin wieder an die Spitze.

Anfang Januar hat  sich  Marina Sauter  für die Junioren-Weltmeisterschaft qualifiziert. Es wird der bislang größte  Wettkampf ihrer Laufbahn. Foto: Harald Deubert
Anfang Januar hat sich Marina Sauter für die Junioren-Weltmeisterschaft qualifiziert. Es wird der bislang größte Wettkampf ihrer Laufbahn.Foto: Harald Deubert

Furtwangen - Um sie herum ist es fast still. Marina Sauter spürt, wie das Blut in ihren Adern pulsiert. Wie der Wind nah an ihrem Ohr rauscht. Die restlichen Geräusche dämpft der meterhohe Neuschnee. Graue Wolken hängen über ihr und dem Schwarzwald. Als eine Böe die Schneedecke aufwirbelt, die sich wie ein weißer Schleier zwischen sie und das Ziel schiebt, hat sie das Gewehr schon im Anschlag. Den Finger am Abzug. Noch einmal einatmen. Ausatmen. Bevor ihre Lunge leer ist, hält sie die restliche Luft an. Ruhig liegt das Gewehr in ihren Händen. Im Ringkorn taucht die schwarze Scheibe auf. Zielen. Dann drückt sie ab.

Mit 300 Metern die Sekunde verlässt das Projektil den Lauf und schlägt 50 Meter weiter auf die Scheibe. Treffer. Vier weitere Schüsse fallen im Zweisekundentakt. Sie klingen wie Chinakracher, die auf leere Blechbüchsen knallen – hohl, harmlos. Dabei könnte die Kugel auf die Entfernung locker einen Menschen töten. Eineinhalb Kilometer könnte das Projektil fliegen, stünde ihm nichts im Weg.

„Marina! Einer rechts draußen!“, schreit Roman Böttcher. Ihr Trainer steht einige Schritte hinter dem Schießstand und korrigiert. Mit einer Kamera zoomt er auf die Zielscheibe und schiebt mit kleinen Magneten ein Schussbild auf die Tafel. „Einer rechts oben“, sagt er und hält das sogenannte Coaching-Board hoch. Die anderen vier Einschläge liegen sauber im Zentrum. Marina Sauter nickt und dreht am Diopter, ihrem Visier.

Am Biathlon-Stützpunkt Schönwald vermischt sich der Geruch von Schwarzpulver mit dem nach frischem Schnee. Der Wind bläst Marina Sauter dicke Flocken ins Gesicht. Als sie vor einer halben Stunde in den Bus stieg, brach gerade der Winter mit voller Wucht aus. Im Dezember hatte sie noch auf Skirollern trainiert, auf geteerten Radwegen, auf hartem Asphalt, jetzt Mitte Januar endlich: Schnee!

Der große Traum, eine Profisportlerin zu sein

Marina Sauter, 19, ist Schülerin des Skiinternats Furtwangen. Mit noch 23 anderen Nachwuchsathleten schuftet sie hier für ihren Traum: Profisportler. Unterschiedliche Disziplinen, gleiches Ziel. Auch die Skispringer Martin Schmitt und Sven Hannawald reiften in Furtwangen zu großen Sportstars heran. Auf ausgeschnittenen Fotos fliegen sie im Foyer von der Schanze. Sie sind Wegweiser und Messlatte zugleich. Den Sprung in einen Profikader schaffen nur wenige Athleten am Ende der Schule.

Für Marina Sauter wäre der Traum fast schon im 2. Juli 2014 geplatzt. An das Datum erinnert sie sich genau. Dabei würde sie den Tag am liebsten verdrängen und vergessen. Ihr linker Fuß schmerzt noch heute manchmal unter starker Belastung. Dann denkt sie an damals, an diesen verfluchten Mittwoch, als sie im Kraftraum umknickte. Sofort kam der Schmerz. Da ahnte sie noch nicht, dass ihr am Mittelfuß ein Stück Knochen herausgebrochen war. Sie trainierte noch tagelang weiter.

Immer geht sie über ihre Schmerzgrenze. Darin ist Marina Sauter spitze. Ihre Trainer beschreiben sie als ehrgeizig und als besonders hart im Nehmen. „Extrem willensstark“ sei sie, lobt ein Mitschüler die zierliche, nur 1,60 Meter große Frau mit den langen Haaren, den rosa Wangen und Lachfältchen um die Augen. Eine Kämpferin, zumindest auf den zweiten Blick.