Diskussion über neue Wohnformen im Strohgäu Im Alter allein, aber nicht einsam

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In Ditzingen und Gerlingen entstehen zwei neue Pflegeeinrichtungen. Sie vermitteln einen Eindruck, wohin sich die Betreuung in Zukunft entwickelt.

Auch in Heimerdingen gibt es Pläne für eine Einrichtung  für Pflegebedürftige, die neue Wohnformen testet. Foto: factum/Granville
Auch in Heimerdingen gibt es Pläne für eine Einrichtung für Pflegebedürftige, die neue Wohnformen testet. Foto: factum/Granville

Strohgäu - Als Michael Brenner den Ditzinger Stadträten die Pläne für eine Einrichtung des Pflegewohnens in Heimerdingen vorstellte, machte der Heimerdinger Ortsvorsteher aus seiner Freude über die Konzeption keinen Hehl. Schließlich soll in dem Ortsteil eine Einrichtung entstehen, die in dieser Form bisher landesweit einmalig ist. Träger der Einrichtung ist die Heidehof-Stiftung. Deren Geschäftsführer ist Michael Brenner. Er sagt: „Es ist der Hauptzweck nichtstaatlicher Stellen, genau das zu tun: etwas auszuprobieren und ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen.“ Das bedeutet laut Brenner eben auch, Wohnprojekte zu testen, bei denen es relativ wenig Erfahrung gibt.

Brenner ist der Heidehof-Stiftung verpflichtet, die in der Rechtsform einer gemeinnützigen Gesellschaft organisiert ist. Die Stiftung geht auf den Unternehmer Robert Bosch zurück. Er und Eva Madelung gründeten 1971 die Stiftung für Bildung und Behindertenförderung, 2005 wurde sie in Heidehof-Stiftung umbenannt.

Pflegefachkraft ist nicht ständig anwesend

In Heimerdingen wird alles angeboten, was ein traditionelles Pflegeheim umfasst. Allerdings wird das Angebot ambulant in Tagespflege, Wohngemeinschaften und Einzelapartments gewährleistet: Die Pflegefachkraft ist nur bei Bedarf anwesend.

Wenngleich dieses Modell einmalig ist, so sieht Brenner darin nur einen Zwischenschritt für künftige Wohnformen. Er blickt dabei auf Einrichtungen der Behindertenhilfe. In diesem Bereich habe sich die Entwicklung weg vom Heim hin zur Wohngemeinschaft schon vor 20 Jahren abgezeichnet. „Heute geht es dort hin zum Einzelwohnen“, meint Brenner. In der Altenbetreuung könnte dies auch möglich werden durch den verstärkten Einsatz von Technik. Brenner spricht dabei nicht nur von barrierefreiem Wohnen und Hilfen im Haushalt, die bereits unter dem Stichwort „Smart Home“ diskutiert werden. Vielmehr bieten sich dadurch auch medizinische Möglichkeiten, etwa Blutwerte zu überwachen und im Zweifel automatisch Kontakt zum Arzt aufzunehmen.

Die Individualisierung sieht Brenner für die Zukunft nicht negativ, obwohl er bei der Vorstellung des Heimerdinger Projekts die Vereinsamung als eine Ursache nannte, die den Umzug ins Pflegeheim heutzutage erforderlich mache. Doch was ist einsam? „Das muss man vielleicht in 20 Jahren neu definieren“, sagt Brenner mit Blick auf die Nutzung der sozialen Medien. Direkte, persönliche Kontakte werde es immer geben, meint Brenner. Kontakte über die neuen Medien müssten aber nicht minder intensiv sein. Ihm gehe es darum, nicht das eine gegen das andere auszuspielen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Gleichwohl legt sich die Heidehof-Stiftung heute schon fest, nicht weitere Pflegezentren bauen zu wollen. Sie verantwortet etwa das Haus Guldenhof in Hirschlanden und das Breitwiesenhaus in Gerlingen. Mit den dezentralen, individuellen Pflegewohnformen erschließen sich allerdings auch für die örtliche Sozialstation neue Aufgabenfelder. Denn die Bewohner dieser Einrichtungen sind grundsätzlich frei in der Wahl des Pflegedienstes. Auch vor diesem Hintergrund sieht der Geschäftsführer der Ditzinger Sozialstation, Ulrich Bahmer, die Notwendigkeit und den Bedarf gleichermaßen, mehr Angebote zum Beispiel gegen die Vereinsamung zu machen.

Neue Aufgabenfelder für Sozialstationen

Grundsätzlich sei das ambulante Angebot der Vor- und Nachsorge ausweitbar, so lange es der Gesellschafter genehmige, macht Bahmer deutlich. Der Gesellschafter ist der Gemeinderat. Eine Einschränkung etwa zur Heidehof-Stiftung macht Bahmer allerdings: die städtische Tochter baut nicht selbst. Die Stadt Ditzingen hingegen könnte dies. Bahmer will diese Kombination – die Stadt baut, die Tochtergesellschaft betreut – nicht ausschließen. Er würde dies dem Gemeinderat auch vorschlagen, wenn sich auf dem Markt kein Investor und Anbieter fände, obwohl die Krankenkassen zuvor schon entsprechend in die Pflicht genommen wären. „Da, wo es um Leben und Tod geht, ist im Zweifel der Steuerzahler in der Pflicht“, sagt Bahmer. Der christdemokratische Bürgermeister steht zur Sozialisierung der Kosten: „Unser Job ist das Gemeinwohl.“