InterviewDruckkammer im Klinikum Ludwigsburg „Bei Brandopfern zählt jede Minute“

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Zwei Opfer der Brandstiftung in Markgröningen wurden vor ihrem Tod wegen Rauchgasvergiftung in der Druckkammer des Klinikums behandelt. Der Oberarzt Clemens Henze erklärt, warum diese Druckkammer an sich vielfach Leben retten kann.

Der Oberarzt Clemens Henze an der Druckkammer – in der nicht nur Brandopfer behandelt werden Foto: factum/Bach 8 Bilder
Der Oberarzt Clemens Henze an der Druckkammer – in der nicht nur Brandopfer behandelt werden Foto: factum/Bach

Ludwigsburg - Clemens Henze ist Oberarzt und Experte für die Druckkammer-Behandlung am Klinikum Ludwigsburg. Hier wurden auch zwei Opfer der Brandstiftung in einer Obdachlosenunterkunft in Markgröningen behandelt, ehe sie starben. Auf den konkreten Fall darf Henze aufgrund seiner Schweigepflicht nicht eingehen, aber im Interview spricht er über die Möglichkeiten der Behandlung in der Druckkammer allgemein.

Herr Henze, warum werden Menschen mit einer Rauchgasvergiftung in einer Druckkammer behandelt?
Menschen, die einem Brand in geschlossenen Räumen ausgesetzt sind, atmen viel Kohlenmonoxid (CO) ein. Dieser Stoff ist für unsere Sinne nicht wahrnehmbar, kann aber tödlich sein. Denn CO bindet sich an den Blutfarbstoff Hämoglobin und verhindert dadurch, dass Sauerstoff andocken kann. Außerdem geht Kohlenmonoxid in die Mitochondrien, also den Energielieferanten der Zellen, und blockiert dort Enzyme der Atmungskette. Man erstickt dann innerlich. Als erstes fallen jene Organe aus, die am meisten Sauerstoff benötigen: Herz und Hirn.
Würde es dann nicht ausreichen, den Geschädigten einfach puren Sauerstoff zum Atmen zu geben?
Im Prinzip ja, aber unter Druck geht die Diffusion schneller. Um den Anteil von Kohlenmonoxid in meinem Blut unter Normalbedingungen zu halbieren, benötigt mein Körper vier bis sechs Stunden. Danach kann ich mir aber immer noch nicht sicher sein, ob das CO aus den Mitochondrien verschwunden ist und dann Spätkomplikationen auftreten. Bei einem dreifach erhöhten Druck von drei bar und einer Sauerstoffzufuhr von 100 Prozent halbiert sich der CO-Gehalt innerhalb von 23 Minuten. Und bei Brandopfern zählt jede Minute. Sie haben nämlich im Zweifel nicht nur zu viel Kohlenmonoxid, sondern unter Umständen auch noch Cyanide, also Zellgifte, eingeatmet, die bei der Verbrennung etwa von Kunststoffen entstehen.
Wie genau funktioniert die Behandlung in der Druckkammer, und wie wird erkannt, wem sie helfen kann?
Schon die Feuerwehr kann am Einsatzort mit einem Gerät den CO-Gehalt im Blut der Geretteten messen. Zeigt eine Person typische Symptome einer Rauchgasvergiftung – Luftnot, Brustenge, oder neurologische Ausfälle wie Bewusstlosigkeit oder Orientierungslosigkeit – bekommen die Menschen sofort Sauerstoff verabreicht und werden in die Klinik transportiert. In der Druckkammer wiederum wird die Person „auf Tauchtiefe gebracht“, wie man sagt: Bei der ersten Fahrt simulieren wir einen Druck, wie er 20 Meter unter Wasser besteht – also drei bar. Die Behandlung geht 159 Minuten, am Ende halbieren wir den Druck etappenweise – wie beim Tauchen auch soll man langsam wieder an die Oberfläche zurück, da sonst die Lunge zu platzen droht. Das ist reine Physik: Das Produkt aus Druck und Volumen ist immer gleich. Erhöhe ich den Druck, verringere ich das Volumen und umgekehrt. Und es gibt noch eine Parallele zum Tauchen: In der Druckkammer gilt auch das „Buddy-Prinzip“: Es darf also niemals eine Person alleine in der Kammer sein. Es muss immer ein Helfer dabei sein.
Gibt es noch andere Notfälle, die in der Druckkammer behandelt werden?
Rauchgasvergiftungen sind der häufigste Notfall bei uns, da haben wir etwa 40 Fälle im Jahr. Das sind nicht nur Brandopfer, häufig sind es Besucher einer Shisha-Bar, die zu lange an der Wasserpfeife gezogen haben, Opfer einer schlecht gewarteten Gastherme oder Indoor-Griller. Ein weiterer Fall ist der Gasbrand. Dabei handelt es sich um eine extrem gefährliche Infektionskrankheit, bei der der Erreger in einer verunreinigten Wunde in die Tiefe dringt und die Muskulatur zersetzt. Ähnlich verhält es sich mit der nekrotisierenden Fasziitis (Anm.: eine Infektionskrankheit der Unterhaut). Die Druckkammer kann auch helfen beim Morbus Ahlbäck oder anderen Knochennekrosen, also Erkrankungen, bei denen aus unbekannten Gründen Knochengewebe abgestorben ist. Hier hilft die Druckkammerbehandlung, weil sie neue Blutgefäße einsprießen lässt und damit den Knochen wieder durchblutet, so dass der heilen kann. Ab und zu haben wir auch einen Tauchunfall zur Behandlung hier, wenn etwa ein Taucher gegen die Tauchregeln verstoßen und deswegen zu viel Stickstoff im Blut hat. Ambulant behandeln können wir in der Druckkammer unter anderem Menschen mit Wundheilungsstörungen, Hörstürzen oder Entzündungen nach einer Strahlenbehandlung.
Was kostet eine Behandlung in der Druckkammer?
Eine Fahrt in der Kammer kostet einen gesetzlich versicherten Patienten 170 Euro. Das kann bei ambulanten Behandlungen teuer werden, denn nur wenige Krankenkassen zahlen das. Diabetes-Patienten, die Wundheilprobleme an den Füßen haben, sollen zur Behandlung zunächst 25 Fahrten in der Druckkammer machen. Damit können Amputationen verhindert und chronische Wunden verschlossen werden.
Sie scheinen sich mit dem Tauchen auszukennen. Gehen Sie selbst privat tauchen?
Ja, das stimmt. Frei nach Brösels Werner sehe ich das so: „Ein Taucherarzt, der nicht taucht, taugt nichts.“

Eines von vier Druckkammer-Zentren im Land

HBO
Die Druckkammer-Therapie wird auch HBO – hyperbare Sauerstofftherapie – genannt. Sie ist eine Behandlungsmethode für Erkrankungen, deren Ursache ein Sauerstoffmangel im Zellgewebe oder im Blut ist. In Baden-Württemberg existieren vier Druckkammer-Zentren: Heidelberg, Ludwigsburg, Karlsruhe und Freiburg.

Verbrennungen
Auch Patienten mit schweren Verbrennungen brauchen eine spezielle Behandlung. Die Feuerwehr Hamburg übernimmt die bundesweite Vermittlung von Krankenhausbetten für schwer Brandverletzte. In Baden-Württemberg gibt es dafür insgesamt zehn Betten, drei davon im Marienhospital in Stuttgart.

Person
Clemens Henze ist Taucharzt und Anästhesist. Er arbeitete fünf Jahre im privatwirtschaftlich betriebenen Stuttgarter Druckkammercentrum DCS1. Ende 2014, als das Druckkammerzentrum nach Ludwigsburg zog, kam Henze ans Klinikum. Der 46-Jährige ist Geschäftsführer des Verbands Deutscher Druckkammerzentren.