Ein Stück Cannstatt Vom Kurort zum beliebten Wohngebiet

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Mineralbad und Brunnen locken viele Cannstatter und Besucher in den Stadtteil Kurpark. Schon im 19. Jahrhundert waren hier Gäste aus aller Welt zu Gast, um sich Mineralwasserkuren zu unterziehen.

Olaf Schulze am Aussichtspunkt im Oberen Kurpark Foto: Annina Baur
Olaf Schulze am Aussichtspunkt im Oberen Kurpark Foto: Annina Baur

Bad Cannstatt - Eigentlich müsste der Stadtteil ja „Kursaal“ statt „Kurpark“ heißen. „Wenn die Cannstatter sagen: ,Ich gehe in den Kursaal’ meinen sie damit nicht unbedingt das Gebäude, sondern auch den Park“, erklärt der Historiker und Pro Alt-Cannstatt-Vorsitzende Olaf Schulze. Auch er spaziert gerne durch die rund 15 Hektar große Anlage – häufig in Begleitung: „Kursaal und Kurpark sind neben der Altstadt die gefragtesten Punkte für Führungen in Bad Cannstatt, auch über die Region hinaus“, sagt der Historiker, der regelmäßig Besuchergruppen unter anderem durch Bad Cannstatt führt. Insbesondere der verwunschene obere Kurpark überrasche viele Besucher positiv, kaum einer vermute diese grüne Lunge inmitten des von Industrie geprägten größten Stuttgarter Stadtbezirks.

Doch Kurpark und Kursaal sind nicht nur hübsch anzuschauen, sondern auch geschichtsträchtig. Alles beginnt mit einer Quelle am Sulzerrain, also am Fuß des Hangs, der sich hinter dem Großen Kursaal erhebt. „Bereits in den 1770er Jahren wurde dort eine Bohrung vorgenommen, man wollte Salz aus dem Mineralwasser gewinnen, die Quelle wirtschaftlich nutzen“, weiß Schulze. Doch man fand zwar eine sprudelnde Quelle, nicht jedoch genügend Salz im Wasser. Bald begannen die Cannstatter das Wasser zu trinken und erste Analysen bestätigten eine gesundheitsfördernde Wirkung. „Das war der Beginn des Kurlebens“, sagt Schulze.

Kurgäste aus aller Welt

Um 1810 wurden erste Wege in dem bis dato völlig unverbauten Gebiet angelegt und schon bald kamen Gäste auch aus der Umgebung nach Bad Cannstatt: „1819 wurden neue Quellen gefasst und ein Pavillon gebaut sowie eine Allee angelegt, die auf direktem Weg von der Brunnenstraße zur Quelle führte.“ In den 1820er Jahren kamen nicht nur mehr Gäste, sondern es wurde auch 1821 ein Brunnenverein gegründet und 1825 mit dem Bau des Kursaals begonnen und Flanierwege rechts und links der Straße angelegt – die unteren Kursaalanlagen waren entstanden. „Um 1830 entstand eine Abfüllanlage, Anfang der 1840er Jahre ein Restaurant“, berichtet Schulze. Kurgäste aus Frankreich, Russland, der Schweiz und England besuchten Bad Cannstatt, um Mineralwasser zu trinken und darin zu baden.

Erst im Lauf der 1860er Jahre wurde das Gebiet besiedelt – vornehmlich Bankiers, ehemalige Hofbeamte und Schriftsteller ließen sich rund um den Kursaal nieder. „Die Gegend wurde deshalb auch Pensionopolis genannt“, sagt Schulze schmunzelnd. In diesen Jahren werden auch die oberen Kursaalanlagen zu einem Park im englischen Stil gestaltet. Später lassen sich auch Fabrikanten im Viertel nieder, darunter Wilhelm Maybach, Sigmund Lindauer und Gottfried Daimler. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts entsteht ein Stadtbad an der Stelle des heutigen Mineralbads, der Park wird teilweise umgestaltet und 1909 der Kleine Kursaal gebaut.

Bis heute ein beliebtes Wohnviertel

Aufschwung ins etwas eingeschlafene Kurleben kam unter dem nationalsozialistischen Regime: „Es wurden Brunnen modernisiert, Kurkonzerte veranstaltet und Cannstatt bekam 1933 den Namen Bad Cannstatt“, so der Historiker. 1937 werden die Straßennamen geändert: Weil es nach der Vereinigung mit Stuttgart 1905 viele Namen doppelt gab, werden Karlsplatz, Olga- oder Eberhardstraße in Bad Cannstatt gestrichen und durch die Namen von Badestädten ersetzt. Eine Werbeanzeige für Bad Cannstatt wirbt in den 30er Jahren mit dem Slogan „Magen.Herz.Rheuma.Zucker“. Gegen all diese Krankheiten soll das Cannstatter Mineralwasser helfen. „Noch weiterreichende Pläne, das Baden als Schwerpunkt in Stuttgart zu etablieren, wurden aber durch den Zweiten Weltkrieg verhindert.“

Das Kurparkviertel ist und bleibt jedoch Anlaufpunkt für alle Freunde des Mineralwassers – egal ob zum Baden im Mineralbad oder zum Trinken am Lautenschlägerbrunnen. Und ein beliebtes Wohnviertel, das ist es auch bis heute. Einwohner: 5113

Fläche: 58,3 Hektar

Besonderheit: grüne Lunge

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