Entgleister Zug Bahn-Chaos wird wohl noch Tage anhalten

Von Ralf Recklies 

Nach der Entgleisung des Intercity am Samstag ist nur ein Teil der 16 Gleise am Hauptbahnhof für den Bahnverkehr verfügbar. Die Ursache des Unglücks ist noch unbekannt. An der gleichen Stelle hat sich vor zwei Monaten ein ähnlicher Unfall ereignet.

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Stuttgart - Bahnreisende müssen sich nach Auskunft der Deutschen Bahn auch in den nächsten Tagen – wie schon nach einem Zugunglück vor zwei Monaten – auf erhebliche Behinderungen, Zugausfälle und Verspätungen am Stuttgarter Hauptbahnhof einstellen. Die Aufräumarbeiten nach der Entgleisung des IC 2312 am Samstag um 11.40 Uhr mit sieben leicht Verletzten laufen auf Hochtouren. Die Wagen seien inzwischen wieder auf die Schienen gestellt worden, teilte ein Sprecher der Bahn am Sonntagabend mit.

Techniker würden derweil mit Hochdruck an der Instandsetzung der Oberleitung und der Gleise arbeiten. Die Reparatur der Gleise dauere aber voraussichtlich noch die ganze Woche über an, so der Bahnsprecher. Am Sonntag waren elf der am Vortag komplett für den Bahnverkehr gesperrten 16 Gleise für Züge des Regional- und Fernverkehrs wieder frei gegeben.

Viele Gestrandete suchen Hilfe

Bis in die frühen Abendstunden hinein war der Bahnhof am Samstag für alle Züge gesperrt gewesen. Am Infostand der Bahn hatten viele gestrandete Bahnkunden Rat und Hilfe gesucht. Ein Großteil des Regional- und Fernverkehrs wurde über umliegende Bahnhöfe wie Kornwestheim, Bietigheim-Bissingen, Esslingen und Vaihingen/Enz abgewickelt. Die S-Bahn, die ebenfalls von dem Unfall des planmäßig um 11.37 Uhr gestarteten IC nach Hamburg-Altona betroffen war, verkehrte nach Angaben des Bahnsprecher vier Stunden nach dem Unglück wieder planmäßig.

Auch in den nächsten Tagen werden viele Züge des Fern- und Regionalverkehrs nicht über den Stuttgarter Hauptbahnhof fahren. Die Züge der ICE-Linie München-Berlin beispielsweise umfahren Stuttgart; sie halten dafür in Esslingen und Vaihingen/Enz. Einige Regionalzüge beginnen und enden in Kornwestheim, Bietigheim-Bissingen oder Böblingen. Mit Verspätungen und dem Ausfall einzelner Züge müsse aber weiterhin gerechnet werden, betont die Deutsche Bahn gestern Abend.

Zugunfall wird untersucht

Der Intercity 2312 mit dem Ziel Hamburg-Altona war nach Auskunft des Bundespolizeisprechers Michael Göckeler um 11.40 Uhr bei der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof entgleist. Dabei wurden sieben Personen leicht verletzt, fünf mussten in Kliniken versorgt werden. Rund 150 Reisende waren im Zug. Am Sonntag gab es zur Unfallursache noch keine genauen Informationen. Mitarbeiter der Eisenbahnunfalluntersuchungsstelle des Bundes sind seither mit der Ursachenforschung beschäftigt.

Drei Waggons und die schiebende Lokomotive waren an einer Weiche etwa 200 Meter vom Ende des Bahnsteigs 10 entfernt aus den Gleisen gesprungen und mit einem Oberleitungsmast kollidiert. Dieser stürzte auf den Zug. Das machte die Evakuierung der Fahrgäste für die Rettungskräfte schwierig. Sie mussten mehr als eine Stunde auf die Einsatzkräfte warten. „Die Unfallstelle musste komplett geerdet werden, damit der in den Oberleitungen vorhandene Reststrom vor der Bergung der Fahrgäste abfließen konnte“, sagte Göckeler. Zwei weitere Züge mussten laut der Nachrichtenagentur dpa wegen des Unfalls aus Sicherheitsgründen auf freier Strecke halten und ebenfalls dort evakuiert werden.

Harsche Kritik an der Bahn

Bereits im Juli war  ein IC nach Hamburg-Altona an exakt der gleichen Stelle entgleist. In der Folge hatte es ein tagelanges Bahnchaos gegeben. Für das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ist dies der Beweis, dass die Bahn den Umbau für Stuttgart 21 nicht im Griff habe. Ein Bahnsprecher sagte, ein Zusammenhang mit dem Umbau sei reine Spekulation. Ein Sprecher der Gegner sagte dagegen, für die Schienenstränge bleibe wegen des derzeitigen Baus eines Querbahnsteigs für Stuttgart 21 weniger Platz. Die Gleiskurven seien daher „gestaucht“ und hätten einen engeren Radius. Kritik an der Bahn gibt es von Kunden wegen ihrer Informationspolitik. Reisende, die sich über Internet, Teletext oder Telefon informieren wollten, ob, wann und wo ihre Züge abfahren, wählten sich nicht selten die Finger wund oder bekamen nur unzureichende Auskünfte.

Auf Youtube kursiert ein Video von dem Unfall, das ein Amateurfilmer aufgenommen hat.

Aktuelle Informationen zu Verspätungen gibt es bei der Bahn und für die S-Bahn bei der VVS.

 

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60 KommentareKommentar schreiben

Katastrophale Planung und noch schlechtere Ausführung. Mentetekel für S-21.: Kein normaler Mensch traut der Bahn die S-21Durchführung zu. Warten wir, wenn bei den Tunnelbohrungen die Grundwasserprobleme und die Fundamentrisse auftreten, dann geht den Herren Grube und Kefer der Hintern mit Grundeis.

@Barrel: Sachlich bleiben...: ... aber bitte dann auch auf beiden Seiten. Natürlich kann im Kopfbahnhof ein Zug in den Prellbock rasen, wie in Argentinien - in der Annahme das wir genauso schlecht Zugsicherungstechnik wie in Argentinien haben! Dann kann es aber auch passieren dass ein ICE den Fildertunnel ungebremst herabschiesst und mit 300 Sachen in das Tiefbahnhöfle kracht. --> also dann doch lieber den Kopfbahnhof. Gruss

Verkehrsminister?: Haben wir eigentlich noch ein Verkehrsministerium, das diesen Namen verdient? Ist der Minister eingeschlafen oder denkt er angestrengt darüber nach, welche Ampeln er versetzen muss, damit er die Feinstaubmessanlagen austricksen kann? Eigentlich erwarte ich, dass das Verkehrsministerium eines Bundeslandes, in dessen Landeshauptstadt sich die Bahnunfälle häufen, deutlich tätig wird. Kritisch begleiten stelle ich mir anders vor. Ganz anders.

@gamalarma: Sie S21-Bauarbeiten finden - wie man sieht - auch unter dem laufenden Rad statt und dann entgleisen die Züge auf nagelneuen Weichen. Aber solange Gestalten wie Sie andere als 'Jünger' diffamieren können, ist ja alles in Ordnung. Das übliche halt, schäbig wie eh und je.

An Gamalama: Sanierung: Es stimmt, was sie sagen. Aber es stimmt auch, dass K21 viel weniger kostet und nur minimale Risiken in sich birgt. Deshalt Oben bleiben!

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