Erdbeben Kritik am Urteil gegen Forscher

Sven Titz, 19.02.2013 06:00 Uhr

Stuttgart - Der Prozess schlug weltweit hohe Wellen: Im Oktober 2012 verurteilte das Gericht von L’Aquila in Mittelitalien sieben Erdbebenexperten. Wegen fahrlässiger Tötung sollen sie für sechs Jahre ins Gefängnis. Angeklagt waren die Fachleute im Zusammenhang mit dem Erdbeben, das am 6. April 2009 die Stadt L’Aquila mit einer Magnitude von 6,3 verwüstete: Mehr als 300 Menschen starben, viele von ihnen waren Studenten. Den Experten wird vorgeworfen, trotz einer Reihe von Vorbeben die Öffentlichkeit über die Gefahr im Unklaren gelassen zu haben. Sie trügen wegen dieser Fahrlässigkeit eine Mitschuld am Tod von 29 Menschen und an den Verletzungen von fünf weiteren – diese seien aufgrund der fachlichen Einschätzung in Gebäuden der Stadt geblieben.

Das Urteil hat viele Wissenschaftler empört, nicht nur in Italien: Sie finden, ihre Kollegen seien zu Sündenböcken gemacht worden. Doch erst jetzt, da der Richter Marco Billi die mehr als 900 Seiten lange Begründung seines Urteils nachgereicht hat, kann man sich mit seinen Argumenten genauer auseinandersetzen.

Die Angeklagten sollen ihre Informationspflicht verletzt haben

Die Begründung zeigt, dass der Richter den Experten nicht vorwirft, dass sie es versäumt hätten, die Erdstöße vorherzusagen. Eine Bebenvorhersage sei nicht möglich, schreibt er. Da stimmt er mit der Lehrbuchmeinung überein (siehe Seite 3). Das Vergehen sieht Billi woanders: Die Experten hätten wenige Tage vor dem Beben „unvollständige, ungenaue und widersprüchliche Informationen zur Natur, Ursache, Gefahr und künftigen Entwicklung der seismischen Aktivität“ geliefert. Billi zufolge machte dies auf die Einwohner einen beruhigenden Eindruck. Die Experten hätten damit ihre gesetzlich verankerte Informationspflicht verletzt.

Der Hinweis auf die Informationspflicht ist wichtig. Am 31. März 2009 wurde nämlich in L’Aquila eine Sitzung der offiziellen italienischen Kommission für Großrisiken anberaumt, nachdem ein Schwarm schwacher Beben die Einwohner in Unruhe versetzt hatte. In dieser Sitzung erläuterten die später angeklagten Fachleute dem Bürgermeister, politischen Vertretern der Region sowie Mitgliedern des Katastrophenschutzes, wie es um die Gefährdung der Stadt durch Erdbeben stand. Dabei fielen die verhängnisvollen Äußerungen: Der Erdbebenschwarm sei kein Vorzeichen für weitere Beben, sondern ein normales geologisches Phänomen, sagten die Wissenschaftler.

Zuvor gab einer der Verurteilten – Bernardo De Bernardinis, damals Vizepräsident des Katastrophenschutzes – ein später scharf kritisiertes Interview. Er sagte, es bestehe „keine Gefahr“; die wissenschaftliche Gemeinschaft versichere ihm, dass die Lage „günstig“ sei, weil es eine Entladung von Energie gebe – eine Einschätzung, die die beteiligten Seismologen gar nicht vertraten. Darüber hinaus belegt ein aufgezeichnetes Telefonat, dass die Veranstaltung in L’Aquila von Guido Bertolaso, dem damaligen Chef des Katastrophenschutzes, veranlasst worden war, um die Bevölkerung zu beruhigen. Dieses Gesamtbild hat den Richter offenbar zu seinem drakonischen Urteil bewogen.