Essay zum Urheberrecht Das Ende der Buchläden

Von Christine Lehmann 

Wird das Urheberrecht abgeschafft? Die Diskussion vor der Buchmesse vermittelt fast den Eindruck. Tatsächlich geht es darum, die Regeln so an die neuen Zeiten anzupassen, dass Autoren auch künftig von ihrer Arbeit leben können, meint die Stuttgarter Krimi- und Jugendbuchautorin Christine Lehmann.

Die virtuelle Bibliothek ist Gegenwart. Foto: dpa
Die virtuelle Bibliothek ist Gegenwart. Foto: dpa

Stuttgart - Dies ist ein urheberrechtlich geschützter Text. Damit das klar ist. Den dürfen Sie auf Ihren Computer runterladen, aber nicht auf Ihre Internetseite stellen, wo Sie für Ihre Bücher, Schmuckstücke oder Seminare werben. Das regelt das Urheberrecht. Wir haben ein gutes Urheberrecht. Doch jetzt sind die Piraten da und fordern irgendwas, was nach Abschaffung klingt. Nach dem Versuch, eine Droge zu legalisieren, nämlich die, kostenlos Musiktitel und Artikel aus dem Netz zu holen und weiterzugeben.

Urplötzlich sind zwei Generationen aufeinandergeknallt. Von der einen Seite kamen die Künstler, von der anderen die Face-down-Generation, die, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, Wissen, Unterhaltung und Kunst haben möchte, ohne vom Stuhl aufzustehen. Sie ist damit groß geworden, dass Musik im Netz nur illegal zu haben war, weil die Musikindustrie es versäumt hatte, leicht zu bedienende Online-Verkaufsportale einzurichten. CD-Läden gibt es in unseren Städten mittlerweile kaum noch. Musiker müssen auf Konzerttour, um Geld zu verdienen; Live lässt sich nicht runterladen.

Unseren Buchläden wird es auch so gehen. Bald werden Bücher nur noch elektronisch vertrieben und getauscht, massenhaft, Krimis wie Lyrik. Nun ja, ganz so weit ist es noch nicht . . . Doch in der Tat nimmt der Verkauf von E-Books Fahrt auf. Verlage könnten damit gut Geld verdienen. Am Buchhandel geht das komplett vorbei. Die Versuche des Buchhandels, sich am E-Book-Markt als Zwischenhändler zu beteiligen, sind marginal, ein Konzept ist nicht in Sicht. Noch beschwören wir uns gegenseitig: Das Buch wird es immer geben. Es gibt ja auch Leute, die legen wieder Platten auf. Sogar die Piraten halten das gedruckte Buch für ein Sammlerobjekt. Allerdings stecken bereits viele ihre kiloschwere Urlaubsbibliothek nicht mehr in den Koffer, sondern in den E-Reader. In den USA gibt es auch schon Tauschbörsen für E-Books, bisher nur für Schund. Verlag und Autor verdienen dabei keinen Cent.

Autoren müssen verdienen, Leser wollen nicht zahlen

Das müssen wir verhindern! schreit die Autorin in mir. Und wir Autoren kämpfen deshalb mit schmerzverzerrtem Gesicht um jeden Cent aus der Verwertung unserer Arbeit, weil es ohnehin nur Cents sind, die wir pro Buch verdienen.

Andererseits bin ich auch Leserin. Und ich möchte nicht bezahlen für Zeitungsartikel oder Videos, die ich zur Recherche nutze. Und wenn eine schöne Kritik meines letzten Buchs erscheint, möchte ich die auf meiner Internetseite meinen Lesern zur Kenntnis bringen. Und zwar, ohne ein reguläres Honorar an den Rezensenten zu zahlen. Bei zehn Rezensionen würde ich arm. Mache ich nicht auch Werbung für die Zeitung und den Kritiker? Legal ist es nicht. Oder doch? Ist eine Autoren-Seite eine kommerzielle oder eine private? Und was ist mit dem Link auf die Rezension in meinem Facebook-Profil? Facebook ist eine kommerzielle Tauschbörse von Bildern, Texten und Links zu fremden Portalen. Facebook verdient gut, zum Beispiel mit Werbung. Doch den Urhebern zahlt Facebook nichts.

Es sieht aus, als hätten wir wirklich Klärungsbedarf. Und als wäre ein gewisser Schlendrian eingerissen, der jetzt gefährlich wird, weil die Piraten angefangen haben, laut übers Urheberrecht zu reden. Eigentlich ist klar, dass niemand einen Text von einem anderen ohne dessen Erlaubnis veröffentlichen darf. Wenn ich das mache und Pech habe, lässt der Urheber das von einem Anwalt durchsetzen. Das geißeln wir als Abmahnungs-Unwesen. Man hört allenthalben, Eltern müssten für ihre internettenden Kinder plötzlich tausend Euro zahlen. Ob es wirklich jemals so viel war, kann ich nicht verifizieren. Längst regelt der Paragraf 97a im Urheberrechtsgesetz, dass ein zu Recht Abgemahnter beim ersten Mal und in einem einfach gelagerten Fall nicht mehr als 100 Euro Anwaltskosten zahlen muss. Worüber regen wir uns also auf? Diebstahl ist halt verboten. Auch im Internet. Übrigens sind alle in unseren Parlamenten vertretenen Parteien gegen das „Geschäftsmodell Abmahnung“ für Anwaltskanzleien und verlangen die Deckelung der Anwalts­honorare.