Esslinger Kulturszene Origineller Abschied des Bahnwärterstipendiaten

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Johann Reißer lädt am Samstag, 22. April, zur Performance „Maschinenwäsche Locus Vogelsang“. Seinen Abschied von Esslingen verbindet er mit einem Appell.

Johann Reißer hat Bilder aus Esslingen mit Hilfe einer Glasscherbe verfremdet. Foto: Rudel
Johann Reißer hat Bilder aus Esslingen mit Hilfe einer Glasscherbe verfremdet. Foto: Rudel

Esslingen - Er hat sogar um zwei Monate verlängert. Wenn der Lyriker, Romancier, Performancekünstler und Theaterschriftsteller Johann Reißer Ende April Esslingen in Richtung seiner Wahlheimat Berlin verlässt, wird er acht statt sechs Monate als Stipendiat im Esslinger Bahnwärterhaus gelebt haben. Reißer ist der erste Künstler gewesen, der nach den neuen Bahnwärter-Kriterien gefördert wurde. Früher waren im Wechsel ein Literat und ein Bildender Künstler jeweils drei Monate Bahnwärterstipendiat in Esslingen.

Fotos, aufgenommen durch eine geschliffene Glasscherbe

Johann Reißer begrüßt die Neuordnung nachdrücklich: „Drei Monate reichen einfach nicht aus, um in einer Stadt anzukommen“, sagt er. Der von vielen seiner Vorgänger bemängelte Lärmpegel wegen der Lage direkt an der Bahnlinie hat ihn nicht sonderlich gestört. „Allerdings wird man schon gelegentlich wie in einer Waschtrommel durchgerüttelt, wenn ein Zug vorbeifährt und das Haus bebt“, sagt er und lacht. „Maschinenwäsche Locus Vogelsang“ nennt Johann Reißer deshalb auch seine multimediale Performance, mit der er sich an diesem Samstag, 22. April, um 18 Uhr im Bahnwärterhaus von Esslingen verabschiedet. Dafür hat Reißer nicht nur Texte über seine Erfahrungen in Esslingen geschrieben, sondern auch eine Vielzahl von Esslinger und Stuttgarter Motiven fotografiert, bei denen der Betrachter aber genau hinschauen muss. Denn Johann Reißer hat die Bilder mit Hilfe einer geschliffenen Glasscherbe gebrochen und verfremdet. Auch eine alte Waschmaschinentrommel und Videosequenzen werden bei der Abschiedsperformance eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Insgesamt fällt die Johann Reißers Bilanz seiner Zeit in Esslingen positiv aus. Er habe viele Kontakte zu Menschen in der Stadt geknüpft und sich gut aufgenommen gefühlt. Man merke der Stadt allerdings ihre Nähe zu Stuttgart an. In Rottweil, wo er auch schon als Stadtschreiber gearbeitet hat, sei der Lokalpatriotismus viel stärker ausgeprägt gewesen als in Esslingen: „Ich finde es immer wieder spannend zu beobachten, wie die Geschichte einer Kommune bis in die aktuelle Zeit hineinwirkt.“

Defizite bei der Unterstützung junger Künstler

Kulturell sei Esslingen gut aufgestellt. Allerdings gibt es aus Reißers Sicht erhebliche Defizite, wenn es darum geht, junge Künstler zu unterstützen. Unter anderem fehle es an Atelierräumen. Zwar gebe es das Jugendzentrum Komma und das Kommunale Kino, die Programme für junge Menschen anbieten: „Aber da wäre noch viel mehr möglich“, ist sich Reißer sicher. Den schlimmsten seiner zahlreichen Auftritte in seiner Zeit als Bahnwärterstipendiat habe er im Kulturpalast des Stadtjugendrings erlebt: Gerade einmal ein Zuschauer habe sich in den Container neben dem Esslinger Bahnhof verirrt: „Es gab keine Werbung, der Container ist nicht beleuchtet: Wie sollen da also Menschen hinfinden?“ fragt Reißer. Es fehle an der Unterstützung, um die gute Idee in der Stadt bekannter zu machen.

Reißer hat sich in Esslingen gleich mehrfach gezeigt: Unter anderem ist er auf dem Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt aufgetreten und hat sich am Science Slam im Komma beteiligt. Die Zeit hat er aber auch genutzt, um an seinen beiden Romanprojekten zu arbeiten: Ein Buch handelt vom Leben in einem oberbayrischen Dorf zwischen Armut und dem wirtschaftlichen Aufstieg der Nachkriegsjahre, der Roman „Pulver“ von einer Rottweiler Unternehmer-Dynastie. Im Sommer will er die Werke in Berlin fertigstellen.