Eurovision Song Contest Das 400-Millionen-Euro-Spektakel

Von  

Mit dem Song Contest versucht Aserbaidschan seinen Minderwertigkeitskomplex abzustreifen. Denn bis jetzt war der Westen nur an seinem Gas und Öl interessiert.

Die Fassade der Konzerthalle zieren 45 000 Kristalle, die abends in unterschiedlichen Farben Licht verströmen. Foto: dapd
Die Fassade der Konzerthalle zieren 45 000 Kristalle, die abends in unterschiedlichen Farben Licht verströmen. Foto: dapd

Baku - Hunderte Kilometer Straßen wurden gebaut oder instand gesetzt. Parks und Gärten wurden neu begrünt, der Flughafen in Baku ausgebaut. Die Uferstraße am Kaspischen Meer ist inzwischen drei Kilometer länger und endet jetzt dort, wo am heutigen Dienstag die Endrunde des Eurovision Song Contest beginnt: am Kristallpalast.

Dessen Fassade zieren 45 000 Kristalle, die abends in unterschiedlichen Farben Licht verströmen. Gleich daneben reckt sich der mit 162 Metern weltweit zweithöchste Fahnenmast in den Himmel. Die an ihm befestige Nationalflagge Aserbaidschans hat die Größe eines Fußballfeldes. Allein der Kristallpalast, der nach dem Showdown der Starlets Sport- und Konzerthalle werden soll, kostete den Steuerzahler, der im Durchschnitt 300 Euro monatlich verdient, 90 Millionen Euro, die Ausrichtung des Spektakels insgesamt fast eine halbe Milliarde Dollar.

Ein größenwahnsinniges Projekt

Über 200 Familien wurden für das größenwahnsinnige Projekt zwangsumgesiedelt. Die an sie gezahlten Entschädigungen liegen weit unter dem Marktwert ihrer von Planierraupen plattgemachten Immobilien und Grundstücke. Nicht Kleckern, Klotzen ist angesagt, denn der Eurovision Song Contest ist Generalprobe für Olympia. Aserbaidschan hat sich um die Ausrichtung der Sommerspiele 2020 beworben. Mit Sängerwettbewerb und Olympia will die Neun-Millionen-Ex-Sowjetrepublik im Südostkaukasus Minderwertigkeitskomplexe abstreifen, an denen viele kleine Nationen kranken, die über Jahrhunderte keinen eigenen Staat hatten. Vor allem aber will Aserbaidschan sich als neue Tourismusdestination in Szene setzen und sein internationales Image aufpolieren.

Derzeit fällt den Menschen in Westeuropa zu Aserbaidschan, das neben faszinierenden Landschaften auch historische Sehenswürdigkeiten aus über fünf Jahrtausenden und viel Kultur zu bieten hat, nur Öl und Gas ein. Und vielleicht noch die Demokratiedefizite des Regimes. Oppositionelle Parteien und Bürgerrechtler werden massiv behindert, ihr Protest häufig mit Gewalt aufgelöst, die Ergebnisse von Wahlen notorisch manipuliert. Im internationalen Ranking der Pressefreiheit fand sich Aserbaidschan 2011 auf Platz 152 wieder: hinter Irak oder Afghanistan. Zwar darf die Opposition ihre Zeitungen an jedem Kiosk verkaufen, doch bei elektronischen Medien hat der Staat das Monopol. Kritische Journalisten werden bedroht, misshandelt und sogar ermordet oder zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Internationale Menschenrechtsorganisationen gehen von insgesamt über 60 politischen Häftlingen aus. Dazu kommt, dass trotz hoher Weltmarktpreise für Energie viele soziale Probleme nicht gelöst sind.

Die Wirtschaft war blind und taub

Bis Aserbaidschan sich durch den überraschenden Sieg beim Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf als Gastgeber der nächsten Runde qualifizierte, regten sich in Westeuropa darüber nur Menschenrechtsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen auf. Politik und Wirtschaft stellten sich blind und taub. Denn es ist aserbaidschanisches Öl, das an der türkischen Mittelmeerküste in den Bauch westlicher Tanker gepumpt wird.

Vor allem mit aserbaidschanischem Gas soll auch die Nabucco-Pipeline befüllt werden, die Europa ab 2014 unter Umgehung Russlands bauen will. Doch die Verhandlungen treten mangels Masse auf der Stelle. Denn Aserbaidschan liefert vor allem nach Russland in der Hoffnung auf Moskaus Seitenwechsel im Karabach-Konflikt, einer mehrheitlich von Armeniern bewohnten, aber von Stalin Aserbaidschan zugeschlagenen Region, die sich 1988 in die Unabhängigkeit verabschiedete. Mindestens 20 000 Menschen bezahlten dafür mit dem Leben, eine Million wurde zu Kriegsflüchtlingen. Das Regime strapaziert den Karabach-Konflikt auch als Vorwand für seine Demokratiedefizite. Mit Erfolg – die Nation hat nicht vergessen, wann und wie Aserbaidschan auch die an Karabach angrenzenden Gebiete an den armenischen Kriegsgegner verlor: 1993, als die liberale Volksfront den Präsidenten Aserbaidschans stellte. Den Bürgerkrieg, der sich anbahnte, verhinderte vor allem die Rückkehr des einstigen aserbaidschanischen KP-Chefs: Haydar Alijew. Obwohl dieser kein Demokrat war, verehrten die Massen ihn als Vater der Nation.

Das und orientalisches Politikverständnis sichern auch Alijews Sohn Ilham, der seit 2003 Staatschef ist, die Loyalität der Massen, vor allem auf dem flachen Lande. Die weltliche Opposition besteht daher ähnlich wie in Russland vor allem aus Intellektuellen in den großen Städten. Zwar haben junge Aktivisten mit Hilfe westlicher Menschenrechtsorganisationen im Internet eine Gegenveranstaltung zum Song Contest ins Leben gerufen: Singen für Demokratie. An Ausreise indes denkt kaum einer. Und Aufrufe an den Westen, den Sängerwettstreit zu boykottieren, sind selbst bei Regimekritikern umstritten.