Facebook und die Diskussionskultur Diskussionen auf Facebook sind selten

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Der zweite Effekt der digitalen Lagerfeuer: echte Diskussionen sind selten; der Mehrheitsmeinung in den Kommentaren wird nicht oder nur ungern widersprochen. Die Kommentarleisten unter Beiträgen, die große Nachrichtenanbieter regelmäßig in dem Netzwerk posten, dokumentieren das anschaulich. Facebook zeigt dort wie überall sonst jene Kommentare prominent an, die besonders viele Klicks auf „Gefällt mir“ bekommen haben. Eine Gruppe von vielleicht vierzig Personen mit Hang zu starken Statements und Klicks auf „Gefällt mir“ kann so mehrere Zehntausend Nutzer beeinflussen, die etwa die Facebookeinträge der StZ regelmäßig zu sehen bekommen.

Solche Online-Diskussionen haben eine andere Öffentlichkeit als die in halb privaten Netzforen mit häufig spezialistischen Themen geführten Debatten: Im sozialen Netzwerk lesen einfach viel mehr Menschen mit, und es geht oft um Themen, die viele bewegen und bewegen sollten. Wenn da dann die Leute mit der größten Klappe andere verstummen lassen, vielleicht auch in der Offline-Welt, ist das ein Problem für unsere Demokratie.

Alte Idee, aktuell: die Schweigespirale

Dieses Phänomen hat zumindest in seiner Online-Ausprägung noch keinen eigenen Namen, kommt aber dem Begriff der Schweigespirale ziemlich nahe. Dieses von der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann entwickelte Konzept sollte ursprünglich erklären, warum die Nationalsozialisten von einem bestimmten Zeitpunkt an unwidersprochen ihre Ideologie verbreiten konnten.

Übertragen auf aktuelle Verhältnisse meint Schweigespirale, dass die (gefühlte) Mehrheit der aktiven Kommentatoren der (tatsächlichen) Mehrheit der Nutzer ihre Meinungen aufdrückt. Diese laute Minderheit wacht darüber, dass niemand öffentlich von der so konstruierten Mehrheitsmeinung abweicht. Auch hier vergewissert, wer in den Chor mit einstimmt, sich seiner selbst: ja, ich stehe auf der richtigen Seite. Wer glaubt, mit seiner Ansicht zu einer Minderheit zu gehören, schweigt hingegen. Auch in der digitalen Welt hat niemand Lust, von anderen für seine Meinung blöd angemacht zu werden. Und so verändert die digitale „Schweigespirale“ die Art und Weise, wie jenseits der etablierten Medien öffentlich über Themen diskutiert wird.

Eine erste Studie

Dieses Phänomen ist inzwischen von einer ersten Studie wissenschaftlich untersucht worden. Am Washingtoner Pew Center haben Forscher Facebooknutzer gefragt, ob und wie sie sich in dem Onlinenetzwerk zu der von Edward Snowden aufgedeckten NSA-Affäre äußern. Das Ergebnis: Nutzer sind doppelt so oft bereit, über die NSA mitzudiskutieren, wenn sie glauben, dass die anderen Facebooknutzer derselben Meinung sind.

Bei Meinungsbeiträgen zu brasilianischen Fußballstars oder bemitleidenswerten Haustieren ist das vielleicht zu vernachlässigen. Bei Debatten zu gesellschaftlich relevanten Themen im aktuell wichtigsten sozialen Medium steht es im Ringen zwischen gefühlter und tatsächlicher Mehrheitsmeinung 1:0 für diejenigen, die schon vorher wissen, was richtig ist, und in sozialen Medien einfach lauter sind.