Fachkräftemangel in Stuttgart Waschen, füttern, Schwäbisch lernen

Nicole Höfle, 20.06.2012 15:31 Uhr

Stuttgart - In ihrer Not versucht sie es mit Lächeln. Zsuzsanna Ombovarine versteht kein Wort, als sie an ihrem ersten Tag im Seniorenzentrum am Birkenwald die Bewohner duscht, sie anzieht, die Bettwäsche wechselt. Die Ungarin dachte sich nichts dabei, als sie vergangenen August in Stuttgart eine neue Stelle antrat. Pflegearbeit sei schließlich überall Pflegearbeit, glaubte die Krankenschwester und irrte gehörig. „Das Schwäbische war für mich eine Katastrophe, ich war froh über die kroatischen Bewohner, die Hochdeutsch mit mir sprachen.“ Im Sprachkurs, vor allem aber „in der Spätschicht mit Ingo“ hat sie nach und nach Schwäbeln gelernt. Inzwischen hat die 44-Jährige die erforderliche Deutschprüfung abgelegt und ist als examinierte Krankenpflegerin anerkannt.

Ihr Sohn brachte sie auf die Idee, sich in Deutschland zu bewerben, er heuerte bei einem Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Stuttgart an. Zsuzsanna Ombovarine schloss sich ihm an, sie wollte eine bessere Zukunft. 17 Jahre lang hatte sie für 300 Euro im Monat in einem Krankenhaus gearbeitet, 400 Euro verdiente sie sich mit Notdiensten an Wochenenden dazu. „Damit wir mit vier Kindern über die Runden kamen.“

Die Not der Heimträger ist groß, das Personal knapp

60 Ungarn hat der Arbeiter-Samariter-Bund Baden-Württemberg angeworben, weitere zehn Spanier werden noch im Juni in Stuttgart erwartet. Im Herbst kommen die ersten polnischen Praktikanten. Die Branche boomt, aber es fehlt an Pflegefachkräften. Die Not der Sozialunternehmen ist groß: „Wenn wir in Deutschland eine Stellenanzeige schalten, meldet sich niemand“, sagt Bernard Schneider, der Hauptgeschäftsführer der evangelischen Heimstiftung, einem der größten Altenhilfeträger im Südwesten. Olaf Bentlage von der Regionaldirektion Stuttgart der Agentur für Arbeit bestätigt: auf 1850 offene Stellen in der Pflege kommen nur 600 ausgebildete Altenpfleger. Im Dezember hat die Arbeitsagentur spanische Ingenieure zu Bewerbungsgesprächen nach Stuttgart gebracht, „vielleicht machen wir das im nächsten Jahr mit Pflegekräften“, so der Sprecher.

In den EU-Krisenländern aber konkurrieren die Heimträger schon jetzt mit Kliniken um die Bachelorabsolventen. In der Region Stuttgart beispielsweise hat der Klinikverbund Südwest im Frühjahr die ersten Portugiesen und Italiener angeworben.

Bewerbungsgespräche im Hotel in Budapest

Auf eine Initiative der Arbeitsagentur wollte beim ASB niemand warten. „Wir haben vor allem im ländlichen Raum Einrichtungen, die wir nicht voll belegen können, weil wir keine Pflegefachkräfte finden. Das ist für uns eine wirtschaftliche Katastrophe“, sagt Marcus Mehlhose, der Personalleiter des ASB-Landesverbandes. Der Träger suchte sich deshalb im vergangenen Jahr einen ungarischen Personalvermittler, mietete Konferenzräume in einem Hotel in Budapest und lud zu Bewerbungsgesprächen. Allerdings kehrte schon in Budapest Ernüchterung ein: „Wir wollten die Gespräche auf Deutsch führen, haben aber schnell einen Dolmetscher eingeschaltet“, erzählt der stellvertretende Landesgeschäftsführer Daniel Groß.

Die ASB-Verantwortlichen hatten mit guten Deutschkenntnissen gerechnet, weil in Ungarn Deutsch als Pflichtfach unterrichtet wird. Trotzdem wurden die Angeworbenen bereits nach einem dreiwöchigen Deutschkurs in den Heimen eingesetzt, der Sprachunterricht wurde auf den Feierabend gelegt. Christine Kellner, die Leiterin des Seniorenzentrums am Birkenwald, in dem vier Ungarn arbeiten, räumt ein, dass es anfangs viele Beschwerden von Angehörigen und Bewohnern gegeben habe. „Inzwischen haben fast alle die nötige Sprachprüfung abgelegt“, versichert Kellner.