Filmfest in Venedig Wer hat Chancen auf einen Löwen?

Von Gebhard Hölzl 

Ein starker Kinojahrgang: An diesem Samstag werden beim Filmfestival in Venedig die Preise vergeben. Unter den Favoriten ist auch „Sweet Country“, ein Western aus dem australischen Outback.

Opfer von Diskriminierung: Szene aus dem australischen Western „Sweet Country“ Foto: Verleih
Opfer von Diskriminierung: Szene aus dem australischen Western „Sweet Country“ Foto: Verleih

Stuttgart - Beim Filmfestival von Venedig hat man 2017 als Novum einen eigenen Wettbewerb für Virtual-Reality-Produktionen eingerichtet. Auf dem Lazzaretto Vecchio, einer winzigen Insel zwischen Markusplatz und Lido – zu erreichen mit einem eigens eingerichteten Shuttledienst – hat man einst Pestkranke behandelt, nun waren hier 31 VR-Produktionen zu sehen. Technisch verblüffend waren die Filme mit Titeln wie „Gomorra VR – We Own the Streets“ oder „Snatch VR Heist Experience“, denn mit der Brille auf dem Kopf wähnt man sich tatsächlich als Teil der Handlung. Manchem Kollegen ist es bei dieser Erfahrung speiübel geworden.

Alles andere als übel war das Programm, das der Festivalchef Alberto Barbera zusammengestellt hat. Die Filmschau, die an diesem Samstag mit der Verleihung der Löwen-Preise zu Ende geht, war qualitativ kaum zu toppen, ob im Wettbewerb oder in den Nebensektionen. Nur über Darren Aronofskys im Vorfeld mächtig gehypten, von Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ beeinflussten und mit unterforderten Stars wie Jennifer Lawrence und Javier Bardem besetzten Horrorfilm „mother!“ ärgerte man sich – und zwar noch mehr als über „Mektoub, My Love: Canto uno“: Vier Jahre hat man auf Abdellatif Kechiches Nachfolgefilm zu „Blau ist eine warme Farbe“ warten müssen. Für Cannes war das Werk erwartet worden, der Regisseur soll es zurückgezogen haben, weil man die sechsstündige Fassung nicht zeigen wollte. Nun waren in Venedig drei Stunden zu sehen, der erste von insgesamt wohl drei Teilen.

Raue Gesichter, Fremdenhass und Gewalt in „Sweet Country“

Darin kehrt Amin, ein angehender Drehbuchautor, 1994 von Paris in sein südfranzösisches Fischerdorf zurück. Mit seinem Kumpel und der gemeinsamen Freundin Ophélie verbringt er die Ferien. Man hängt ab, besucht Bars, Discos und das tunesische Restaurant der Eltern. Wie ein Mix aus „La boum – Die Fete“ und den Dialogmarathons Eric Rohmers mutet das lärmende Sommer-Sonne-Strand-Vergnügen an. Eine lange, explizite Liebesszene dient als Einsteiger, dann wird geredet, geraucht, getrunken. Nonstop. Die Mädels wackeln mit dem Po, die Jungs gehen auf Tuchfühlung, alles mit einer Weichzeichnerästhetik gefilmt, die an Softsexfilme erinnert.

Chancen auf einen Hauptpreis indes hat „Sweet Country“, eine knochentrockene Westernvariante im australischen Outback der zwanziger Jahre. Ein Aborigine wird angeklagt, einen Weißen erschossen zu haben. Die Tat war Notwehr, doch der Mob will den Mann hängen sehen – eine bekannte Geschichte, souverän und bildstark vom Regisseur Warwick Thornton umgesetzt, mit cleveren Zeitsprüngen und Montagen. Raue Gesichter, raue Landschaft, Fremdenhass, Gewalt – und die einheimischen Frauen sind für die weißen Männer weniger wert als das Vieh, das zwischen rot leuchtenden Felsen weidet.

Harter Stoff ist auch „Angels Wear White“ von Vivian Qu, eine chinesisch-französische Koproduktion, die eingedenk der Zensur im Reich der Mitte sein Thema mutig anpackt. Mia, Teenagerin ohne Papiere, wird Zeuge, wie im Motel, in dem sie putzt, zwei Mädchen von einem Polizisten missbraucht werden. Aus Angst um den Job schweigt sie – ein Frauenfilm über Frauen und die Macht der Männer, einfühlsam und nie spekulativ – und mit einer Subtilität, an der es „Ammore e malavita“ der Brüder Marco und Antonio Manetti, die als Manetti Bros. firmieren, mangelt. Als knallig-bunter Mafiaspaß ist ihr Werk das einzige B-Picture des Wettbewerbs. Es wird geschossen, gestorben, geulkt und auf neapolitanische Missstände hingewiesen. Kein Tiefgang, aber die italienische Festivalfraktion ließ sich zu Beifallsstürmen hinreißen und war „molto contente“.