Filmprojekt von Walter Sittler und Sigrid Klausmann „199 kleine Helden“ – In der Weltschulklasse

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In ihrer Großdokumentation „199 kleine Helden“ wollen der Schauspieler Walter Sittler und die Filmemacherin Sigrid Klausmann Kinder aus jedem Land der Welt porträtieren. Der im Januar anlaufende Kinofilm „Nicht ohne uns!“ gewährt erste Einblicke in die weltumspannende Arbeit.

Sigrid Klausmann (Mitte) bei den Dreharbeiten in Khayelithsa, einem Township bei Kapstadt Foto: Schneegans Productions
Sigrid Klausmann (Mitte) bei den Dreharbeiten in Khayelithsa, einem Township bei Kapstadt Foto: Schneegans Productions

Stuttgart - Die Idee ist gut, ihre Umsetzung schwer. Zur Verwirklichung des komplizierten Vorhabens muss man von dem guten, ja, sogar genialen Projekt durch und durch erfüllt sein, von den Haarspitzen bis zu den Herzkammern: „199 kleine Helden“ heißt das Mammutunternehmen, dessen Ziel es ist, in jedem Land der Erde ein Kind zu porträtieren. Fast zweihundert Kurzfilme, gedreht rund um den Globus – eine Herkulesaufgabe, die logistisch, inhaltlich und finanziell an Größenwahn grenzt, sofern man kein großes Hollywood-Studio im Rücken hat. Das haben Walter Sittler und Sigrid Klausmann nicht. Aber was die beiden Stuttgarter Erfinder der „199 kleinen Helden“ stattdessen bieten können, lässt sich mit keinem Geld der Welt aufwiegen: die unerschütterliche Überzeugung, dass Kinder eine Stimme brauchen: „Kinder haben keine Lobby. Aber sie müssen den Laden schmeißen, wenn wir’s irgendwann nicht mehr können.“

Die saloppen Laden-Sätze fallen im Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium, wo Sittler und Klausmann jetzt nicht nur vor Schülern, sondern auch vor Vertretern des Kultusministeriums für ihr globales Projekt geworben haben. Überzeugungstäter sind sie ja beide, der Fernsehschauspieler und die Filmregisseurin, die privat ein Paar sind und mit ihren „Schneegans Productions“ bereits einige Dokumentationen über Heranwachsende gedreht haben. Neben aufklärerischen Gründen mag das auch biografische haben, schließlich stammen sowohl Sittler als auch Klausmann aus kinderreichen Familien. Er ist mit sieben, sie mit sechs Geschwistern aufgewachsen, bevor sie dann gemeinsam einen Sohn und zwei Töchter in die Welt gesetzt haben. Kinder, Kinder – aber ein so großes Ding wie die „199 kleinen Helden“ haben auch sie noch nicht gedreht.

16 Kinder und eine einzige Stimme

Die Idee für das bis ins Detail durchkonzipierte Schneegans-Projekt stammt von Sittler, die Umsetzung hat seine Frau übernommen. Das etwas andere Heldenepos des Filmduos besteht dabei aus drei Teilen. Das Fundament bilden fünfminütige, auf Interviews mit den zehn- bis zwölfjährigen Protagonisten basierende Einzelporträts, von denen 26 bereits existieren und die im Lauf der Jahre auf mehr als ehrgeizige 199 anwachsen sollen. Darauf aufgebaut ist der fertige, auf Festivals schon mit Preisen ausgezeichnete Langfilm „Nicht ohne uns – Not Without Us“, in dem einige der porträtierten Jungen und Mädchen, thematisch klug miteinander verschränkt, aus ihrem Leben berichten. Und abgerundet wird das Ganze von der im Wagenburg-Gymnasium vorgestellten Internetplattform, die das Projekt pädagogisch flankieren und unterstützen soll. Wer www.199kleinehelden.org anklickt, kann mit einem lustigen Menschlein eine Weltreise unternehmen und viel über das jeweilige Land und das dort lebende, im Film auftretende Kind erfahren.

Während die noch im Aufbau befindliche Internetseite auf Kids zwischen sieben und zwölf zielt, richten sich die Leinwandporträts an ein etwas älteres Publikum. Denn das ist das Schöne an der neuen Sittler-Klausmann-Doku: Sowohl die fürs Fernsehen gedachten Einzelfilme als auch der fürs Kino produzierte, im Januar anlaufende Langfilm bereichern Kinder und Erwachsene gleichermaßen. „Nicht ohne uns“ wirft interessante Schlaglichter auf individuelle Kindheiten – aber egal, ob es sich um den mit Aids in Kapstadt aufwachsenden Luniko handelt oder um die zur Kinderarbeit gezwungene Alphonsine von der Elfenbeinküste, um die in New York eine Begabtenschule besuchende Sai oder den in der Natur philosophierenden Enjo aus der Schweiz: Am Ende des Neunzigminüters ahnt der Zuschauer, dass sich diese Kindheiten trotz aller mit Händen zu greifenden Unterschiede doch sehr, sehr ähneln. 16 Kinder, aber eine einzige Stimme. Und was für eine!

Netzwerken für die gute Sache

Es ist eine aufgeweckte, selbstbewusste, fröhliche Kinderstimme, die sich zu Wort meldet, eine Stimme aus vielen Kehlen, die – aus welchem Land auch immer – unverbogen und unsentimental die Lebensverhältnisse beschreibt. Die Kinder berichten, wie sie zur Schule kommen, sei’s mit dem Esel wie in Jordanien, sei’s mit den Skiern wie in Österreich. Sie verkünden, was sie später werden wollen, ob König von Nepal, um Wasserleitungen zu bauen, ob Polizist in Laos, um Drogenhändler ins Gefängnis zu sperren – und sie erzählen, während sie von der Kamera auf ihrem oft mühsamen Schulweg begleitet werden, immer wieder von der Sehnsucht nach Frieden, von der Angst vor Krieg und anderen Katastrophen und von dem Mitgefühl, das man für andere Menschen aufbringen sollte. Kindermund tut Wahrheit kund: Ohne Kommentare aus dem Off dürfen die Helden reden, nur ihre O-Töne zählen, sonst nichts, weshalb man den Eindruck gewinnt, dass man die aus vierzehn Ländern stammenden Kinder problemlos in eine einzige, ideale Weltschulklasse stecken könnte. Über alle kulturellen und sozialen Schranken hinweg erobern sie das Zuschauerherz durch ihre mit Empathie gepaarte Klugheit und Aufrichtigkeit – und das ohne manipulative Eingriffe der Regie.

Nicht alle Porträts stammen von Sigrid Klausmann selber. Elf Filme hat sie selbst gedreht, den Rest der 26 bereits sendefähigen Fünfminüter haben Filmteams beigesteuert, die sie teils vor Ort angeheuert hat. „Den Dreharbeiten geht eine intensive Recherche voraus“, sagt Klausmann, „ich muss nicht nur Regisseure, Kameramänner und Dolmetscher finden, sondern vor allem auch geeignete Kinder“ – und dabei helfen ihr Kontakte, die sie als Filmemacherin über die Jahre hinweg auf der halben Welt gepflegt hat. Als Netzwerker muss sich freilich auch ihr Mann bewähren. Walter Sittler, der in der ZDF-Reihe „Der Kommissar und das Meer“ regelmäßig Mörder jagt, lenkt für die „Helden“ seinen Jagdinstinkt auf Geldgeber. Die Produktion eines Porträts kostet 30 000 Euro – und sobald via Fundraising wieder Geld vorhanden sei, sagt der mit guten Beziehungen ins Show- und Politikgeschäft ausgestattete Schauspieler, werde die nächste Staffel ins Auge gefasst: „Gerade in Zeiten, wo die Angst vor dem Fremden wieder zunimmt, brauchen wir Menschen, die an unser auf Internationalität angelegtes Projekt glauben.“

Die Schauspielerin Senta Berger und den Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat Sittler mit seiner Mission überzeugt. Sie sind bereits Schirmherr der „199 kleinen Helden“ – anders als der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der es erst im kommenden Jahr wird. „Nicht ohne uns“ lautet auch das Motto der prominenten Unterstützer – und trotzdem sind es die von Klausmann & Co. behutsam ins Rampenlicht gerückten Kinder dieser Welt, die den Laden irgendwann schmeißen werden. Hoffentlich verantwortungsvoll. Ohne sie gibt es jedenfalls keine Zukunft.

Der Film „Nicht ohne uns – Not without us!“ läuft am 19. Januar 2017 in den Kinos an. Die Internetplattform www.199kleinehelden.org ist seit Anfang der Woche freigeschaltet.