Flughafendebakel in Berlin Durchhalten!

Katja Bauer, 09.02.2013 13:02 Uhr

Berlin - Die schweren, dunklen Rindsledersessel in der Lounge sind nagelneu. Den Kontrast zum struppigen orangefarbenen Kunstflokati davor hat sich wahrscheinlich ein Experte für Wohlfühlfarben ausgedacht. Die Kaffeemühle rattert, und aus der Kulisse strömt Easy-Listening-Sound. Wer ins Sitzmöbel sinkt, der soll entspannen und vergessen, dass er sich auf einem Flughafen befindet. Gerade, wenn es mal etwas länger dauert. Bis der Flieger abhebt. Bis die Rollbahn frei ist. Bis die Liebste ankommt. Nur eins stört bei diesem Vorhaben. Der Berliner Humor.

Der nämlich will es so, dass man praktisch von jedem Sitzplatz auf ein Plakat starren kann. Zu sehen ist ein Foto vom schwer angejahrten Flachbau des Airport Tegel in seinem leicht schlampigen 70er-Jahre-Braun. Der Spruch dazu: „Berlin ist, wenn man auch als Flughafen Durchhaltevermögen braucht.“

Das kann man lustig finden. Der Unternehmer Leonhard Müller jedenfalls hat hier am Flughafen Tegel die neuen Geschäftsräume seiner Uhrenmanufaktur Askania mit dem Plakat geschmückt – weil es so schön passt und weil sowieso alle Welt über das Flughafenchaos in der deutschen Hauptstadt redet. Eigentlich hätte Müller jetzt schon zwei neue Läden am Großflughafen BER. Aber der liegt halb fertig in der brandenburgischen Ödnis. Wer weiß, wie lange. Also hat der Unternehmer versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, und seine Geschäftsräume im alten Airport Tegel erweitert und zur Lounge aufgebrezelt. Bis auf Weiteres.

Es steht noch nicht einmal ein neuer Eröffnungstermin fest

Viermal ist die Eröffnung des neuen Großflughafens am anderen Ende der Stadt inzwischen verschoben worden, zuletzt Anfang des Jahres – diesmal ist es so schlimm, dass vorerst nicht einmal mehr darüber geredet wird, für wann denn ein neuer Eröffnungstermin ins Auge genommen werden könnte. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) musste einen Misstrauensantrag im Parlament überstehen, er hat seinen Vorsitz im Aufsichtsrat an den Brandenburger Kollegen Matthias Platzeck abgegeben und geht zumindest von einer Eröffnung „noch in der Legislaturperiode“ – also bis 2016 – aus. Die Flughafengesellschaft ist bis heute nicht in der Lage, einen neuen Geschäftsführer zu finden, der die Neigung verspürt, sich diese Katastrophenbaustelle ans Bein zu binden. Wie viel der Flughafen die Steuerzahler kosten wird, kann keiner sagen, die letzten Schätzungen lagen bei mindestens 4,3 Milliarden Euro, was mehr als doppelt so teuer wäre wie ursprünglich einmal kalkuliert.

Eins allerdings ist sicher: geflogen wird trotzdem – von und nach Berlin – und zwar mehr als je zuvor. Gerade eben hat die Flughafengesellschaft eine Rekordmeldung veröffentlicht, 25,3 Millionen Passagiere wurden 2012 an den beiden funktionierenden Hauptstadtflughäfen Tegel und Alt-Schönefeld gezählt, so viele wie nie zuvor. Die Hauptlast trägt der alte Tegeler Flughafen mit dem knapp 40 Jahre alten Gebäude, denn hier fliegen die großen Airlines. Die haben ihre Flugpläne pünktlich zur ­geplanten Eröffnung des Großflughafens BER erweitert – auch wenn der passende Airport dazu noch nicht in Betrieb ist.

So stieg die Zahl der Fluggäste in Tegel auf 18,2 Millionen, während der Betrieb in Schönefeld leicht zurückging. An Tagen wie dem 16. Januar dieses Jahres gab es 454 Flugbewegungen – nur zum Vergleich: 1960 waren es auf dem noch nicht ausgebauten Flughafen 5196 – im Jahr. In den 70er Jahren entstand der heutige Neubau – übrigens nach Plänen des Architektenbüros Gerkan Marg und Partner, das auch das Terminal des BER geplant hat. Tegel war damals, 1974, für sechs Millionen Passagiere ausgelegt. Dreimal so viele sind es jetzt. Der Flughafen ist längst jenseits der Belastungsgrenze. Und weniger wird’s nicht.