Förderpolitik Abschied vom ländlichen Raum

Von Reiner Ruf 

Die Stärke des Baden-Württembergs liegt in der Fläche, aber nicht inder Landwirtschaft, sagt Wirtschaftsminister des Landes, Nils Schmid (SPD). Diese Erkenntnis hat jedoch Folgen.

Nils Schmid Foto: dpa
Nils SchmidFoto: dpa

Stuttgart - Baden-Württemberg ist ein Flächenland, und zu einem solchen gehört doch, sollte man meinen, auch der ländliche Raum. In den Köpfen der Menschen ist das noch immer so. Wer von Stuttgart nach Wolfschlugen im Kreis Esslingen zieht, weil er sich dort ein Häuschen gekauft hat, der glaubt, er ziehe aufs Land. Es atmet sich freier, der Lärm ist geringer, da und dort zuckelt ein Traktor übers Feld.

Subjektiv mag das alles zutreffen. Doch die Daten zur Wirtschafts- und Sozialstruktur des Südwestens geben die tief im Bewusstsein der Menschen verankerte Polarität von Stadt und Land nicht mehr her. „Wir müssen Abschied nehmen von der plumpen Gegeneinanderstellung von Stadt und Land“, sagt Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD). Das Denken in der Zweiteilung sei überholt. Charakteristisch für Baden-Württemberg ist demnach ein polyzentrischer Aufbau. Städte und städtische Strukturen finden sich demnach engmaschig und relativ gleichmäßig auch außerhalb der großen Verdichtungsräume.

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung geht dabei von neun Kreistypen aus – angefangen von den Kernstädten in den sogenannten Agglomerationsräumen (Typ 1) bis hin zu den Ländlichen Kreisen im Ländlichen Raum (Typ 8 und 9). Die Letzteren sind in Baden-Württemberg nirgends anzutreffen, nicht einmal im Schwarzwald. In Bayern hingegen bestimmen diese beiden Kreistypen weithin die Landkarte. Das Ländlichste, was sich in Baden-Württemberg findet, ist die Kategorie des Ländlichen Kreises innerhalb der so bezeichneten Verstädterten Räume (Typ 7).

Ausgeglichene Lebensverhältnisse

Die relative Ausgeglichenheit der Lebensverhältnisse lässt sich mit einer Vielzahl von Zahlen belegen. So liegt das nominale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigem im wirtschaftsschwächsten Landkreis (Breisgau-Hochschwarzwald) bei 84 Prozent des Landesdurchschnitts von 61 246 Euro (2009). Der stärkste Kreis (Stuttgart) kommt auf 112 Prozent. In Bayern geht die Schere weiter auseinander. Die Spanne beträgt 175 Prozent zu 79 Prozent.

Vergleichbares lässt sich über das Gewerbesteuereinkommen pro Einwohner im Kreis sagen. Die Arbeitslosenquote ist auf dem Land oft signifikant niedriger als in Städten. Schwäbisch Hall und Ravensburg wiesen im Juni 2012 weniger als drei Prozent aus, Stuttgart dagegen 4,6 Prozent. Auch die für den Konsum frei verfügbaren Einkommen sind weitgehend unabhängig von den Kategorien ländlicher Raum und Verdichtungsraum verteilt (siehe Grafik). Nach Beobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung gibt es im Südwesten keine Gemeinde, in der die durchschnittliche Fahrzeit zum nächsten Ober- und Mittelzentrum länger als eine halbe Stunde beträgt. Die Hausarztversorgung ist im ländlichen Raum überdurchschnittlich, die Facharztversorgung jedoch unterdurchschnittlich. Ungleichgewichte erkennt das Stuttgarter Wirtschaftsministerium auch bei der Verteilung der Hochschulen. Ebenso trifft der Bevölkerungsrückgang die ländlichen Gebiete stärker.

„Dann wächst halt mal ein Tal zu“

Für Wirtschaftsminister Schmid folgt daraus, die finanziellen Schwerpunkte der Regierungspolitik neu zu justieren. Nicht in Landwirtschaft oder Tourismusförderung erkennt er Prioritäten, sondern in der Schule, in der Kinderbetreuung sowie in der sozialen und verkehrlichen Infrastruktur. Die allermeisten Baden-Württemberger lebten in städtischen Verflechtungsräumen und hätten andere Sorgen als Landwirtschaft, sagt Schmid. „Dann wächst im Schwarzwald halt mal ein Tal zu.“ Nach Angaben der IHK Stuttgart belaufen sich die Agrarsubventionen im Südwesten auf 440 Millionen Euro, zusätzlich zu weiteren direkten Hilfen des Bundes und der EU. In Westdeutschland subventionierten nur Bayern und Schleswig-Holstein den Agrarsektor üppiger.

Schmid sagt, die CDU habe in der Vergangenheit als eine vor allem auf dem Land verwurzelte Regierungspartei eine Rhetorik aufgebaut, die den ländlichen Raum in Frontstellung zu den städtischen Zentren brachte. In den Köpfen habe sie damit Wirkung erzielt, die Realität aber verfehlt. Der „ältlichen Rhetorik vom ländlichen Raum“ will Schmid, der auch SPD-Landeschef ist, eine Politik entgegensetzen, die seiner Partei und der grün-roten Koalition eine „strukturelle Mehrheitsfähigkeit in den semiurbanen Verflechtungsräumen“ einbringt. „Bildung und Betreuung sind wichtiger als die Frage, ob es einen Bauern mehr oder weniger gibt“, sagt Schmid.

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15 KommentareKommentar schreiben

Ländlicher Raum: In einem Punkt gebe ich Herrn Schmid Recht, überall in BW können wir gut leben, wenn dies mit anderen Ländern verglichen wird. Aber dies ist auch ein Verdienst intelligenter Politik, dass man die Punkte gefördert hat, in denen die Region stark ist. Es macht wenig Sinn Erholungstourismus in der Stadt zu fördern oder im ländlichen Raum (ohne gute Verkehrsanbindung) Industriegroßprojekte voranzutreiben.Was aber im Moment passiert, hinsichtlich Schulen, Lehrerabbau, keine Straßenneubauten und zeitgleich die angekündigte Abbestellung von Nahverkehrszügen usw.reduziert Lebensqualität in allen Regionen.Herr Schmid soll einfach einmal auf´s Land kommen und versuchen mit öffentlichen Verkehrsmitteln seinen Arbeitsplatz zu erreichen, dann erkennt er am schnellsten den Unterschied. Ich habe den Eindruck, dass die regierenden Politiker unser Ländle nicht kennen und empfehle ihnen nicht Urlaub im Ausland zu machen sondern einmal die Regionen und Menschen kennenzulernen für die sie regieren. Dann würde sicher machen Entscheidung anders aussehen und viele Bürger könnten sich mit Politik wieder identifizieren.

Wo im Ländle, darf ich fragen, sind Sie denn aufgewachsen?: 'JUL 31 Der wo auf em Land aufg'wachse isch, 22:34 Uhr ..... Das wichtigste and der Aussage von Schmid ist doch, dass wir in Baden-Württemberg in einem so verdichteten Raum leben, dass es eigentlich nur noch stadtähnliche Strukturen gibt...'

Abschied vom Ländlichen Raum: Ja mein lieber Herr Schmid, damit haben Sie erkennen zu geben, dass Sie unser Ländle eigentlich gar nicht kennen. Sie kennen nicht einmal die Touristischen Zahlen. Bei Ihrer Politik setzen Sie sogar den Tourismus, an dem zahlreiche Arbeitsplätze hängen aufs Spiel. Schauen Sie doch bitte mal über den Tellerrand zu unseren Nachbarn, welchen Stellenwert dort die Landschaftspflege zugeordnet wird und welche Anstrengungen getätigt werden, dass der Gast wieder in dieser Region seinen Urlaub verbringt. Wissen Sie eigentlich welche Kaufkraft unsere Feriengäste im Ländle ausgeben, woraus auch Steuereinnahmen generiert werden. Herr Schmid überlegen Sie mal Ihre Haltung im Detail und fördern Sie nicht eine Mikatopolitik und machen Sie mal Ihre Augen auf was sich durch und in unserem Ländle alles bewegt. Lieber fördern Sie Einfuhren aus dem Ausland, anstatt die eigene Landwirtschaft und somit Produktionsstätten von Lebensmittel für unsere eigenen Bürger zu erhalten. So generiert man viele Freunde Herr Schmid! Was haben wir eigentlich für Politiker in unserem Land???

Alle prügeln auf Schmid ein: Olá, es wird wieder polarisiert und polemisiert, eine Freude ist's, die Kommentare zu lesen. Die Wahrheit wird -wie meist- wieder in der Mitte liegen, was zum Einen den (Denk-)Aufbruch raus aus den alten Strukturen bedeutet, aber noch lange nicht den Exidus des ländlichen Raums beziehungsweise deren Förderung. Es ist eine Kopfsache, die Risiken und Chancen birgt, je nach Denkmuster. Wichtig sollte das Ziel sein, d.h. die Förderungen sollten bei den Menschen ankommen, je direkter, desto besser, unabhängig ob diese im Großraum Stuttgart, in Lauda-Königshofen oder in Titisee-Neustadt leben. Und darum geht es, nicht um Prinzipien.

Der Anfang vom Ende: Jetzt wo er erkannt hat, dass er mit seiner Politik auf dem Lande nicht viel Zustimmung findet will er uns komplett abschotten. So sieht Demokratie wohl heute aus, wer nicht will wie die 'hohen' Herren, der wird links liegen lassen. So wird ein Land, das sehr von dem ländlichen Raum geprägt ist kaputt gemacht. Den Menschen in der Stadt werden Lügen erzählt und dann bekommen ländliche Regionen auch nicht mehr viel Zustimmung von den Seiten der Großstädte. Super gemacht, wer auch immer ihn gewählt hat ! Derjenige sollte sich fragen, ob es das wert war, wegen so einem die Idylle auf dem Land komplett kaputt zu machen!!

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