Forschung Leben im Dickicht

Von Roland Knauer 

Menschen haben im Amazonasgebiet seit Urzeiten deutliche Spuren in der Pflanzenwelt hinterlassen

Das Amazonasgebiet ist heute weitgehend menschenleer. Das war nicht immer so, wie die Häufung von Nutzpflanzen  an manchen Stellen des Urwalds zeigt. Foto: AFP, Mauritius
Das Amazonasgebiet ist heute weitgehend menschenleer. Das war nicht immer so, wie die Häufung von Nutzpflanzen an manchen Stellen des Urwalds zeigt.Foto: AFP, Mauritius

Stuttgart - Die Luft ist feucht zwischen den mächtigen Baumstämmen entlang des schmalen Pfades, der ein Stück weit in den sonst undurchdringlichen Amazonas-Wald führt. Schon nach wenigen Schritten wird jedem Besucher klar, wie schwierig es sein muss, in diesem Dickicht auf Dauer zu leben. Daher gab es in den vergangenen Jahrtausenden auch kaum Menschen im Amazonasgebiet. Zumindest glaubten das Archäologen wie die Südamerika-Spezialistin Betty Meggers vom Smithsonian-Institut in Washington noch in den 1970er Jahren.

Doch in jüngster Zeit fanden Forscher an wenigen Stellen Spuren früherer Siedlungen, die eine dichtere Besiedlung des Amazonasgebietes in der Zeit vor Christoph Kolumbus vermuten lassen. Diese Menschen aber scheinen bleibende Spuren in der Pflanzenwelt hinterlassen zu haben: Die von den Ureinwohnern genutzten Urwaldbäume prägen noch heute viele Regionen im Amazonasgebiet, berichteten Carol Levis von der Universität Wageningen und Hans ter Steege vom Naturalis Naturgeschichtlichen Museum im niederländischen Leiden gemeinsam mit mehr als hundert Kollegen kürzlich in der Zeitschrift „Science“.

Das Amazonas-Gebiet scheint also deutlich weniger als bisher vermutet Urwald zu sein. Der Einfluss des Menschen sticht vielleicht nicht direkt ins Auge, aber seit langem genutzte Bäume wie die Pfirsichpalme und manchmal auch der Kakaobaum dominieren vielerorts den Wald stärker als erwartet. Und das in einer Region mit einer extremen Pflanzenvielfalt, in der zum Beispiel mehr als 16 000 Gehölzarten wachsen. In deutschen Forsten zählen Wissenschaftler dagegen ganze 51 Baumarten. Diese Vielfalt studieren Forscher aus aller Welt in einem riesigen Netzwerk von 1170 Untersuchungsflächen, die sich über die gesamte Amazonasregion verteilen.

Nutzpflanzen dominieren

Vor mehr als 8000 Jahren begannen Menschen, zunächst in den Randbereichen dieses Gebietes Pflanzen für ihre Zwecke zu nutzen. Mindestens 85 Gehölze lieferten den Menschen nicht nur Nahrung, sondern auch eine Reihe verschiedener Materialien für ihre Zwecke, berichten Hans ter Steege und seine Kollegen. 20 dieser Nutzpflanzen aber prägen die Untersuchungsflächen fünfmal häufiger als die anderen fast 5000 dort gefundenen Arten, die von den Ureinwohnern nicht genutzt wurden.

Je näher die untersuchten Flächen bei einer bekannten Fundstätte einer frühen Siedlung oder bei einem der Flüsse liegen, die im Amazonasgebiet häufig die einzigen Verkehrswege sind, desto mehr Nutzpflanzen finden sich dort. Bei den nicht von Menschen genutzten Pflanzen zeigen sich dagegen keinerlei Zusammenhänge mit den Relikten einstiger Orte. Die Forscher fragen sich aber auch, wer zuerst dort war: die Pflanzen oder die Menschen. Es könnte schließlich so sein, dass die Ureinwohner sich vor allem dort niederließen, wo von Natur aus besonders viele für sie praktische Pflanzen wuchsen. Während die frühen Siedler vermutlich andere, nicht genutzte Baumarten fällten und mit diesem Holz ihre Häuser bauten oder Holzkohle für ihr Kochfeuer herstellten, ließen sie wichtige Bäume wie die Pfirsich-Palme stehen, um deren Früchte noch viele Jahre ernten zu können.

Wanderten einige der Menschen später weiter, züchteten sie wohl auch in der neuen Heimat solche nützlichen Bäumchen aus ihrem alten Zuhause. Jedenfalls finden Hans ter Steege und seine Kollegen auf manchen Untersuchungsflächen gleich sechs oder sieben von Menschen genutzte Baumarten, die natürlicherweise gar nicht an einem Ort gemeinsam vorkommen. Und es gibt es weitere Hinweise darauf, dass Menschen ihre Finger bei der auffälligen Dominanz ihrer Nutzpflanzen in den heutigen Wäldern im Spiel hatten. Offenbar wächst in der Region wirklich weniger Urwald als bisher vermutet.

Archäologen wie Stéphen Rostain vom französischen Grundlagenforschungszentrum CNRS und vom französischen Institut für Anden-Studien in Ecuadors Hauptstadt Quito überrascht dieses Ergebnis nicht allzu sehr. Schließlich graben er und seine Kollegen Clark Erickson, Anna Roosevelt und Michael Heckenberger aus den USA, sowie der Brasilianer Eduardo Neves im Amazonasgebiet seit den 1980er Jahren immer wieder Überreste von Siedlungen aus, die beweisen, dass vor der Zeit von Christoph Kolumbus dort viel mehr Menschen lebten als bisher angenommen.

Beliebte Erfindung Hängematte

So hat Stéphen Rostain in Ecuador im Amazonasgebiet am östlichen Abhang der Anden 2013 eine mit Steinen gepflasterte Feuerstelle und die Reste eines Holzhauses entdeckt. Nach einer Analyse mit der Radiocarbon-Methode stand es vor rund 3000 Jahren dort. Und Michael Heckenberger von der University of Florida in Gainesville hat am Oberlauf des Xingu-Flusses im Südosten der Amazonasregion das Siedlungsgebiet Kuhikugu gefunden, in dem vor 1500 Jahren vermutlich 50 000 Menschen lebten. Mindestens 20 Städte und Dörfer hatte diese Zivilisation in einem Gebiet von rund 20 000 Quadratkilometern gebaut – das entspricht der Fläche von Rheinland-Pfalz. Hohe Palisaden schützten diese Orte, die untereinander mit bis zu 40 Meter breiten Straßen verbunden waren. Auf den Feldern entlang dieser Straßen wuchsen die Pflanzen, von denen die Menschen lebten.

Viele der dort geernteten Nahrungsmittel sind auch heute noch sehr beliebt: Mais, Maniok und Ananas, Kakao und Süßkartoffeln, Paprika und Pfirsichpalmfrüchte. Auch eine andere Erfindung der Siedler im Amazonasgebiet ist dort und an einigen anderen Orten noch immer sehr beliebt: Aus Pflanzenfasern flochten die Menschen Hängematten, in denen sie in sicherem Abstand vom Boden und den dort lebenden gefährlichen Tieren schlafen konnten.

Ein weiteres Indiz für die Vielfalt der Bevölkerung sind die mehr als 300 Sprachen: Sie gehören zu etwa 60 Sprachfamilien, die dort noch heute von den Ureinwohnern gesprochen werden. Forscher vermuten, dass es früher mehr als doppelt so viele Sprachen gab, mit denen sich insgesamt fünf bis sieben Millionen Menschen untereinander verständigten. Viele dieser Sprachen verschwanden, als bereits im 16. Jahrhundert von den Europäern eingeschleppte Krankheiten 70 bis 90 Prozent der einstigen Bevölkerung dahin rafften. Erst seit dieser Zeit ist die Amazonasregion also relativ dünn besiedelt. Die Spuren der früheren Bevölkerung aber leben nicht nur in der Pflanzenwelt der Wälder weiter.