Fußball Andreas Beck – Zuverlässigkeit made in Germany

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Der frühere VfB-Profi Andreas Beck hat sein Glück bei Besiktas Istanbul gefunden. Bei einem Besuch am Bosporus spricht der Fußballer auch über seine beiden ehemaligen Vereine VfB Stuttgart und TSG 1899 Hoffenheim.

Andreas Beck (li.) zeigt StZ-Redakteur Ingmar Volkmann Istanbul bei Nacht. Foto: Volkmann
Andreas Beck (li.) zeigt StZ-Redakteur Ingmar Volkmann Istanbul bei Nacht.Foto: Volkmann

Istanbul - Eigentlich hätte diese Geschichte in einem ganz anderen Ton erzählt werden sollen. Vor Kurzem hatten wir den ehemaligen VfB-Profi Andreas Beck in Istanbul besucht, um über seine Rolle als Stammspieler beim Tabellenführer Besiktas, seine Ambitionen in der deutschen Nationalmannschaft und seine Verbundenheit mit Stuttgart zu sprechen. Der Anschlag von Istanbul vergangene Woche drängt die Fußballberichterstattung aber völlig in den Hintergrund. Beck, den alle Andi rufen, zeigt sich betroffen. „Die Bilder von Sultan­ahmet waren für uns alle ein Schock. Es ist schrecklich, wenn so etwas passiert“, sagt der Ex-Nationalspieler, der über die sozialen Netzwerke sein Mitgefühl mit den Opfern auf Türkisch ausdrückte.

Braucht man angesichts eines solchen Ereignisses überhaupt eine Geschichte über Fußball? Wir glauben schon. Zum einen darf man feigen Terroristen auch in der Berichterstattung nicht das Feld überlassen. Zum anderen will Andi Beck eine Lanze brechen für seine Wahlheimat. „Ich hatte bisher nie ein mulmiges Gefühl, wenn ich mich in Istanbul bewege. Ich fühle mich sicher“, sagt Andi Beck.

Dieses Gefühl vermittelt der 28-Jährige auch beim Treffen am Ende des vergangenen Jahres in einem italienischen Restaurant im Zorlu-Center, einer gigantischen Mall, neben der das Milaneo in Stuttgart wie ein Tante-Emma-Laden aussieht. Auf der 2013 eröffneten Supermall oberhalb Ortaköys, die erste Bosporusbrücke zu Füßen, thronen vier Wohntürme. Ganz oben in einem der Türme wohnt Andi Beck mit seiner Freundin Manuela.

Scherze auf Türkisch

Zum Interview im italienischen Restaurant in der türkischen Mall kommt der Abwehrspieler direkt vom Training, er scherzt mit den Kellnern auf Türkisch, lässt eine kleine Selfie-Orgie geduldig über sich ergehen und bestellt drei köstliche Gerichte, um nach der Bestellung zu erklären, dass er bereits direkt nach dem Training gegessen habe und nach 20 Uhr nichts mehr zu sich nehmen könne. Beck beschäftigt sich intensiv mit der Ernährungslehre. Ernährungswissenschaften sind derzeit schwer angesagt im Profifußball. Der BVB-Trainer Thomas Tuchel, einst Andi Becks Ziehvater in Stuttgart, kam aus seinem Sabbatjahr vor der aktuellen Saison ausgemergelt wie ein indischer Fakir zurück, so dünn, dass er zwischen den Nägeln eines Nagelbrettes hätte schlafen können.

So schlimm ist es bei Andi Beck nicht. Der Fußballprofi genießt den Umstand, dass sein Interviewer nun wie ein Gierschlund aussieht, der drei Teller vor sich stehen hat, um neben der Völlerei ein paar Fragen zu stellen. Beck hat bei Besiktas bisher jede Minute gespielt. „Das freut mich natürlich. Dafür hat mich der Verein auch verpflichtet, für die Zuverlässigkeit made in Germany.“ Tatsächlich könnte es für Beck derzeit kaum besser laufen. Statt in Hoffenheim gegen den Abstieg zu spielen, grüßt er von der Tabellenspitze. „Es ist eine Ehre, für so einen Verein zu spielen und einen anderen Druck zu verspüren als in Hoffenheim, wo es gegen den Abstieg geht, wo du nicht in jedes Spiel mit der Mentalität gehst, dass du das bessere Team bist.“

So gut es Beck in Istanbul gefällt, seine beiden Herzensvereine in Deutschland, die TSG Hoffenheim und den VfB, verfolgt er aus der Ferne genau – und leidet mit. „Es wäre schön, meine zwei Vereine einmal nicht mehr auf Platz 15 und 18 sehen zu müssen, sondern auf Platz drei und vier. Wenn die mich hier in der Türkei fragen, wo ich gespielt habe, gucken die in der Tabelle nach und denken sich, oh Scheiße.“

Auch Besiktas spielt Ballbesitzfußball

Andi Beck gehört zu den reflektiertesten deutschen Fußballprofis. Angesprochen auf Markus Gisdol, seinen Ex-Trainer in Hoffenheim, und Alexander Zorniger, den Kurzzeit-VfB-Coach, zögert er mit seinen Antworten für seine Verhältnisse sehr lange. Über Zorniger will er nichts sagen, bewertet aber dessen gescheiterte Spielphilosophie, indem er sie mit der von Besiktas vergleicht. „Momentan spielen wir Ballbesitzfußball. Wenn wir in der letzten Zone den Ball verlieren, starten wir das Gegenpressing, aber erst dann. So vermeidest du Fehler, man kann den Fußball mehr genießen.“

Während des gesamten Gesprächs wird Andi Beck nur einmal ungehalten, als ein weiterer Fan ein Selfie möchte und dafür den Journalisten einspannen will. „Das machst du bitte selbst, er isst doch gerade“, nordet er den Anhänger ein.

Zum Nachtisch geht es dann noch in Becks Apartment. Der Ausblick über Istanbul vom Balkon ist unglaublich, um 22 Uhr ist an diesem Mittwochabend mehr Verkehr als in Stuttgart zur frühmorgendlichen Rushhour. Zeit, zum Abschied noch einmal über seine alte Verbundenheit zum VfB zu sprechen. Wenn man Andi Beck eine Weile zuhört, denkt man, dass die Roten mit dem Blonden vielleicht nie so schlimm abgestürzt wären. Hat der Verein ihn 2008 zu leichtfertig nach Hoffenheim verkauft? „Für die damalige Summe von knapp vier Millionen für einen 21-Jährigen mussten sie mich ziehen lassen. Ich wollte auch unbedingt weg, zu Ralf Rangnick. Im Nachhinein war es der beste Schritt, auch für meine Entwicklung.“ Und gab es irgendwann die Überlegung, zur alten Liebe zurückzukehren – vielleicht vor dieser Saison? „Es gab nie eine offizielle Anfrage vom VfB, wer weiß, was dann gewesen wäre, wenn sie vor dem Besiktas-Angebot gekommen wäre.“

Beck ist der Anti-Großkreutz

Statt Andi Beck spielt nun also Kevin Großkreutz für den VfB. Ohne dem Weltmeister zu nahe treten zu wollen: Beck ist nichts anderes als ein Anti-Großkreutz. Im Gegensatz zum Ex-Dortmunder hat der Russlanddeutsche in Istanbul zum Beispiel noch nie an Heimweh gelitten. Im Gegensatz zu seinem Mitspieler Mario Gomez lernt er fleißig Türkisch. „Ich sehe es als meine Pflicht an, mich als Ausländer über die Sprache in der Türkei zu integrieren.“ Die Fans von Besiktas lieben ihn dafür. Der Exil-Stuttgarter Moritz Marwein, der im Istanbuler Stadtteil Cihangir die angesagte Saftbar Jüs betreibt, ist ein Besiktas-Ultra mit Dauerkarte: „Beck ist bei den Fans fast noch beliebter als Gomez, weil er unkaputtbar scheint“, sagt der Sohn des grünen Landtagsabgeordneten Thomas Marwein.

Am Sonntag ging die türkische Liga wieder los. Das Spiel von Besiktas Istanbul im Fatih-Terim-Stadion wurde aber wegen Unbespielbarkeit des Platzes nach fünf Minuten abgebrochen. Als Tabellenführer startet Besiktas daher am nächsten Spieltag mit 41 Punkten in die Rückrunde. Sollte der Titelgewinn gelingen, erfüllt sich vielleicht ein weiterer Wunsch Andi Becks, die Rückkehr in die deutsche Nationalelf. „Ich habe immer gesagt, dass ich das noch nicht abgehakt habe. Mario wurde wieder nominiert, wer weiß, vielleicht kommt ja auch wieder eine Einladung für mich.“

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