Gerhard Richter in Baden-Baden Den Schrecken übermalt

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Gerhard Richter stellt im Burda-Museum in Baden-Baden seine viel diskutierten „Birkenau-Bilder aus. Diese sollen Opfer des Holocausts und des Naziterrors darstellen.

Gegenständliche Assoziationen sind erwünscht: „Abstraktes Bild“ (1992) Foto: Museum Frieder Burda © Gerhard Richter, 2015
Gegenständliche Assoziationen sind erwünscht: „Abstraktes Bild“ (1992) Foto: Museum Frieder Burda © Gerhard Richter, 2015

Baden-Baden - Eine Linie ist ein Linie, sollte man meinen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn Gerhard Richter dagegen Linien oder Streifen, Senk- oder Waagrechten auf die Leinwand bringt, kann es sich um weit mehr handeln als nur eine schlichte geometrische Form. Manchmal genügt der Titel, um bei schräg verlaufenden Diagonalen einen hundsgewöhnlichen Gegenstand aus dem Baumarkt zu assoziieren: Wellblech. Oder man sieht plötzlich in breit angelegten, grauen Senkrechten einen breiten, schwer herabfallenden Stoff – wie in Richters „Vorhang“-Serie. Ganz so einfach lässt sich also nicht unterscheiden, was gegenständlich, was abstrakt ist.

„Die große Abstraktion – die große Realistik“ nannte Wassily Kandinsky diese beiden Pole, die Gerhard Richter seit vielen Jahren nicht nur auslotet, sondern auch zusammenschnürt wie bei „Abstraktes Bild, See“ aus dem Jahr 1997, das den scheinbaren Widerspruch auflöst: Mühelos erkennen die Betrachter in der schwarzen Fläche die durchlässige, düstere Oberfläche eines Gewässers. Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden eröffnen diese abstrakten Figurationen (oder auch figurativen Abstraktionen) nun die neue Ausstellung, die eigentlich ein anderes, heikleres Thema hat: „Gerhard Richter. Birkenau“.

Schutzraum schaffen

Als wolle man eine Art Schutzraum schaffen, werden jene vier großen Tafeln erst im ruhigeren, zweiten Obergeschoss des Museums Burda präsentiert. Sie waren in den vergangenen Jahren immer Thema der Feuilletons. Gerhard Richter sammelt sei den sechziger Jahren Fotografien von Opfern des Holocausts und des Naziterrors und beschäftigte sich mit der Frage, wie man sie malerisch verarbeiten könnte – ohne zu einem Ergebnis gekommen zu sein.

Für die Birkenau-Serie wählte Richter Fotografien vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau als Grundlage – Aufnahmen, die 1944 von einem jüdischen Sonderkommando gemacht wurden und Menschen auf dem Weg in die Gaskammer zeigen. Seither wurde immer wieder debattiert, ob es moralisch vertretbar ist, solche Dokumente malerisch zu nutzen.

Zahllose Schichten übereinanderlegen

Gerhard Richter, der ein besonnener Künstler ist, hat nach langen, reiflichen Überlegungen 2014 die Antwort geliefert und vier großformatige, abstrakte Bilder gemalt, die diesmal nicht doppeldeutig sein wollen. „Man kann das nicht befriedigend darstellen“, erklärt der Künstler in Baden-Baden. Er habe die Fotografien aus dem Konzentrationslager zwar zunächst auf die Leinwand übertragen, sie dann aber doch übermalt. „Meine Arbeitsweise ist es, immer weiter zu malen, weiter und weiter“, sagt er – und nachdem er zahllose Schichten übereinandergelegt hat, ist er nun überzeugt, dass die Fotos kein Bestandteil der Bilder mehr seien. Er hätte letztlich auch neue Leinwände verwenden können.

Nun wirken diese düsteren, grau-schwarzen Großformate, als sei ein Ascheregen auf sie niedergegangen. Diese mit dem Rakel bearbeiteten Flächen sind komplex, horizontale und vertikale Spuren bilden Gitterstrukturen, rote Schlieren und grüne Farbspuren ziehen sich durch dieses Grau in Grau, dem das Licht, die Helligkeit zu fehlen scheint. Nur Düsternis und Tristesse, die nichts mehr von den fotografischen Vorlagen verrät, sondern allein emotional wirken soll. Als Gerhard Richter die Bilder vor einem Jahr zum ersten Mal im Dresdner Albertinum vorstellte, firmierten sie noch als „Abstrakte Bilder“. Inzwischen verrät der Titel „Birkenau“ den Bezug zum Holocaust. Aber ist es statthaft, die Bilder durch den Titel aufzuladen? „Wir geben ja auch Kindern Namen“, sagt Richter.

Für den 83-jährigen Maler ist die Auseinandersetzung mit den vier Tafeln keineswegs beendet, sondern er nutzt sie weiter. So hängen in der Baden-Badener Ausstellung nun auch 93 Detailaufnahmen aus den vier Großformaten, die die Illusion schüren, dass man durch die Nahsicht dem realen Gehalt hinter den abstrakten Farbschlieren näherkommen könnte. Als sei es möglich, einzutauchen und vorzudringen zu dem, was sich im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ereignet hat – dabei sieht man doch immer nur das Erlebnis Malerei, das Gekröse, die Schichten, Schlieren, Streifen, die kaum greifbaren Verläufe der Farben.

Bilder des Krieges

Auch für „War Cut“ hat Richter bereits Details eines abstrakten Gemäldes herausgelöst und weiterverarbeitet. Bei der Serie „War Cut“ verband er die Ausschnitte mit Zeitungsartikeln, die während des zweiten Irakkriegs entstanden sind, wodurch der Eindruck erweckt wird, es handle sich um unscharfe Luftaufnahmen oder Ansichten von Wärmebildkameras. Damit reichte Richter sozusagen Bilder des Krieges nach, die die Medien der Öffentlichkeit seinerzeit vorenthielten.

Darf man nun aber Dokumente des Grauens malerisch aufarbeiten? Letztlich bleibt die Baden-Badener Ausstellung doch eine Antwort schuldig. Der Kurator Helmut Frieder hat in jedem Fall einen direkten Bezug zwischen den „Birkenau“-Bildern und den Fotodokumenten erstellt, die er ebenfalls präsentiert – so wie auch Motive aus Richters Fotoarchiv, seinem „Atlas“. So wird auch weiterhin daran erinnert, dass Richter eben diese Motive auf die Leinwand holte, die er doch nicht angemessen darstellen konnte – und deshalb auch nicht mehr die Ratio, sondern nur die Gefühle ansprechen will. „Es muss der Stimmung irgendwie entsprechen“, sagt er, „und in dem Fall scheint es geklappt zu haben.“