Gesellschaftsspiele liegen im Trend „Hanabi“: das Spiel des Jahres

Von Christina Jungkurth 

Eine Branche trotzt dem digitalen Trend: Immer mehr Menschen begeistern sich für raffinierte Strategie- und Gesellschaftsspiele. Die Auszeichnung zum „Spiel des Jahres“ geht an ein trickreiches Kartenspiel.

Der französische Autor Antoine Bauza (links) und sein Spiel „Hanabi“. Foto: dpa
Der französische Autor Antoine Bauza (links) und sein Spiel „Hanabi“. Foto: dpa

Berlin - Sie werden seit Generationen über den Spielplan gejagt, hinaus geworfen, sicher ins Ziel gebracht: Die bunten Spielfiguren von „Mensch ärgere dich nicht“ gehören wohl zur kollektiven Kindheitserinnerung der Deutschen. Was lag da näher, als eben diese Männchen zum Logo zu nehmen für ein Qualitätssiegel, das seit 1979 herausragenden Brettspielen verliehen wird? Dabei haben die Spiele, die den Titel „Spiel des Jahres“ tragen dürfen, meist ausgesprochen wenig mit jenem Vorbild zu tun. Deutlich komplexer sind sie, das Zufallselement Würfel ist höchstens ein Bestandteil von vielen. Und es sind längst nicht nur Kinder, die Spaß daran haben, stundenlang um einen Tisch zu sitzen und in fremde Welten zu tauchen. Das beste Beispiel dürfte Klaus Teubers „Die Siedler von Catan“ sein, das 1995 als Spiel des Jahres ausgezeichnet wurde. Zehn Jahre später waren das Basisspiel und seine Erweiterungen mehr als acht Millionen Mal über die deutschen Ladentheken gegangen. „Die ,Siedler‘ haben das Spielen in Deutschland wieder richtig populär gemacht“, sagt Swen Jamrich, Spielefachverkäufer bei Spielwaren Kurtz in Stuttgart. Das betrifft vor allem die Bevölkerungsschicht, die naturgemäß mehr arbeitet als spielt: Während früher Kinderspiele bei den Verkaufszahlen die Nase vorn hatten, zögen seit einiger Zeit die Erwachsenenspiele nach.

Sie sind es auch, die Vielspieler begeistern. Die Stammspieler des Stuttgarter Brettspieletreffs sind eine offene Gruppe, die sich wöchentlich trifft, um, nun ja, zu spielen. Rund 30 Spielfreudige bevölkern jeden Dienstagabend den Kulturverein Merlin im Stuttgarter Westen, räumen bunte Schachteln auf die Tische, probieren Neues aus und vergnügen sich mit Altbekanntem. „Mensch, ärgere dich nicht“ ist nicht dabei. Zu simpel ist die Spielmechanik des Klassikers. Beliebt sind Strategiespiele, die einen einfachen Zugang haben und trotzdem Abwechslung bieten.

Die „Siedler von Catan“ lösten den Trend aus

Genau das ist es, was auch die Profis als Kennzeichen eines markttauglichen Spiels identifiziert haben. Seit den „Siedlern“ mit dem immer anderen Spielfeld und den Erweiterungen sind stetig mehr variable Spiele auf den Markt gekommen. „Der wiederkehrende, aber immer neu gestaltete Ablauf macht Brettspiele so interessant“, sagt Swen Jamrich.

Wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ist für ein einzelnes Spiel dennoch nicht einfach. Das Angebot ist riesig, die vielen Neuerscheinungen graben einander das Wasser ab. „Wenn man Arbeit und Material hineinrechnet, kann man froh sein, wenn ein Spiel eine schwarze Null bringt“, sagt Michael Fronia, Redakteur beim Spieleverlag Hans im Glück. Für die meisten Autoren ist daher das Spieleerfinden auch kaum mehr als ein Hobby. Bernhard Weber, Pressesprecher der Spieleautorenzunft, schätzt die Zahl der hauptberuflichen Autoren in Deutschland auf höchstens 20.

Für das Spiel des Jahres und die Preisträger in den Kategorien Kenner- und Kinderspiel jedoch stehen die Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg gut. „Der Preis bietet Kunden und auch Händlern Orientierung auf einem unübersichtlichen Markt“, sagt Fronia. Von einem ausgezeichneten Spiel lassen sich mindestens zehnmal mehr Exemplare verkaufen als von einem erfolgreichen Produkt ohne das Siegel auf der Packung.

Für ein einzelnes Spiel mag es schwierig sein, sich durchzusetzen. Insgesamt aber erweist sich der deutsche Spielemarkt als durchaus stabil. Laut der Fachgruppe Spiel haben Puzzles und Brettspiele im vergangenen Jahr 350 Millionen Euro Umsatz gebracht, und seit einigen Jahren entdeckt auch das Ausland deutsche Spiele. Der Exportanteil großer Spieleverlage ist in der jüngeren Vergangenheit rasant angewachsen, besonders anspruchsvollere Erwachsenenspiele verkaufen sich gut.

Ein scheinbarer Konkurrent des Brettspiels macht dagegen eine andere Entwicklung durch. Der (deutlich höhere) Umsatz im Bereich der Computer- und Videospiele sinkt seit einiger Zeit. Der große Angstgegner der Brettspielverlage ist die digitale Welt aber ohnehin nicht.

Künftig könnten analoge und digitale Spiele zusammenwachsen

Michael Fronia sieht im klassischen PC-Spiel überhaupt keine Konkurrenz. „Das spielt man alleine. Wer Leute treffen will beim Spielen, muss an den Tisch.“ Schwieriger werde es, wenn Smartphones und Tablet PCs ins Spiel kommen. „Damit können Menschen beisammen sitzen, direkt kommunizieren und brauchen kein Spielbrett mehr.“ Katrin Hanger vom Ravensburger Verlag dagegen freut sich über neue Entwicklungen: „Die Computerwelt hat die nicht-digitalen Spiele bereichert.“ Eine elektronische Komponente gehöre schon jetzt zu einigen Spielen dazu und auch in Zukunft würden Computerelemente und Brettspiel weiter verknüpft. So erscheint im Herbst eine Neuauflage des Klassikers „Scotland Yard“ (Spiel des Jahres 1983), bei dem eine App für Tablet PC und Smartphone das Spielfeld erweitert. Computeranalysen und andere Hilfsmittel sollen den Fahndern die Jagd nach Mister X erleichtern.

Umgekehrt funktioniert die Verbindung zwischen Bildschirm und Tischplatte ebenso. „Kleinere Handyspiele wie Doodle Jump lassen sich auch analogisieren“, sagt Hanger. Die Brettspieleindustrie profitiere also durchaus von den digitalen Ideen. Und eine Überzeugung teilen alle Beteiligten: sie glauben fest daran, dass das klassische Brettspiel auch weiterhin Zukunft hat.