Gesundheitsaufklärung für Prostituierte Prostituierte nehmen Infektionsrisiko in Kauf

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Prostituierte können sich im Gesundheitsamt untersuchen lassen. Damit sie davon erfahren, sind Sozialarbeiter in Bordellen unterwegs. Mit im Gepäck haben sie aber nicht nur Broschüren.

Diese Broschüren und Kondome   vom Gesundheitsamt  sind  gut angekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Diese Broschüren und Kondome vom Gesundheitsamt sind gut angekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Stella* öffnet in Reizwäsche die Tür. „Kommen Sie mit“, sagt die Prostituierte freundlich und führt die Sozialarbeiterin Margarethe Schick-Häberle hinter einen bunten Vorhang in die Küche. „Das ist ein Privileg“, sagt Stella. Freier lässt sie hier nicht hin. Zwei weitere Prostituierte gesellen sich hinzu: Melanie, eine deutsche Prostituierte, ist gerade mit ihrem kleinen Chihuahua hereingekommen. Sie ist noch im Freizeitdress. Joana aus Budapest, eine zierliche Frau mit platinblond gefärbten Haaren, ist dagegen bereit für den ersten Kunden: Sie trägt Lackpumps, Netzstrümpfe mit Schleifchen am Oberschenkel, ein bauchfreies Oberteil und falsche rosa Fingernägel.

Margarethe Schick-Häberle ist länger nicht in diesem Bordell gewesen: ein unauffälliges Haus im Stuttgarter Osten, von außen nicht als Prostitutionsbetrieb erkennbar. Den überwiegenden Teil der „Mädchen“, die heute da sind, kennt sie deshalb noch nicht. Die Frau vom Gesundheitsamt kommt schnell zur Sache. Zeit ist hier schließlich Geld. Stella, Melanie und und Joana erhalten Broschüren in ihren Muttersprachen über das Angebot des Gesundheitsamts, sich in der HIV/STI-Beratungsstelle kostenlos und anonym auf sexuell übertragbare Erkrankungen testen zu lassen: nicht nur in der Scheide, sondern auch im Mund. Das machen normale Gynäkologen nicht, ist aber wichtig, weil Oralsex ohne Kondom verbreitet ist. Die Freier zahlen dafür mehr.

Hartes Profil im Internet, um Kunden zu locken

„Brauchen Sie noch ein paar Glücksbringer?“, fragt die Streetworkerin und zieht in der Küche jede Menge Kondome mit Erdbeergeschmack aus der Tasche, außerdem für jede Frau eine Tube Gleitgel. „Das ist das beste Gleitgel“, ruft Stella aus. Und Melanie fragt gleich nach einer zweiten Tube.

Joana nimmt sich Kondome, lächelt, macht einen Knicks. „Danke, ich liebe Strawberry.“ Ihre scheue Stimme passt nicht zu ihrem Profil im Internet: Da wird sie als Frau dargestellt, die wirklich jeden Wunsch erfüllt. Aber Margarethe Schick-Häberle weiß, dass das, was im Internet steht, und das, was real in den Zimmern passiert, zwei Paar Schuhe sind. Seit 1983 kümmert sie sich um Prostituierte. Sie hat das Prostituiertencafé La Strada 1986 im Leonhardsviertel mitgegründet. Heute berät sie die Frauen im Gesundheitsamt und geht vor Ort in die Bordelle außerhalb der Altstadt. Die Frauen von dort würden das La Strada im Leonhardsviertel nicht betreten. „Die Milieus sind getrennt“, erklärt sie.

Ein ständiger Wechsel, weil die Freier das so wünschen

Manchmal kann es Monate dauern, bis eine Prostituierte, der sie eine Broschüre und ihre Visitenkarte zugesteckt hat, ins Gesundheitsamt an der Bismarckstraße kommt. Auf der Tour durchs Bordell wird auch schnell klar, woran das auch liegt. Die Sozialarbeiterin fragt auf jeder Etage, ob man sich bei der nächsten Sprechstunde sieht. Bis auf Stella, die dauerhaft ein Zimmer hat, ziehen die übrigen nach einer oder zwei Wochen weiter in die nächste Stadt. „Länger lohnt es sich nicht, die Kunden wollen neue Frauen“, erklärt Sarah, eine Tschechin, die für eine Woche auf der ersten Etage ein Zimmer bezogen hat. Das Angebot mit den Gesundheitstests sei toll, wenn sie in einigen Monaten wieder in Stuttgart sei, schaue sie vorbei, ganz sicher. „Das ist sehr, sehr wichtig“, meint auch eine spanische Prostituierte. Bei ihr sei aber alles in Ordnung, sie lasse sich einmal im Monat in ihrer Heimat durchchecken. Auch Joana sagt, sie habe in Budapest einen Arzt ihres Vertrauens, zu dem sie regelmäßig gehe.

Ob das stimmt? Man weiß es nicht. Erzählt wird viel, ist die Erfahrung von Margarethe Schick-Häberle. Wie wichtig die Gesundheitsprävention ist, zeigt sich an der Statistik des Gesundheitsamtes. Laut dieser nehmen sexuell übertragbare Erkrankungen wieder zu: Bei Hepatitis B, Gonorrhoe (Tripper), Chlamydien und Syphilis sind die Zahlen steigend. Die Risikobereitschaft habe sich erhöht, weil die Erkrankungen als „problemlos behandelbare Unpässlichkeiten gesehen werden“, was nicht stimme, heißt es in einer Gemeindedrucksache. Die Infektion werde inzwischen bewusst in Kauf genommen.

Frauen haben oft gesundheitliche Probleme

Oralsex werde von den Freiern in der Regel ohne Kondom verlangt, berichtet die Gynäkologin Katharina Leins aus der HIV/STI-Beratungsstelle des Gesundheitsamts. Die Ansteckungsgefahr sei vielen nicht bewusst. Dass sie mit Tripper infiziert sind, merken die Prostituierten kaum und spät – im Gegensatz zu den Freiern, die ebenfalls die Sprechstunde aufsuchen, weil sie sich zu ihrem Arzt nicht trauen. „Viele Freier denken nur an sich und nicht daran, dass sie auch Verantwortung tragen“, kritisiert die Ärztin.

Die Frauen, die sie behandelt, kommen oft wegen ihres zerstörten Scheidenklimas zu der Gynäkologin. „Prostituierte waschen sich sehr viel im Intimbereich, sie machen Scheidenspülungen nach jedem Kunden“, berichtet Katharina Leins. Dadurch würde die Vagina trocken und angreifbar für jedes Bakterium. Wegen der Trockenheit nähmen die Frauen mehr Gleitgel, das sie später unbedingt wegwaschen wollten. Wenn die Ärztin den Frauen erklärt, dass sie mit den Waschungen aufhören müssten, seien diese erst mal entsetzt. Doch anders gehe es nicht. Teilweise müssten sie eine Auszeit einlegen, damit sich die Scheide erhole. Ansonsten bleibe nur der Jobwechsel. „Viele nehmen Schmerzmittel und Schmerzgels, um weiter arbeiten zu können“, erzählt Corinna Reim, eine weitere Sozialpädagogin.

Schutzengel für die Sozialarbeiterin

Margarethe Schick-Häberle ist froh, dass seit drei Jahren die Gynäkologin Katharina Leins mit zum Team gehört. „Sexuelle Gesundheit beinhaltet viel mehr als sexuell übetragbare Erkrankungen“, sagt sie. Jetzt fehle noch personelle Unterstützung, um sich mehr um die Ausstiegswilligen zu kümmern. „Das Thema Ausstieg nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“, sagt die Sozialpädagogin. Es sei oft schwierig, die Frauen ins Hilfesystem zu bringen. Umso schöner sei es, wenn das gelinge.

In ihrem Zimmer im Gesundheitsamt stehen jede Menge kleine Schutzengel, die ehemalige Prostituierte der Streetworkerin geschickt haben. Als Dankeschön an den echten Schutzengel, der ihnen irgendwann einmal eine Visitenkarte in die Hand gedrückt hat – und Kondome.