Gewinner des bedingungslosen Grundeinkommens Die Utopie im Lostopf

Von Ana-Marija Bilandzija 

Die Idee soll unsere Gesellschaft verändern: Via Internet wird in eine Spendenkasse eingezahlt, und wenn 12 000 Euro zusammen sind, ein Grundeinkommen verlost. 1000 Euro monatlich, ein Jahr lang. Zwei Gewinner erzählen.

Olga Zimmer und ihr Sohn Robin zählten zu den ersten, die im Sommer 2014  Glück bei der Ziehung hatten. Foto: Ana-Marija Bilandzija
Olga Zimmer und ihr Sohn Robin zählten zu den ersten, die im Sommer 2014 Glück bei der Ziehung hatten.Foto: Ana-Marija Bilandzija

Biberach - Olga Zimmer aus Mittelbiberach erfährt auf dem Heimweg von dem Projekt, das ihr Leben verändern soll. Um den Radiobericht zu Ende hören zu können, fährt die 46-Jährige rechts ran. Zu Hause sprudelt es dann nur so aus ihr heraus. Ihr Mann lässt sich nicht anstecken, aber sie sitzt schon am Computer, um sich sowie ihre Kinder, den achtjährigen Robin und die zehnjährige Carla, zur Verlosung des sogenannten bedingungslosen Grundeinkommens anzumelden. Es handelt sich um ein Projekt eines Berliner Jungunternehmers, der diese Idee der existenziellen Grundsicherung mit Hilfe von Crowdfunding ausprobieren möchte.

Als das Los tatsächlich Robin trifft, weiß Olga Zimmer zunächst nicht, ob sie ihm das überhaupt erzählen soll: Jeden Monat 1000 Euro, ein Jahr lang. Als sie es doch tut, fragt er: „Mama, sind wir jetzt reich?“ Das war im August 2014 und Robin einer der Ersten, die das große Los gezogen haben. Heute ist er eine Art Aushängeschild des Projekts.

Bescheidene Wünsche

Was wünscht sich ein Kind, wenn es weiß, dass es viel Geld gewonnen hat? Den Betrag kann Robin freilich nicht wirklich einordnen, seine Wünsche sind bescheiden. Jede Woche ein neues Buch, das fände er toll. Die Zimmers erfüllen ihm diesen Wunsch. Und fassen außerdem den Entschluss, von nun an öfter mal einen Familientag einzulegen, um aus der wenigen Zeit, die im Alltag bleibt, mehr herauszuholen. In den folgenden Monaten besuchen sie den Playmobilpark, fahren zur Bärenhöhle, machen einen Ausflug ins Technikmuseum Sinsheim.

Im Beruf steckt Olga Zimmer nicht zurück. Dabei hätte sie allen Grund dazu: Neben ihrer Arbeit als Krankenschwester hat sie die Pflege ihrer Mutter übernommen. Nicht zu vergessen die Kinder: „Sie sind in einem schwierigen Alter, ich hoffe, das legt sich bald.“ Die Zimmers nutzen das Geld, um mit kleinen Dingen das Leben angenehmer zu machen, und stecken den Rest in die Tilgung des Hauskredits. „Wir haben weder Geld angehäuft noch verpulvert“, sagt Olga Zimmer über das vergangene Jahr. „Ich habe versucht, das Geld als Geschenk zu sehen und so damit umzugehen, als würden wir tatsächlich ein Grundeinkommen beziehen.“

Der Gewinn war eine große Bereicherung

Als sie vor 20 Jahren aus Sibirien nach Deutschland gekommen sei, habe sich alles um die Arbeit gedreht, sagt Olga Zimmer. Erst allmählich fand sie ins gesellschaftliche Leben. Mit Politik beschäftigte sie sich nie so recht. Das hat sich mit Robins Gewinn verändert: Das bedingungslose Grundeinkommen ist ihr neues Lieblingsthema, sie blüht regelrecht auf, wenn sie davon spricht. „Ich bin keine Expertin, aber in meinem Bekanntenkreis habe ich sehr interessante Diskussionen geführt, seit ich gewonnen habe.“ Sie dreht weiter ihre Runden im „Hamsterrad“, wie sie sagt. Doch der Gewinn sei eine große Bereicherung gewesen: „Früher habe ich quasi nur auf den Teller vor mir geschaut, die Tage abgearbeitet. Jetzt bin ich viel offener und habe das Gefühl, den Menschen mehr geben zu können.“ Und auch bei dem Gewinnerkind ist die Botschaft angekommen. Seine Mutter staunte nicht schlecht, als Robin ihr sagte: „Mama, du und Papa seid irgendwie besser drauf in letzter Zeit.“

Der Kopf hinter der Idee des verlosten Grundeinkommens ist ein junger Mann, der Idealist genug ist, unser Gesellschaftssystem umkrempeln zu wollen, und Realist genug, das Konzept Grundeinkommen zunächst in Frage zu stellen. Michael Bohmeyer, 30, hat große Zweifel, als er sich zum ersten Mal mit dem Thema Grundeinkommen befasst. Ein gutes Konzept, das aber an der Finanzierbarkeit scheitert, denkt er. Im Internet kennt sich der Berliner Jungunternehmer bestens aus. Schon als Jugendlicher hat er diverse Programme geschrieben, er leitete auch schon einen Versandhandel für Metallschilder. Michael Bohmeyer trifft sich mit Befürwortern des Gedankens und fängt Feuer. Crowdfunding, das Geldeinholen im Kollektiv, hebt den Gedanken der Solidarität in das Internetzeitalter. Welches Projekt könnte sich darüber besser finanzieren lassen als eines, das unsere Gesellschaft neu denkt?

Interview im Frühstücksfernsehen

Im Sommer 2014 geht Bohmeyers Mein-Grundeinkommen.de online. Die „taz“ berichtet darüber, es folgt ein Interview beim Frühstücksfernsehen. Binnen 80 Tagen kommen 50 000 Euro zusammen. Bis heute haben sich mehr als 200 000 Nutzer registriert und 34 000 Spender beteiligt, 25 Grundeinkommen sind verlost worden. Auch wer nicht spendet, kann mitmachen.

Was sie im Falle eines Gewinns mit dem Geld anstellen würden, geben viele Nutzer auf ihrem Profil preis – freiwillig. Keiner ist den Spendern Rechenschaft schuldig. Wen das Los trifft, den fragt Bohmeyers Team, ob er in den Medien darüber berichten will. Manche lehnen auch ab.

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