Gottfried Gronmayer, der Viehtransporteur So ist das Leben

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Gottfried Gronmayer, den alle nur Gobi nennen, fährt seit 45 Jahren Vieh. Auf Achse mit dem 73-Jährigen und einem Jungbullen von Bad Waldsee bis an den Bodensee.

Gronmayer auf dem Denzel-Hof Foto: Andreas Reiner 9 Bilder
Gronmayer auf dem Denzel-HofFoto: Andreas Reiner

Bad Waldsee - Wer klappert so früh durch Kälte und Wind? Wer knattert so laut und einsam über raureifumsäumte Straßen durch das oberschwäbische Land? Es ist Gottfried Gronmayer, Jahrgang 1942, mit seinem Magirus Deutz, Baujahr 1964.

Die Sitzbank seines Lastwagens ist mit Kissen ausgelegt wie ein Wohnzimmersofa. Die Heizung ging noch nie richtig. Gronmayer, alle nennen ihn hier nur Gobi, hat deshalb selber eine gebaut, die keine Kompromisse kennt und das Führerhaus in kurzer Zeit zur Sauna verwandelt. Er dreht das Fenster runter, was bei den Minusgraden draußen das Führerhaus in kurzer Zeit zur Kühlkammer verwandelt. Erst mal eine Roth-Händle.

Wenn Gobi die Gänge einlegt, ist das ein Schauspiel für sich. Dabei geht seine Faust am Knauf auf lange Reisen im scheinbar unbegrenzten Raum der Schaltwege. Am Ende fühlt er dann leicht vor, ob das Getriebe willig ist, drückt gefühlvoll durch, und meistens passt es. Nur selten folgt ein erbärmliches Krächzen, das wie die Erste Geige aus dem großen Geräuschkonzert des Fahrzeugs hervortritt. Die schweren Kippschalter am Armaturenbrett erinnern an frühe Hammondorgeln. Das Lenkrad ist so groß wie das Steuerrad eines Piratenschiffs. Auf der Ablage: ein Meterstab, ein Stück Viehkreide und eine Lesebrille im Horndesign der siebziger Jahre, die auch von Dior oder Cardin sein könnte.

Der alte Magirus braucht keinen Abgastest, keine Gurte. Er hat den vierten Motor, ein 130-PS-Traktoraggregat mit fünf Litern Hubraum, vom Schrotthändler gekauft, 1984 muss das gewesen sein: „Der braucht keinen Tropfen Öl.“ Die Karosse des Magirus Deutz 110 D7 hat jetzt dreieinhalb Millionen Kilometer auf dem Buckel. Er ist der einzige, der noch auf deutschen Straßen unterwegs ist. Die Auskunft gab ihm das Kraftfahrtamt ins Flensburg, „ich hab da spaßhalber mal angerufen“. Gobi transportiert Vieh. Früher täglich. Heute noch ein, zwei Mal die Woche, wenn die Rinderunion gerade einen passenden Auftrag für das Ein-Mann-Unternehmen hat.

Seine junge Freundin lernte er an der Tankstelle kennen

Gobi trägt das ungestüme Haar nach hinten gekämmt, die Koteletten lang und wild, schwere Arbeitsstiefel, einen blauen Overall aus festem, störrischem Stoff, darunter Hemd und Pullover. Die Wollmütze hat ihm seine Freundin gestrickt. Sie ist 22. Er lernte sie an einer Tankstelle kennen, das war an einem Karfreitagmorgen. „Da gab dann ein Wort das andere“, sagt er. Sie raucht noch mehr als er. Sie verstehen sich sehr gut.

Er kommt nicht mehr so geschmeidig daher. „Links das Raucherbein, rechts das Hinkebein“, sagt er immer. An dem einen sind die Roth-Händle schuld. An dem anderen seine gebrochene Hüfte. Das ist ihm beim Verladen einer Kuh passiert. Sie lupfte den Bauer hoch und warf ihn auf Gobi, dann verlor sie selber das Gleichgewicht und fiel auch noch auf ihn drauf. Er dachte schon, er muss in Rente. Aber er rappelte sich wieder hoch.

Auf dem Josenhof bei den Denzels dampft die frische Miste auf der Schaufel des Frontladers. Der Jungbauer im Führerhaus trägt Engelbert-Strauss-Arbeitskleidung, gegen den imposanten Schlepper ist Gobis Magirus ein Zwerg. Die Beifahrertür öffnet man am besten von außen, „die spannt a bissle“. Gobi begrüßt den Hofhund. Eines der Enkele kickt einen schlaffen Ball über den Hof, der Altbauer wischt dem Buben mit seinem Stofftaschentuch die Nase sauber. Es gibt heißen Kaffee, Gobi sitzt auf einer Bank, lässt sich von der Morgensonne bescheinen und raucht eine. Man schwätzt ein bisschen. Irgendwann geht es dann los.

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