Krimikolumne

Guido Rohm: „Fleischwölfe / 0 (Null)“ Die Lüge von den Kannibalen

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Normale Mordfälle sind nicht der Fall von Guido Rohm. Der Mann aus Fulda schreibt freche, harte Texte, die allen Gewissheiten des Krimis widersprechen.

Vorne ein Umschlagbild, hinten ein Umschlagbild: Guido Rohms neues Buch sorgt beim Lesen in der Straßenbahn  für abschätzige Blicke der Umsitzenden. Foto: Evolver Books
Vorne ein Umschlagbild, hinten ein Umschlagbild: Guido Rohms neues Buch sorgt beim Lesen in der Straßenbahn für abschätzige Blicke der Umsitzenden.Foto: Evolver Books

Stuttgart - Nippeskrimi, ernsthafter Krimi – wer solche Begriffe verwendet, argumentiert meist inhaltlich und findet die Storys mal mehr aufs Heimelige ausgerichtet, mal mehr aufs Beunruhigende. An den Rändern des Krimis aber bewegen sich Autoren, die mit solchen einfachen Unterscheidungen immer weniger anfangen können, denen die ganze Gattung Krimi, der sie in Hassliebe verbunden sind, suspekt ist – inklusive deren Erzählgewissheiten.

Der 42-jährige Guido Rohm schreibt seit einigen Jahren Texte, die nicht auf den Gipfel des Krimiturms in der Buchhandlung kraxeln, sondern an dessen Fundamenten herumrütteln wollen. Ein neuer Band bei Evolver fasst zwei seiner Texte zusammen, den von ihm Noirvelle getauften „O (Null)“ sowie „Fleischwölfe“, einen Roman zum Film, wie da lügenhafterweise steht. Rohm liefert nämlich die gedruckte Tonspur zu einem (nicht existenten) gefälschten Dokumentarfilm, zur gestellten Recherche in einem Mordfall wie aus einem Horrorfilm. Eine hinterwäldlerische Sippe hat Durchreisende gekidnappt, als Schlachtvieh gehalten und gefressen.

Tannöd trifft Kettensägenmassaker

In dem frechen Text erfährt man, dass es reale Ereignisse gegeben haben soll, die erst nach dem Film bekannt wurden und seinen Erfindungen bis ins Detail ähnelten. Anders gesagt: das Leben habe also die Kunst imitiert. Das kann aber genauso gut Teil der Scharade der Filmemacher sein, man kann mithin als Leser nicht mehr entscheiden, wer da auf welcher Ebene zu uns spricht. Clevere Verlagswerbeleute würden vermutlich sagen, „Fleischwölfe“ klinge, als habe der junge Christoph Schlingensief ein Buch von „Tannöd“-Autorin Andrea Maria Schenkel umgeschrieben und mit „Texas Chainsaw Massacre“ gekreuzt.

Hausfrau und Playmate

„0 (Null)“ beginnt gewagt leserunfreundlich mit einem surrealen Kapitelchen, das in der Buchhandlung leider einige Interessenten zum raschen Wiederweglegen des Evolver-Bändchen bringen könnte. Man sollte zu diesem Einstieg noch einmal vorblättern, nachdem man die „Noirvelle“ ganz gelesen hat, dann erst erschließt er sich.

Rohm stellt kurze Kapitel aus dem Leben zweier Frauen gegeneinander. Die Hausfrau Susie und das Playmate Sonja leben im gleichen Kerker emotionaler Verwahrlosung, ökonomischer und sexueller Ausbeutung, fortgesetzter Demütigung durch Männer und enger Denkgrenzen.Nur die Tapete ist bei Sonja bunter, und die völlige Missachtung durch einen Ehemann ergänzt um die Sei-meine-Wichsvorlage-Blicke der Millionen.

Rohm beginnt mit einer knappen Sprache, die dann noch härter wird, der die Relativsätze fast ganz abhanden kommen, die mit Hauptsatzschlagfolgen arbeitet.Allerdings nicht im Stakkato, sondern in einer extrem selbstgewissen Ruhe, mit oft zu Einzelabsätzen isolierten Aussagen und Befunden. Das liest sich dann so:

„...

Paul kennt sie nicht.Er hat sich nie um ihre Gedanken bemüht.Er wollte eine Mama.Eine Haushaltshilfe.Eine, in die er sich entleeren konnte.Susie ist nicht Susie.Sie ist ein Haushaltsgerät.Eine Sexsklavin....“

Sirenen in Qualhaltung

Inwieweit das noch ein Krimi ist? Gute Frage. Es kommt, nebenbei, zu einer Tötungshandlung, und Kindesmissbrauch steht am Anfang dieser unglücklichen Biografien. Aber Rohm fokussiert nicht auf die strafbaren Vergehen, sondern auf das skandalöserweise Erlaubte und Normale, auf eine nicht von Paragrafen erfasste Brutalität.

Allerdings haben kaputte und starke, selbstbefreiungswillige, rachedürstende und auf Rettung harrende Frauen eine lange Tradition im Noir, spielen oft die zentrale Randrolle der Sirenen, die Männerschiffe vom Kurs abbringen und auf Klippen zulocken. Rohm, der sich stets für die laternenlosere Straßenseite interessiert, auch in der Krimigeschichte, greift solche Motive auf. Aber er lässt die Rettungs- und Aufstiegschancen, die moralischen Verurteilungen und die erotischen Verzückungen weg, die man bei James M. Cain und Cornell Woolrich noch finden kann. In „0 (Null)“ zeigt er keine romantischen Felsen, auf denen verwunschene Wesen gefangen sitzen, er schaut in zwei Minikäfige der industriellen Qualhaltung.

Aber trotz Bezugsmöglichkeiten zu Noir und Kannibalenschocker, man sollte „Fleischwölfe / 0 (Null)“ nicht als Krimis ansprechen. Rohm bringt die Texte eher gegen den Krimi in Stellung, den einen gegen schlichte Konzepte von Wahrheit und Realismus, den anderen gegen die Unterscheidbarkeit von Verbrechen und Nichtverbrechen.

Guido Rohm: Fleischwölfe/ 0 (Null). Mit einem Vorwort von Georg Seeßlen. Evolver Books, Wien. 192 Seiten, 14 Euro.

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