Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichte zur Klinke Laute Sommerresidenz

Von Björn Springorum 

August in Stuttgart heißt vor allem eines: Klinke Festival! Seit wenigen Tagen läuft wieder kostenlose Musik im Merlin - und das schon seit 1990! Was sich in dieser Zeit so alles zugetragen hat? Hier steht‘s!

Haben Schmutzki zwischen sich: Annette Loers und Arne Hübner vom Merlin freuen sich auf die Klinke. Foto: Björn Springorum 3 Bilder
Haben Schmutzki zwischen sich: Annette Loers und Arne Hübner vom Merlin freuen sich auf die Klinke. Foto: Björn Springorum

Stuttgart – Die 28. Klinke rauscht in ihr erstes Wochenende. Nach dem verqueren, aber vergnüglichen Auftakt mit Christian Rottlers Proust-Abrechnung und dem sanft wogenden Psychedelic Pop von Cebra, der perfekt zur Witterung in Saal und Biergarten passte, legt Stuttgarts längstes Festival auch in den nächsten Tagen keine Pause ein.

Das Merlin ist bereit, eine namhafte Brauerei lässt ihr neues, sehr malziges Braunbier springen - und mittendrin wuseln Annette Loers und Arne Hübner rum. Sie gehört zur Merlin-Leitung, er hat das Booking der diesjährigen Klinke "verbrochen". Die Auswahl ist besonders und geschmackssicher, setzt in diesem August übrigens fast ausschließlich auf musikalische Eigengewächse aus Stuttgart und Umgebung.

Ja, da können die Talentscouts trotz Sommerloch und eigentlicher Konzertpause ruhig mal aus euren Löchern kommen und staunend feststellen, dass Iggy Pop unseren Lieblings-Dandy Levin Goes Lightly zwar völlig zurecht gelobt hat, aber eben noch längst nicht alles gehört hat, was es aus Stuttgart so zu hören gibt. Deswegen gibt es ja die Klinke.

1990 als sechswöchiges Kulturfestival gestartet (damals noch unter dem Titel Sommernachtsmusik), um während der Sommerferien zumindest den Hauch eines Stuttgarter Kulturprogramms zu gewährleisten, wurde die Klinke schon sehr bald zum reinen Musikfestival. Und zum Brennglas für eine Musikszene, die sich in den letzten Jahren unfassbar emanzipiert hat und weithin für Aufmerksamkeit sorgen konnte.

Was sich seit 1990 bei der Klinke alles zugetragen hat, was sich auf, vor und hinter der Bühne abgespielt hat und wieso ein Konzert von Choreografen-Schnuckel Eric Gauthier immer für einen Ausnahmezustand in der Augustenstraße sorgt, erzählen und Loers und Hübner bei einem Braunbier im lauschigen Merlin-Garten.

Die Schmutzki-Genesis

Die größte Erfolgsgeschichte unter den Klinke-Bands ist zweifellos die von Schmutzki. Oft erzählt, aber immer noch gut: Ihr erster Auftritt bei der Klinke war als Support der Stuttgarter Tune Circus. Beim nächsten Mal spielten Tune Circus als Vorband - und jetzt treten Schmutzki vor den Toten Hosen und 70.000 Leuten auf. Nicht schlecht.

Der Choreograf und seine Fans

Wenn Eric Gauthier bei der Klinke spielt, herrscht im Merlin immer Ausnahmezustand. Der Saal ist brechend voll, vor der Bühne knien junge Ballerinas, selbst weit hinten im Café versuchen die Leute, noch was vom Geschehen auf der Bühne mitzubekommen. Im Saal hat es ungefähr 880 Grad - doch es kam schon mal eine junge Ballerina nach dem Konzert an die Theke und bestellte einen heißen Kakao - mit Sahne!

Rang zwei ist noch frei

Auch gut bei Eric Gauthier: Aufgebrachte Anrufe von offensichtlichen Theaterhaus-Gängern, die fragen, ob es für sein Konzert noch Karten auf Rang Zwei gibt. Wer das Merlin nicht kennt: Es gibt keinen Rang Zwei. Es gibt einfach den Raum vor der Bühne. Eine unserer Mitarbeiterinnen ließ sich auf eine solche Frage am Telefon dann mal dazu hinreißen, noch Karten für den Balkon und die Straßenseite anzupreisen. Fies, aber auch ein bisschen lustig.

Sommerresidenz

Das Klinke-Publikum ist ja allein durch die vielen unterschiedlichen Bands sehr gemischt. Es gibt allerdings nicht wenige, die gar nicht primär wegen der Bands kommen, sondern sich einfach in den Biergarten setzen, etwas trinken und vielleicht mit einem Ohr zuhören. Die Klinke ist längst ein Treffpunkt für verschiedenste Leute, auch die Bands vom Vortag kommen am nächsten Tag gern mal wieder.

Das nervt!

Strenggenommen haben "Die Nerven" noch nie im Merlin gespielt. Dabei gibt es eigentlich keine andere Band, die so oft bei uns zu Gast war - wenn auch immer nur in ihren Einzelteilen. Mal als Musiker in anderen Bands, mal als Mischer, außerdem hat Kevin Kuhn hier mal ein Praktikum gemacht. Sie sind so was wie die In-House-Band des Merlin. Nur dass sie eben noch nie zusammen als "Die Nerven" gespielt haben.

Die Künstlerwohnung

Musiker können bei uns in einer eigenen Wohnung übernachten. Mehr als einmal waren aber auch wir als Team froh, diese Wohnung zu haben. Mehr als einmal schlief schon ein Praktikant dort, angeblich weil er die letzte S-Bahn verpasst hat. Auch Annette musste schon mal auf das Bett dort zurückgreifen, weil sie ihren Hausschlüssel vergessen hatte. Gut, dass die Band an dem Abend aus der Region kam und die Bude nicht selbst brauchte.

Die Sache mit dem Hut

Die Klinke kostet keinen Eintritt - nie. Dafür lassen wir für die Bands einen Hut rumgehen, in den die Besucher dann natürlich sehr gern Geld legen können. Nicht allen macht das Spaß, daher hier die Top 5 unserer Hut-Sprüche:

1. "Ich hab‘ die schon genug unterstützt, ich bin die Mutter des Schlagzeugers!" Merlin-Fazit: Okay, lassen wir gelten.

2. "Ich hab‘ das Konzert gar nicht gehört, ich saß ja nur im Biergarten." Merlin-Fazit: Ja, aber ohne Band hätte der Biergarten gar nicht auf.

3. "Ich hab‘ gar kein Geld mit!" Merlin-Fazit: Und wie bist du dann an das Bier in deiner Hand gekommen?

4. "Das Geld hat meine Freundin, die ist auf dem Klo." Merlin-Fazit: Kein Problem, wir warten gern!

5. "Cooles Konzert, da geb‘ ich gern zehn Euro!" Merlin-Fazit: Yeah!

Außer Geld finden wir auch immer recht kuriose Sachen im Hut. Darunter: Schrauben, Tampons, ausländische Währungen, Zahnbürsten, Einkaufswagen-Chips, Boxauto-Chips, Haargummis, andere Gummis - verstehen muss man das nicht!

www.merlinstuttgart.de