Handel in Stuttgart Königstraße im Abwärtstrend

Von Martin Haar 

Die Zählungen unterschiedlicher Makler kommen zu einem Ergebnis: Die Zahl der Passanten auf der Königstraße ist deutlich gesunken. City-Managerin Bettina Fuchs spricht jedoch von einer Momentaufnahme: „Ich lasse mir die Königstraße nicht schwarz malen, wir müssen uns weiterhin nicht verstecken.“

Die Passantenfrequenz auf der Königstraße sinkt kontinuierlich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Passantenfrequenz auf der Königstraße sinkt kontinuierlich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Ist die Königstraße in einem Abwärtstrend? Eine Frage, viele Antworten. Das Gefühl sagt Nein. Wer über die Stuttgarter Einkaufsmeile schlendert, hat den Eindruck: Alles wie immer. Viele Menschen, viele Kunden, guter Umsatz. Doch wer sich im Handel umhört, bekommt ein anderes Bild. Die Stuttgarter Händler ächzen. Keiner ­jubelt. Und zur Königstraße sagen viele schon gar nichts mehr. Einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, ist Rainer Bartle vom Buchhaus Wittwer: „Wenn ich an die Glanzzeiten der Königstraße zurückblicke, dann schätze ich, dass wir inzwischen 20 Prozent weniger Passanten haben.“

Was Bartle ahnt, belegen die Frequenzmessungen. Schon vergangenes Jahr zeigte der Trend jäh nach unten. Die Zählung von Jones Lang Lasalle haben 2015 die Königstraße im bundesweiten Vergleich der Haupteinkaufsstraßen ein desaströses Ergebnis beschert. Die Königstraße war vom dritten auf den 16. Platz abgerutscht. In einer Zählung von BNP Paribas Real Estate landete sie sogar auf Platz 22.

Zahlen lügen nicht. Oder doch? Nun, selbst Statistiker geben zu, dass alles relativ ist. Es kommt auf den Zeitpunkt der Zählung, aufs Wetter und viele andere ­Faktoren an. Allerdings verfestigt sich der Trend im Jahr 2016. Andere Makler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. So zählte der Makler von Engel und Völkers im Jahr 2015 noch 8595 Passanten pro Stunde und ein Jahr später nur noch 6778. Für die Platzierung in der deutschen Rangliste ergibt das einen Abstieg von Platz sieben auf 13. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt BNP Paribas Real Estate: Man zählte 6758 Passanten pro Stunde und setzte die Königstraße damit auf den 17. Platz.

Citymanagerin: „Alles nur Momentaufnahmen“

Was sind die Gründe? Die beiden Einkaufscenter Milaneo und Gerber? Die steigende Attraktivität der Nebenstraßen? Die vielen Baustellen in den Fußgängerzonen und den Straßen? Die allgemeine Verkehrs- samt Feinstaubproblematik? Oder doch der wachsende Online-Handel?

Im vergangen Jahr meinte City-Managerin Bettina Fuchs noch: „Alles nur Momentaufnahmen.“ Doch was sagt sie nun? Sie wiederholt dieses Mantra. „Ich beziehe mich auf die neusten Zahlen von Jones Lang Lasalle“, sagt sie, „und da schneiden wir mit 8890 Passanten pro Stunde ab und liegen im deutschen Vergleich auf Platz zehn.“ Noch wichtiger ist der City-Managerin allerdings die Langzeitbetrachtung dieser Zählung. Hier stehe die Königstraße im Zeitraum zwischen 2007 und 2016 mit durchschnittlich 10 573 Passanten gut da. Fuchs: „Daher ­lasse ich mich von den aktuellen Zahlen nicht verrückt machen.“

Heinz Reinboth von der Interessengemeinschaft Königstraße sieht das ein wenig anders. „Die Baustellen in der City, die den Fußverkehr behindern, sind ein großes Problem. Aber noch problematischer ist die erschwerte, allgemeine Erreichbarkeit der Innenstadt.“ Damit meint er nicht nur den Autoverkehr in der Stauhauptstadt und die Ausweitung des Parkraum-Managements, Reinboth nimmt auch die Bahn ins Visier: „Wer mit dem Zug kommt, muss weitere ­Wege gehen. Und die Unpünktlichkeit der ­S-Bahn ist ebenso ein Faktor.“ Insgesamt stimmt er Rainer Bartle zu, der einen starken Einbruch bei der Passantenfrequenz feststellt.

Es ist ein Problem, in die Stadt zu kommen

Auch Bettina Fuchs gibt zu: „Die Zeit­-Wege-Distanz ist nicht in Ordnung.“ Man brauche zu lange, um in die Stadt zu kommen. Oder die Wege in der Stadt seien nicht zuletzt wegen der Baustellen zu beschwerlich. Zudem sei das Thema Feinstaub ein Faktor, der die Menschen aus dem Umland von einem Stadtbesuch abhalten könne: „Wir müssen zwar alles tun, um dieses Problem in den Griff zu bekommen“, sagt sie, „aber Fahrverbote und Feinstaubalarme wirken wenig einladend.“

Bettina Fuchs will daher nicht ruhen, die Attraktivität der Innenstadt und die Aufenthaltsqualität zu verbessern. In puncto Sauberkeit und Sicherheit ist schon einiges passiert“, sagt sie, „aber es darf gerne noch ein bisschen sauberer werden.“ Die wenigen Mülleimer in der Stadt seien viel zu schlecht wahrnehmbar.

Viel wichtiger ist jedoch, dass sich auf dem Vermietungsmarkt etwas ändert. Fuchs erkennt erste Anzeichen eines Wandels von einem „Vermieter- zu einem Mietermarkt“. Soll heißen: In Zukunft müssten die Immobilieneigentümer „auch an die Vielfalt der Händler denken“. Tatsächlich stellen auch die Experten des Maklers Collier fest: „Die Königstraße ist nicht spannend.“ Noch liegen die Spitzenmieten zwar im Bereich von 320 Euro pro Quadratmeter, aber hier ist derzeit wohl eine Grenze erreicht. Zumal laut Collier der Flächenumsatz in der City seit 2012 sinkt.

Öffnung des Dorotheen-Quartiers sehnsüchtig erwartet

Wie es heißt, dachten sogar große Mieter wie WMF daran, die obere Königstraße zu verlassen. Der Baulärm, der Staub und die Frequenzrückgänge veranlassen angeblich viele zum Nachdenken. Doch alle hoffen, dass es mit dem Ende der Bauarbeiten und dem Einzug von Primark in das ehemalige Karstadt-Gebäude an der Ecke Königstraße/Schulstraße wieder nach oben geht. Die Anmietung werde zukünftig für einige Bewegung in den Stuttgarter A-Lagen sorgen, meint der Makler BNP. Auch Bettina Fuchs hofft, „dass die Karten mit der Eröffnung des Dorotheen-Quartiers neu gemischt werden.“

„Das mag alles stimmen“, sagt Reinboth, „aber dabei wird das Warenangebot von Primark vernachlässigt. Das zieht nur junge Leute an, die von ihrem Taschengeld Klamotten kaufen.“ Zuletzt fürchtet er das so genannte Downgrading der einstige Vorzeigemeile Stuttgarts: „Das Niveau der Königstraße sinkt mehr und mehr.“