Hausmannskost im Trend New York liebt deutsche Speisekarten

Von Sebastian Moll 

Lange war die deutsche Esskultur in New York verbreitet. Nach dem Krieg war Deutsches allerdings nicht mehr salonfähig. Bis jetzt. Denn es war nur eine Frage der Zeit, bis Gulasch und Nieren zum Trend im Big Apple wurden.

Der Besitzer des Schneider im Stadtteil Lower East Side tritt mit seiner Band  auch im eigenen Lokal  auf. Foto: laif, Paulaner
Der Besitzer des Schneider im Stadtteil Lower East Side tritt mit seiner Band auch im eigenen Lokal auf. Foto: laif, Paulaner

New York - Mimi Sheraton könnte auch spontan noch einen Tisch in den besten Lokalen von New York bekommen. Doch wenn die jahrzehntelange Restaurantkritikerin der „New York Times“ sich etwas gönnen will, dann fällt ihre Wahl nicht auf die Vier-Sterne-Elite, sondern immer wieder auf Wallse, ein schlichtes österreichisches Lokal in einer schmalen Kopfsteinpflastergasse im westlichen Greenwich Village.

Allein schon beim Rezitieren ihrer Lieblingsgerichte von Wallse-Chefkoch Kurt Gutenbrunner läuft der charmanten älteren Dame das Wasser im Mund zusammen. Wiener Schnitzel, Gulasch, Hirschbraten, Maronensuppe und überhaupt der Palatschinken. Mimi Sheraton kann gar nicht aufhören zu schwärmen und zu schwelgen.

Das Wallse und sein rustikaler Ableger, die Blaue Gans in TriBeCa, sind die Flaggschiffe eines neuen Trends: Deutsch-österreichische Gastlichkeit ist angesagt im Big Apple. Der Betreiber Kurt Gutenbrunner hat auch noch einen deutschen Biergarten im Standard-Hotel aufgemacht – dem Treffpunkt der Kreativen im Meatpacking District. Es gibt einige ambitionierte Konkurrenten und Bierlokale – mittlerweile mehr, als man zählen kann. Sonntags geht man in das Wiener Café Sabarsky an der Fifth Avenue zum Brunch mit großem Braunen und Apfelstrudel.

Tafelspitz im deutschen Viertel Yorkville

Für Mimi Sheraton geht mit diesem Trend ein tief gehegter Wunsch in Erfüllung. Bei Gutenbrunner und Co fühlt sie sich an ihre Kindheit erinnert. Sheraton wuchs in den 30er Jahren in einem bürgerlichen jüdischen Haushalt in Brooklyn auf. Die Haushälterin war eine deutsche Einwanderin, und wenn Mimi und ihre Geschwister sie darum baten, kochte sie ihnen deutsche Hausmannskost. „Das war das Höchste für uns“, erinnert sie sich.

Als sie erwachsen wurde, suchte sich Mimi Sheraton ihren Tafelspitz und ihren Baumkuchen dann außer Haus. Damals war Yorkville, das deutsche Viertel an der Upper East Side, noch in Takt, und für Liebhaber deutscher Küche wie Mimi „war es ein Schlaraffenland. Die Leute sind damals dorthin gepilgert, wie man heute nach Chinatown oder Little Korea geht, um authentische exotische Küche zu finden.“

Bald nach dem Krieg verschwand diese Esskultur. Deutsches war nicht mehr salonfähig und Yorkville löste sich nach und nach auf. Nur das Heidelberg blieb, die Kitschversion eines deutschen Wirtshauses, mit einer schlechten Karikatur deutscher Küche. Da gab es Wurstplatten mit aufgetauten Wienern, Weißwürsten und Leberwürsten durcheinander, und immer gab es Sauerkraut dazu.

Die Rezepte der Haushälterin mussten herhalten

Mimi Sheraton aß nur noch zu Hause deutsch, nach Rezepten ihrer alten Haushälterin und solchen, die sie auf ihren Reisen nach Deutschland in den 50er Jahren gesammelt hatte. Doch seit ein paar Jahren muss sie nicht mehr darben. Erst vor zwei Monaten hat in der Bowery im In-Viertel Lower East Side ein Ableger des Münchner Paulaner Bräus eröffnet. Die Wirtschaft, die ganz nach einem original Münchner Bierlokal ausschauen soll, ist in Wirklichkeit das Konzept einer finanzkräftigen Gruppe von Gastroinvestoren. Man hat erkannt, dass dies der richtige Augenblick ist, auf den Trend aufzuspringen, und sich gezielt im Herzen von Downtown platziert.

Man hat sich richtig Mühe gegeben, der New Yorker ist schließlich anspruchsvoll. Nachdem die erste Inkarnation des Paulaner gefloppt ist, wurde kräftig umdekoriert. „Es sollte gemütlich sein, das ist es, was man von einem deutschen Lokal erwartet“, sagt Geschäftsführer Markus Tchuschnig. Es wurden lange Bänke aufgestellt, und die Backsteinwand rund um die kupferschimmernden Braukessel bloßgelegt. Als Dekoration dienen lange Regale mit Maßkrügen.