Haussanierung in Stuttgart 60 Prozent mehr Miete

Von Hildegund Oßwald 

Der Mieterverein warnt vor einer Vertreibung von Bewohnern durch die Mieterhöhungen und fordert eine sozialverträgliche Regelung.

Haussanierungen in Hallschlag  treiben die Mieten  nach oben Foto: Michael Steinert
Haussanierungen in Hallschlag treiben die Mieten nach obenFoto: Michael Steinert

Stuttgart - Energetische Haussanierungen treiben zunehmend die Mieten nach oben und führen vor allem bei bisher noch besonders preiswerten Wohnungen zu großen Problemen. So wurde Mietern der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) in der Bottroper Straße auf dem Hallschlag mit den anstehenden Sanierungsarbeiten gleich eine Mieterhöhung von mehr als 60 Prozent angekündigt. Für den Mieterverein ist damit ein zumutbares Maß überschritten. „Die Wohnungen werden für die bisherigen Mieter unbezahlbar und diese faktisch hinausmodernisiert“, warnt der Vereinsvorsitzende Rolf Gaßmann. In einem Brandbrief an den Aufsichtsrat der SWSG fordert er eine neue Grundsatzdebatte über Hausmodernisierungen mit dem Ziel, die Mieten nur sozialverträglich steigen zu lassen, um die angestammten Mieter nicht zu vertreiben.

Keinen Grund, sich auf den Frühling zu freuen

Für die 192 Sozialmieter in den heruntergekommenen Gebäuden Bottroper Straße 45 bis 49 und 65 bis 69 gibt es in diesem Jahr keinen Grund, sich auf den Frühling zu freuen. Zum 1. März sind umfangreiche Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen angekündigt. Neue Fenster, eine neue gedämmte Fassade, neue Aufzüge und neue Bäder werden die Monate bis zum Dezember zu einer Baustellenzeit mit größten Behinderungen, Lärm, Dreck und Einschränkungen machen. Das Schlimmste aber kommt für die Mieter zum 1. Dezember: Dann muss der bauliche Fortschritt mit kräftigen Mietsteigerungen bezahlt werden.

Für eine betroffene Familie mit drei Kindern werden dann statt 822,99 Euro Warmmiete plötzlich 1118,30 Euro fällig – macht eine Steigerung der Grundmiete von 61,52 Prozent. Eine Witwe mit einer kleinen Wohnung muss dann statt 461,43 stattliche 756,75 Euro berappen – 64 Prozent zusätzlich, wie der Mieterverein anprangert, an den sich verzweifelte Betroffene gewendet haben. „Von der Modernisierung hätten sie keinerlei Nutzen, nur einen großen Schaden“, sagt die Beraterin Doris Wittmer. Der Mietervereinsvorsitzende stellt klar, dass man nicht gegen eine energetische Sanierung sei und dass auch die Mieterhöhung rechtlich zulässig ist. „Aber es geht um die Frage, ob die Ziele sozialverantwortlich verfolgt werden“, betont Gaßmann.

60 Prozent Steigerung ist „problematisch“

Er hat deshalb an den SWSG-Aufsichtsrat appelliert, die Mieterhöhungen nach Modernisierung nicht wesentlich höher ausfallen zu lassen als die zu erwartenden Einsparungen. „Jede Steigerung der Mietbelastung, welche über zehn Prozent hinaus geht, überfordert die finanzielle Leistungsfähigkeit der Mieter“, schreibt Gaßmann und verweist auf andere städtische Wohnungsgesellschaften wie etwa in Konstanz, „die sich in diesem Sinne beschränken und ihre soziale Verantwortung wahrnehmen“.

Damit aber stößt er bei der SWSG wie auch beim Aufsichtsratsvorsitzenden und Ersten Bürgermeister Michael Föll auf klare Ablehnung. „Dann könnte nichts mehr saniert werden“, wehrt Föll ab. Er wie auch SWSG-Geschäftsführer Wilfried Wendel sieht auch keinen Grund für eine neue Grundsatzdebatte zum Umgang mit Modernisierungen, sondern verweist auf die bisherige Regelung. Demnach werden Modernisierungskosten bei geförderten Wohnungen nur bis zu einer Miete von 90 Prozent des Mietspiegelmittelwertes weitergereicht und für den Fall, dass die Miete dann trotzdem für die Mieter zu teuer werde, eine Ersatzwohnung angeboten. „Die Probleme entstehen dort, wo die Mieten bisher extrem günstig sind“, so Föll. 60 Prozent Steigerung sei „problematisch und im Einzelfall auch nicht zumutbar.“

Hilfen im Einzelfall

Wilfried Wendel hält auch 60 Prozent mehr Miete für zumutbar. „Ich schaue nicht auf Prozente, wir sehen die Kosten und den Mietspiegel“ sagt er. „In der Bottroper Straße haben die Mieter bisher extrem günstig gewohnt und nach der Sanierung werden die Leute dort immer noch für Stuttgarter Verhältnisse günstig wohnen.“ Im übrigen verweist er auf die Hilfen im Einzelfall, was bisher immer funktioniert habe. Die vom Mieterverein beklagten Fälle seien der SWSG bisher nicht bekannt. Unter 30 Mietern, die um Beratung nachsuchten, seien nur zwei Fälle, denen das Sozialamt unter die Arme greifen müsste.

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15 KommentareKommentar schreiben

Unglaublich was da läuft: Dieser Föll ist föllig korrupt!

Ein vielschichtiges Thema, die Mieterei.: Wenn die Stadt die Miete subventionieren kann, sollte sie es tun, sonst sitzen die sozial schwachen auf der Straße. Für private Vermieter sieht die Situation schon anders aus - der Mieter kann heute energetische Sanierungen fordern, die die Miete gar nicht mehr erwirtschaften kann.

Dieses Land krankt an einer gewissen Planlosigkeit...: ...einerseits soll das Volk möglichst nichts selbstständig unternehmen – siehe Steuerrecht – siehe Krankenversicherung für Selbstständige – siehe Zentralisierungsbestrebungen in vielen Bereichen (und wenn die „Beute“ „fett“ genug ist, wird wieder privatisiert!) – siehe Auflagen und Richtlinien für gar bald alles, dann aber, wenn der durchschnittliche, stets brav am „Staatstropf“ gehängte Angestellte, „dank“ mäßigem Einkommen, sich ein anständiges Leben nicht mehr leisten kann, lässt man ihn durchs „Netz“ fallen. Und ist er dann immer tiefer gefallen, soll er aber ja nicht mehr nach den Staat rufen. Jetzt, im Alter, ist dann Eigeninitiative erwünscht ... Vor Jahren half ich einer Familie zu einer sehr sinnvollen Wohnsituation, aber fragen Sie mich nicht nach der Unterstützung der SWSG! Es handelte sich um eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern und um die Großeltern der kleinen Kinder. Beide Parteien konnten dank gegenseitiger Unterstützung im Alltag, allen Anforderungen gerade so gerecht werden. Die Alten halfen bei der Kinderbetreuung, wenn die Eltern ihrer Arbeit nachgingen, und die Jungen halfen den Alten (Großvater nach Schlaganfall eingeschränkt beweglich) bei Einkäufen, Arztbesuchen, im Haushalt etc. ... Voraussetzung waren die kurzen Wege zwischen beiden Wohnungen. Ich verfolgte damals fassungslos die unglaubliche Arroganz, Unbeweglichkeit und Uneinsichtigkeit der SWSG in zwei solcher Fälle. Trotz vorhandener Wohnungen konnte die SWSG erst nach langem Hin und Her und schließlich der Aktivierung eines Großaufgebotes an „Vitamin B“ dazu bewegt werden, sich zu dieser sehr sinnvollen und in jeder Hinsicht kostensparenden Entscheidung durchzuringen. Dass es nun mit unsozialen Methoden weiter geht, wundert mich überhaupt nicht.

Kurz nach gedacht!: Liebe ältere Mitbürger macht es euch doch einfacher!Wenn der Föll euch nicht in billigen Wohnungen möchte!Euren verzicht auf Essen nicht honoriert,geht doch in ein Seniorenheim!Wo ihr Essen und Heizung erhaltet!Dieser Staat hat es doch und bezahlt lieber das Zehnfache dafür als euch in eurer Wohnung leben zulassen!Und von den Taschengeld dort könnt ihr euch die Wünsche erfüllen die ihr euch jetzt nicht leisten könnt!Verdammt ihr habt für dieses Land geschuftet, laßt sie Zahlen sie wollen es nicht anderst!

60% mehr Miete: Ich glaube diese Herren spinnen total. Die Mieter sollen endlich auf die Strasse gehen. Das gipfelt doch alles . Die Geldgier dieser Herrschaften ist noch mehr als maßlos.Die SWSG weiss wohl nicht, das ältere Mieter meistens am essen sparen bevor sie das Sozialamt in anspruch nehmen oder sich sogar in ihrer Hilflosigkeit zum Selbstmord greifen.

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