Heimat Stuttgart: Vaihingen „Vaihingen könnte noch schöner sein“

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Vom Filderdorf zum Hightech-Standort: der Architekt Jürgen Schleicher kennt die Vorzeigeobjekte im Stadtbezirk Vaihingen.

Für den Architekten Jürgen Schleicher ist Vaihingen ein Stadtbezirk der Gegensätze. Foto: Zweygarth 14 Bilder
Für den Architekten Jürgen Schleicher ist Vaihingen ein Stadtbezirk der Gegensätze.Foto: Zweygarth

Stuttgart-Vaihingen - Baukräne, überall Baukräne: beim Step, bei der Schwabengalerie, im Lauchhau, bei der Hochschule der Medien und auf dem Unigelände. Und das geht seit Jahren so. Wo vor zwölf Jahren Streuobstbäume wucherten, steht jetzt die Neubausiedlung Lauchäcker. Wo es 2002 nur den Abenteuerspielplatz In der Lüsse gab, wächst seit Jahren der Stuttgart Engineering Park (Step). Wo bis Ende der 90er-Jahre Bier gebraut und Fruchtsaft hergestellt wurde, dominieren Stahl, Glas und Beton der Schwabengalerie und des Mercedes-Benz-Global-Training-Centers die Vaihinger Ortsmitte.

Jürgen Schleicher ist gut zu Fuß. Der 66-jährige Architekt spaziert forschen Schrittes durch seinen Stadtbezirk. Sein Leben lang ist er Vaihinger. Das ist ihm wichtig – nach wie vor. Schleicher betreibt mit seinem Partner Erich Mezger seit bald 40 Jahren ein Architekturbüro an der Jurastraße. Er hat Vaihingen mit gebaut.

Schleicher steht vor dem umstrittenen Brunnen der Künstlerin Rosalie mitten im Step. Zehn überdimensionale Staubwedel ragen schief in die Höhe. Wasser fließt keines – seit Jahren nicht. Der Brunnen ist kaputt. Der Bürohauskomplex wächst immer noch. Mittlerweile sind die Planer bei Step 10 angekommen. 3000 Arbeitsplätze, rund 1000 Parkplätze, die S-Bahn-Haltestelle Österfeld ganz in Nähe. Schleicher findet das Step nicht schlecht. „Das sind keine Klötze. Das hat klare Linien. Und es entwickelt sich immer weiter. So etwas mag ich.“

Erbaut hat die neue Mitte der Unternehmer Häussler

Die Sonne strahlt vom Himmel, und der Blick fällt im Vorbeigehen auf den Alten Friedhof. Keine 500 Meter vom Step entfernt sind die Grabstätten der Brauerei-Dynastien Leicht und Widmaier. Die nach Robert Leicht benannte Straße führt ins Zentrum des Stadtbezirks. Links das alte Vaihingen mit dem Bezirksrathaus, der Stadtkirche, der Österfeldschule und dem ältesten Haus von 1530. Rechts die 2004 eröffnete Schwabengalerie, ein modernes Einkaufszentrum, und das Mercedes-Benz Global Training Center, dahinter die Wohnanlage Rosenpark.

Erbaut hat diese komplett neue Mitte der Vaihinger Immobilien-Unternehmer Rudi Häussler, der kürzlich mit seinem Seepark in Möhringen grandios gescheitert ist. „Niemand außer Häussler hätte diese Projekte in Stuttgart durchbekommen. Der hatte immer Beziehungen“, sagt Jürgen Schleicher. Er spricht von der „Häussler-Connection“. Aber das Ergebnis kann sich seiner Meinung nach insgesamt sehen lassen, auch wenn ihm alles eine Spur zu wuchtig ist.

Rund um den Marktplatz sind die Folgen der Schwabengalerie erkennbar. Etliche Einzelhändler haben aufgegeben. „Es dominieren die Kneipen und Dönerläden“, sagt Schleicher. „Hier ist nicht mehr viel los.“ Vorn an der Hauptstraße fallen die Blicke auf Wettbüros, Ein-Euro-Läden und Handy-Shops. Schleicher hat große Hochachtung vor den Mitgliedern des Verbundes Vaihinger Fachgeschäfte. „Die versuchen mit allen Mitteln, den alten Teil am Leben zu halten.“

Jürgen Schleicher ist leidenschaftlicher Hobbykoch. Am liebsten mag er Ochsenbrust mit Bratkartoffeln. Und weil er gern kocht, geht er mit seiner Frau in Vaihingen auch nicht so oft essen. Allerdings ist das Angebot an Restaurants im Stadtbezirk für ihn nicht wirklich verlockend. „Ein gemütliches Gartenlokal fehlt.“

Trotz der rund 15 000 Studenten auf dem Vaihinger Campus gibt es im Stadtbezirk auch kein richtiges Studentenleben, meint Schleicher. „Da ist nichts Gewachsenes.“ Die Uni wurde in den 70-er-Jahren auf die grüne Wiese gesetzt. Mittlerweile ist sie eine kleine Stadt im Stadtbezirk.

Jürgen Schleicher ist mit Leib und Seele Architekt. „So einen Job legt man nicht ab wie einen alten Anzug.“ Er ist gern mit dem Fahrrad unterwegs. Seine Kamera ist immer dabei. „Wenn ich unterwegs eine pfiffige architektonische Lösung sehe, drücke ich auf den Auslöser. Vielleicht lässt sich die Idee verwenden.“

„Ich bin von ganzem Herzen Vaihinger“

30 Minuten und zweieinhalb Kilometer später beginnt die neue Welt. Sie heißt Lauchäcker. Vor zehn Jahren waren auf dem Gelände noch Streuobstwiesen und Schrebergärten. Heute leben hier rund 700 meist junge Familien in geförderten Eigentumswohnungen und Reihenhäusern. Für Jürgen Schleicher sind die Lauchäcker ein gelungener Kompromiss: „Einerseits wurde hier auf engem Raum Platz für viele Menschen geschaffen. Andererseits ist die Qualität hoch.“ Fortschritte macht auch das Zusammenwachsen des 1968 und 1969 entstandenen Wohngebietes Lauchhau mit den neuen Lauchäckern.

Im Lauchhau ist die Einwohnerstruktur anders: ein höherer Ausländeranteil, ein geringerer Wohlstand, weniger Wohnqualität. Aber durch eine umtriebige Bürgerinitiative wachsen die Nachbarn mehr und mehr zusammen. Es gibt eine gemeinsame Sportanlage, einen Fußballverein; die Kinder gehen zusammen in die neuen Kindergärten, und im Bürgerhaus an der Meluner Straße treffen sich die Bewohner beider Wohnbereiche. „Das ist ein gutes Beispiel für gelungene Integration“, sagt Jürgen Schleicher.

Vorbei geht es über die Nobelstraße zum Unigelände. Jürgen Schleicher schimpft über die beiden quaderförmigen Klötze, mit denen es vor mehr als 40 Jahren auf dem Gelände losging. „So etwas würde heute nicht mehr gebaut.“ Dafür gefällt Schleicher der gelungene Bau der Hochschule der Medien, und auch der derzeit entstehende Erweiterungsbau erfreut sein Architektenherz. „Ich bin von ganzem Herzen Vaihinger“, sagt er. „Aber Vaihingen könnte noch viel schöner sein.“

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