Henry James: In Venedig Sehnsucht nach einer Zauberstadt

Von Henning Klüver 

Wellen, Glanz und verstopfte Gassen: Der Stuttgarter Autor Hanns-Josef Ortheil begleitet Henry James nach Venedig.

Ja, die Touristen – aber schön ist Venedig eben immer noch. Foto: dpa
Ja, die Touristen – aber schön ist Venedig eben immer noch.Foto: dpa

Stuttgart - Henry James, geboren in New York 1843, schrieb bis zu seinem Tod 1916 in London fast zwei Dutzend Romane, über einhundert Novellen, dazu Dramen, Reisebücher und Kritiken. Mehrere seiner belletristischen Arbeiten hat er in Italien und in Venedig angesiedelt. Darunter die Erzählung „Die Aspern-Schriften“, das vielleicht bekannteste Buch von James in einer deutschen Übersetzung. Der Stuttgarter Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist ein begeisterter Leser von Henry James und ebenso ein Kenner Venedigs. Der 65-jährige Autor und Literaturwissenschaftler fragte sich, ob es nicht Spuren Venedigs auch im essayistischen Werk von James geben würden. Und er fand mehrere Beiträge in einer Textsammlung mit dem Titel „Italian Hours“.

Zur jetzt erschienenen deutschen Übersetzung dieser Abschnitte aus den „Italian Hours“ hat Hanns-Josef Ortheil den mehrteiligen Essay „Henry James in Venedig“ geschrieben. Darin stützt er sich auch auf die umfangreiche Korrespondenz des Amerikaners und geht vielen Spuren in seinem literarischen Werk nach. So ist ein liebevoll mit alten Zeichnungen und historischen Fotografien aufgemachtes Buch entstanden. Es lebt davon, dass die Texte von James und Ortheil sich abwechseln, gleichsam Hand in Hand gehen. Und der Leser schrittweise miterleben kann, wie Henry James sich den Ort, den er über Jahrzehnte hinweg immer wieder besucht, schreibend erarbeitet.

Einbruch der Moderne

Bei seinen Besuchen nimmt er die Stadt wie eine Person wahr. Venedig erscheint ihm „gleich einem Organismus, der er sich nähert und um deren Liebe er wirklich wirbt und kämpft“, so Ortheil im Gespräch am Rande einer Lesung im deutschen Studienzentrum Venedig. James lässt sich auch vom aufkommenden Massentourismus nicht verschrecken, der Venedig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits zu einem Ort macht, fast so wie wir ihn heute kennen: von Besuchern verstopfte Gassen, Reisegruppen aus aller Welt, die San Marco und die Museen belagern, und ein Wellen schlagender Bootsverkehr durch die „Vaporetti“, die damals neuen Dampfboote auf dem Canal Grande. Doch werden Klagen über den Einbruch der Moderne immer wieder von einem „Aber“ oder „Dennoch“ überstimmt. „Erst wenn du Tag für Tag dort lebst, dich ganz von den Köstlichkeiten dieser Stadt durchdringen lässt, spürst du all ihren Zauber“, schreibt James. Es ist, so kommentiert auch Ortheil, als könne und dürfe man Venedig in keiner Weise gram sein.

Fast ein Dutzend Mal reist Henry James an die Lagune. Zeitweilig denkt er sogar daran, sich ganz hier niederzulassen. Als aber eine gute Freundin, die amerikanische Dichterin Constance Fenimore Woolson, dort 1893 mit dem Sprung aus dem obersten Fenster ihres Hauses den Freitod sucht, zerbricht etwas in der Beziehung zu Venedig. Was bleibt, ist eine tiefe Sehnsucht nach einer „alten Zauberstadt“, wie Hanns-Josef Ortheil sie nennt, der in diesem Buch die Liebe von Henry James für Venedig nachfühlend lebendig werden lässt. Es enthält außerdem Karten, dass man wie mit einem Reiseführer in eine andere Epoche die in den Texten erwähnten Objekte und Orte Venedigs auch im Heute wiederfinden kann.

Henry James: In Venedig. Aus den „Italian Hours“ übersetzt von Helmut Moysich. Mit dem begleitenden Essay „Henry James in Venedig“ von Hanns-Josef Ortheil. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. 288 Seiten, 24 Euro