Heuneburg im Kreis Sigmaringen Grab des "schwäbischen Troja" geborgen
Michael Petersen, 28.12.2010 17:39 Uhr
 Foto: dpa
Foto: dpa
Heuneburg - Diese Schatzkiste hat mit 7,5 mal 6 Metern fast die Grundfläche einer Doppelgarage, misst in der Höhe einen halben Meter und wiegt nahezu 80 Tonnen. Es handelt sich um ein keltisches Fürstengrab aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, das in einem Maisfeld in Sichtweite der keltischen Heuneburg im Kreis Sigmaringen von Archäologen entdeckt wurde. Schwerlastkräne haben das Prunkgrab am Dienstag auf einen Tieflader für den Transport nach Ludwigsburg gehoben. Dort wird der gesamte Block von Spezialisten des Landesamtes für Denkmalpflege untersucht. Claus Wolf, der Leiter des Landesamtes, rechnet mit weiteren wertvollen Funden. Aber nicht nur das, Grundwasser und Staunässe haben die mächtigen Eichenhölzer des Kammerbodens sowie Beigaben aus organischen Materialien wie Stoffe in ganz außergewöhnlicher Weise konserviert.

Rund 2550 Jahre alte Grabbeigaben aus Gold und Bernstein wurden bereits an der Oberfläche des Grabes entdeckt, darunter filigran gefertigter Schmuck. "Der gehört zum Besten, was keltische Schmiedekunst hervorgebracht hat", erklärt der Grabungsleiter und Landesarchäologe Dirk Krauße. Bernsteinperlen in konischer Form gehören dazu, Goldperlen und auch eine 2,5 Zentimeter große Goldschmuckarbeit, die die Wissenschaftler Christbaumkugel getauft haben. Aufgrund der Schmuckbeigaben gehen die Archäologen davon aus, dass es sich um das Grab einer Frau aus dem Adel handelt.

Moderne Methoden werden es möglich machen, aufs Jahr genau das Fälldatum der Eichenstämme zu bestimmen. Hochauflösende computertomografische Untersuchungen mit 3-D-Laserscannern kommen dabei zum Einsatz. Anhand von 3-D-Bildern sollen die Beigaben gezielt restauriert und konserviert werden. Die Restaurierung und wissenschaftliche Auswertung des frühkeltischen Fürstensitzes soll während der nächsten zwölf Monate geschehen. Konkrete und virtuell nachgestellte Ergebnisse werden in die große Keltenausstellung 2012 in Stuttgart einfließen. Krauße spricht davon, dass "dieses Grab ein Meilenstein für die Rekonstruktion der Sozialgeschichte der Kelten ist". Es sei der wichtigste Fund aus der Zeit der Kelten seit 32 Jahren, sagte der Experte, der über das keltische Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf promoviert hat. Der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl betont die herausragende landesgeschichtliche Bedeutung des Fundes weit über Baden-Württemberg hinaus.

Wenn Schmalzls Tübinger Kollege Hermann Strampfer bei der Heuneburg vom "schwäbischen Troja" spricht, widersprechen ihm die Wissenschaftler nicht. Wie bei dem legendären Ort an der türkischen Mittelmeerküste handelt es sich bei der Heuneburg um eine auf einem Hügel gelegene Stadt, die von vielen Tausend Menschen bewohnt wurde.

Älteste frühstädtische Siedlung im nördlichen Alpenraum


Hier wie da beschäftigten sich Archäologen jahrzehntelang mit den jeweils mehr als 20 Schichten, die das damalige Leben dokumentieren. Die Heuneburg gilt als älteste frühstädtische Siedlung im nördlichen Alpenraum. Die Ausgrabungsfunde von 1950 bis 1976 und nach 2004 lassen keinen Zweifel daran, dass sich hier in den 150 Jahren zwischen 620 und 470 v. Chr. eines der bedeutendsten Siedlungs-, Wirtschafts- und Machtzentren der älteren Eisenzeit befand. Um 470 v. Chr. wurde die Stadt durch einen Brand zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Rund um die Heuneburg sind um die 50 Grabhügel zu finden. Für angesehene Persönlichkeiten wurden sie eingerichtet wie ein Wohnzimmer. Es gab zu essen und zu trinken, nicht nur Schmuck, selbst Teller, Füllhorn oder sogar Angelhaken wurden dazugelegt, gerade so, als würden die Menschen nach ihrer Bestattung weiterleben. Der Inhalt der Grabkammern fiel größtenteils schon in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens den Räubern zum Opfer. "Sie wurden zeitgenössisch ausgeraubt", erklärt Dirk Krauße. Auch Feinde könnten zu Dieben geworden sein, als sie die Gräber vor den Augen der belagerten Burgherren schändeten. Die Gräber sind seit 1876 erforscht worden, der Hügel 1 befindet sich wie die Burg oben auf der Anhöhe. Der 13,5 Meter hohe Grabhügel Hohmichele fasziniert ganze Generationen von Jugendlichen aus der Gegend um Herbertingen, Hundersingen oder Binzwangen.

Das im Sommer entdeckte und nun geborgene Grab ist so einzigartig, weil es nicht ausgeraubt worden ist. Vielleicht, weil es recht früh einstürzte. So konnten Diebe kein Loch in die Kammer schlagen, um hineinzugelangen. "Da wäre schon eine Ausgrabung notwendig gewesen", mutmaßt Krauße. Später wurde der Hügel eingeebnet und immer wieder umgepflügt. Zuletzt verfehlte der Pflug das Grab nur noch um Zentimeter. In Gräberfeld Bettelbühl östlich der Heuneburg in der Donauebene ist nur noch einer von sieben Grabhügeln deutlich zu erkennen. 2005 hatten Archäologen im Bettelbühl ein Kindergrab entdeckt. Diesen Sommer wurde unter großer Geheimhaltung weitergeforscht. Es zeichnet sich ab, dass die Gebeine der Mutter in der Hauptkammer liegen. "Vor 30 Jahren hätte man das Grab mit der Kelle Schicht für Schicht abgetragen", sagt Denkmalpfleger Wolf, "und dabei wäre vieles nicht erkannt worden."
Kommentare (3)
Anzeigen
FEB
03
Sarah V., 00:10 Uhr

Die Wissenschaft hat festgestellt...

Ich komme aus einem Nachbarort in der Nähe der Heuneburg, und ich finde es jammerschade, dass sich alle Forscher zwar auf die Gräber stürzen, sich aber niemand findet, der sich um die Erhaltung der Heuneburg kümmern würde! Außerdem bin ich gespannt, ob das Heuneburgmuseum je einmal wieder etwas von diesen Schätzen zu Gesicht bekommt, oder ob das alles in der Landeshauptstadt sein Dasein fristen wird... Es ist wirklich eine Schande. Jetzt wird doch in dem Artikel deutlich erwähnt, dass sich Generationen von Jugendlichen aus der Gegend sich für dieses Thema und das "schwäbische Troja" interessieren. Wieso wird der irrige Mythos um Troja immer noch fortgeführt, wenn der Fund der Siedlung Ilium schon längst widerlegt wurde? Der legendäre Ort an der türkischen Mittelmeerküste war ganz sicher nicht von mehreren tausend Menschen bewohnt, genausowenig wie dort in Hisarlik das Troja des homerischen Epos' existierte. Doch das ist ein zu weites Feld.

DEZ
28
Ilana, 21:16 Uhr

@Prokrustes

Dann rechne doch mal zu der Dichte von Granit (2,8, nicht 2,6) auch noch ein entsprechendes Stahlblech bzw Stahlträger, die die "Schatzkiste" Stützen müßen ;-) und schon kommst du den 80 t näher. Wir haben für eine wesentlich kleinere Blockbergung von 80x50cm schon ein halbes Türblatt gebraucht, damit der Block ausreichend gesichert war, da mag ich mir kaum vorstellen mit welchem technischen Aufwand das Grab gesichert wurde. Respekt vor den Grabungstechnikern!

DEZ
28
Prokrustes, 18:38 Uhr

Rechnen

Wenn die "Schatzkiste" 6 x 7,5 x 0,5 m misst, dann hat sie ein Volumen von 22,5 Kubikmeter. Stimmen die 80 t, so ergibt das eine spezifische Dichte von etwa 3,6 was wirklich erstaunlich viel ist, für etwas das im Wesentlichen aus Erdaushub bestehen dürfte. Zum Vergleich: Massiver Granit hat etwa eine Dichte von 2,6...