Hoch- und Tiefpunkte einer Karriere Mit Herrn Buschbaum auf Berg-und-Tal-Fahrt

Peter Stolterfoht, 25.12.2012 11:20 Uhr

Stuttgart - Der Beweis, dass sich die Natur auch ganz gewaltig irren kann, steht mitten auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden und sagt: „Hallo, ich bin Balian Buschbaum.“ Dieser Mann mit Dreitagebart und festem Händedruck sah mal anders aus. Balian Buschbaum wurde mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Unter seinem von ihm immer gehassten Mädchennamen Yvonne gehörte Buschbaum einst zur deutschen Stabhochsprungelite. Nach geschlechtsanpassenden Operationen und Testosteronbehandlungen stehen seit 2007 Seele und Hülle im Einklang miteinander. Das ist Balian Buschbaums Geschichte, die von einem Menschen handelt, der in den falschen Körper hineingeboren wird, aber irgendwann die Kraft aufbringt, sich nicht dem vermeintlichen Schicksal zu fügen.

Jetzt aber rein in die Zahnradbahn, rein ins Gespräch, das ganz schnell Fahrt aufnimmt. „Wer mich kennenlernen will, muss mit mir in die Tiefe gehen“, sagt Balian Buschbaum. Zunächst geht es allerdings in die Höhe – Richtung Degerloch. Schließlich sieht es der Fahrplan des Zahnradbahngesprächs vor, dass die Prominenten aus dem Sport auf dem Weg nach oben über das Auf in ihrer Karriere sprechen und zurück in Richtung Marienplatz über das Ab.

Der gebürtige Ulmer Balian Buschbaum kennt die Zahnradbahn aus seinem früheren Sportlerleben, in dem er zweimal EM-Bronze gewann. Sechs Jahre lang wohnte Buschbaum in Feuerbach und ging für den VfB Stuttgart unter dem Trainer Ivan Macura-Böhm an den Start. „Die Fahrt nach oben ist viel zu kurz, um über alle Höhepunkte in meinem Leben zu reden und die Fahrt nach unten zu lang für die Tiefpunkte“, sagt er und schlägt vor: „Die letzten Meter bergab reichen locker für das Negative.“ Und selbst auf diesen wird sich Balian Buschbaum später schwertun, in seinem Leben etwas Negatives zu finden.

Buschbaum machte 2007 seine Transsexualität öffentlich

Buschbaum, der sich den Namen Balian nach einer Figur aus dem Historienfilm „Königreich der Himmel“ gegeben hat, ist ein durch und durch positiver Mensch: entspannt, mit sich und seinem Leben zufrieden. „Ich bin ein Glückspilz“, sagt er und fängt an, über die vielen positiven Erfahrungen zu sprechen, die er gesammelt hat, nachdem er 2007 den Entschluss gefasst hatte, seine Transsexualität öffentlich zu machen und den Weg zu einem männlichen Äußeren konsequent zu gehen. „Obwohl wir gerade mitten in den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele waren, bestärkte mich mein damaliger Trainer Herbert Czingon und sagte, es sei die logische Konsequenz meines Seins und die richtige Entscheidung.“ Peking 2008 war für Buschbaum gelaufen. „Das habe ich zu keiner Sekunde bereut, ich habe ja seitdem jeden Tag Olympia“, sagt er und dass er nur positive Resonanz auf seine Entscheidung bekommen hat: von seinen Eltern, Freunden, aber auch von Fremden, die von ihm und seiner Geschichte gehört haben. Ganz besonders in Erinnerung ist Balian Buschbaum aber die Reaktion seiner Großmutter geblieben. Als sie den Enkel zum ersten Mal nach Operation und Testosteronbehandlung sah, streichelte sie ihm die Bartstoppeln und sagte mit einem Lächeln: „Wo warst du denn nur so lange, du Lump.“

Und dann spricht Balian Buschbaum über die großen und kleinen Freuden zu Beginn seines neuen Lebens, in dem er sich nun nicht mehr nur als Mann fühlt, sondern es auch in letzter Konsequenz ist: zum ersten Mal in der Sauna, der Sex mit einer Frau, im Stehen pinkeln – Buschbaum bezeichnet sich selbst übrigens als peniblen Meister in dieser schwierigen wie umstrittenen Disziplin. Seine tiefe Zufriedenheit führt Balian Buschbaum auch darauf zurück, dass er sich nie versteckt hat und immer offen mit seiner Situation umgegangen ist: „Ich habe keine Geheimnisse, nur so ist man auch authentisch.“

Leistungssport als Betäubungsmittel

Die Zahnradbahn ist schon lange am Wendepunkt in Degerloch gewesen und nun schon fast wieder zurück an der Talstation Marienplatz. Höchste Zeit also für die Tiefpunkte. „Wer einen so radikalen Weg zu sich selbst geht, der braucht natürlich auch einen entsprechend hohen Leidensdruck“, sagt Balian Buschbaum. „In mir war etwas Dunkles.“ Nachdem ihn die Mutter seiner damaligen Freundin auf das Thema Transsexualität angesprochen hatte, kannte er endlich auch das Warum. Es war wie die Erleuchtung für Balian Buschbaum.

Zuvor diente ihm der Leistungssport als Betäubungsmittel.„Ich habe so viel trainiert, dass ich gar nicht dazu gekommen bin, mir meiner Situation richtig bewusst zu werden“, sagt Balian Buschbaum: „Ich habe später auch festgestellt, dass viele Menschen den Leistungssport dazu nutzen, um ihren Problemen im wahrsten Sinne des Wortes davonzulaufen.“

Endstation, aussteigen und rein ins Café Kaiserbau, wo die Gesprächsreise fortgesetzt wird. Wo waren wir stehen geblieben? „Ich bin ein Beispiel dafür, dass sich ein Mensch verändern kann, manchmal sogar verändern muss“, sagt Balian Buschbaum. Yvonne Buschbaum war in sich gekehrt, scheu, wortkarg. Balian Buschbaum ist offen, sympathisch, eloquent. Er sagt Sätze wie: „Die wichtigste Frage ist: Wer bin ich? Der Kern ist oft verschüttet. Es ist aber die Mühe wert, das wahre Ich rauszuschaufeln.“ Alles schon einmal gehört, doch bei Balian Buschbaum klingt das irgendwie ganz neu: nicht pathetisch, nicht schlaumeiermäßig, nicht peinlich berührend esoterisch. So unprätentiös, wie er die Dinge benennt, bekommen sie vielmehr eine ganz besondere Bedeutung, fast schon eine Wahrhaftigkeit.

Buschbaum ist als Ratgeber gefragt

Dieser Wirkung ist sich Balian Buschbaum durchaus bewusst. Und so wundert es auch nicht, dass er in Mainz nicht nur als Stabhochsprungtrainer arbeitet, sondern auch als Mentalcoach. In dieser Funktion organisiert er auch Reisen in die Sahara. „Weil man in der Wüste nichts findet, kann man dort alles finden – sich selbst“, sagt Balian Buschbaum. Wieder so ein Satz, der ­gefühlsduselig daherkommen kann, sich aber wieder ganz natürlich und logisch anhört.

Balian Buschbaum ist als Ratgeber gefragt, speziell auch bei Beziehungsproblemen, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie Frauen und wie Männer ticken. „Frauen denken tendenziell viel komplizierter, ständig um die Ecke und hinterfragen sich mehr. Die meisten Männer machen sich nicht ansatzweise so viele Gedanken“, sagt Balian Buschbaum, der am eigenen Leib erfahren hat, wie stark ein Mensch von seinen Hormonen gesteuert wird. Testosteron ist ein Ver­einfacher, Östrogen ein Komp­lizierer, so lautet die Buschbaum’sche Hormonformel. Und weil Balian Buschbaum auch noch gerne schreibt, ist aus dieser Erkenntnis heraus sein zweites Buch entstanden, das im März unter dem Titel „Frauen wollen reden, Männer Sex“ erscheint. Was sich verdächtig nach Klischeehumor im Mario-Barth-Holzhammerstil anhört, soll das genaue Gegenteil sein. „Ich beantworte die Geschlechterfrage völlig anders“, sagt Balian Buschbaum, dessen erstes, 2010 erschienenes Buch „Blaue Augen bleiben blau“ eine Autobiografie ist. Seine Aufklärungsarbeit führt ihn aber auch in Schulen, wo er unter anderem im Biologieunterricht seine spannende Geschichte erzählt.

Zweieinhalb Stunden dauert dieses Gespräch nun schon, doch von Ermüdungserscheinungen noch keine Spur. Balian Buschbaum schiebt seine mittlerweile leere Kürbiscremesuppe („sehr gut“) beiseite und sagt: „Ich habe es nicht eilig, wir können uns gerne noch ein bisschen weiter unterhalten.“ Und es folgt ein typischer Balian-Buschbaum-Satz, der bei ihm so gar nichts von einer Floskel hat: „Das Wichtigste, was man einem Mensch schenken kann, ist Zeit.“

Wie wär’s jetzt noch mit einer kleinen Eigendiagnose, Herr Buschbaum, spüren Sie mehr den Macho oder eher den Frauenversteher in sich? „Ich würde mich als Allrounder bezeichnen, der sich einfach für das Glück der Menschen interessiert“, sagt Balian Buschbaum.