Indien Auf den Spuren der Mogul-Kaiser

Von Thomas Näher aus Delhi 

Das CMT-Partnerland Indien ist viel mehr als der weltberühmte Tadsch Mahal: Historische Stätten und Paläste faszinieren, gleich daneben prägt bittere Armut das Straßenbild. Eine Annäherung an ein Land der Kontraste.

Täuschend echt: Humayuns Grab in Delhi gilt als architektonisches Vorbild für den weltberühmten Tadsch Mahal in Agra. Foto: Näher
Täuschend echt: Humayuns Grab in Delhi gilt als architektonisches Vorbild für den weltberühmten Tadsch Mahal in Agra.Foto: Näher

Die Malerei und die Literatur interessierten ihn. Die Architektur und die Jagd waren seine Leidenschaft. Er tat sich als Religionsstifter hervor und war ein Schöngeist, der am Teich seines Palastes Musik erklingen ließ, mittels Tüchern und Fackeln magische Lichtspiele inszenierte und Feste zu feiern wusste. Und dann gab es noch die dunkle Seite im Leben des Mogul-Kaisers Akbar (1542-1605). Als oberster Richter ließ er eigens dafür abgerichtete Elefanten den Kopf eines zum Tode Verurteilten zerquetschen. Wenn er sich selbst mit einem Urteilsspruch schwertat, befragte er kurzerhand seinen Lieblingselefanten Hiran. Schönes, grausames Indien.

Fatehpur Sikri, die "Verlassene Stadt"

„Morgen zeige ich euch den schönsten Ort hier“, eröffnete Mukeesh der Reisegruppe. Schöner als der Tadsch Mahal, dem die Touristen gerade den Rücken gekehrt hatten? „Schöner“, versprach der ortskundige Begleiter und führte tags darauf nach Fatehpur Sikri („Stadt des Sieges“), wo einst 200 000 Menschen wohnten. Eben jener Akbar, der verzweifelt auf die Geburt eines Thronerben wartete, hatte in seiner Not Rat beim gelehrten Mystiker Sheikh Salim Chisti gesucht. Der weissagte ihm die Geburt von drei Söhnen, und so kam es. Aus Dankbarkeit begann Akbar 1571, an Ort und Stelle und nur eine knappe Autostunde von Agra entfernt, eine neue Hauptstadt zu bauen: Fatehpur Sikri, die heute „die Verlassene Stadt“ heißt, weil sie nur 16 Jahre lang bewohnt war. Angeblich hatte akuter Wassermangel im benachbarten künstlichen See die Einwohner zur Umsiedelung genötigt, glaubwürdiger ist aber die Variante, wonach Akbar gegen ein Afghanenheer in den Krieg zog und an Fatehpur Sikri kein Interesse mehr zeigte. Zurück blieb eine faszinierende, inzwischen restaurierte Anlage.

Auf vier Ebenen verbinden Terrassen, Höfe, Treppen und Gärten die einst 500 Gebäude aus Audienzhallen, Palästen und eleganten Pavillons. Weil sie nur zu Regierungs-, Verwaltungs- und privaten Zwecken genutzt wurden, gibt es keine Straßen. Die dekorative Hindu-Architektur und der geometrische Baustil des Islam vermischen sich zu einem harmonischen Gesamtbild, der rote Sandstein ist durchsetzt mit weißem Marmor und blauen Fliesen, das überaus reichliche Dekor zeugt bis heute von der Pracht am Hofe Akbars. Im Gegensatz zum Tadsch Mahal, dem in seiner erhabenen Schönheit einzigartigen Touristenmagneten, liegt Fatehpur Sikri etwas abseits - und damit auch das Haus der Lüfte (Hawa Mahal), ein fünfstöckiger Palast ohne Wände. 176 Säulen tragen das Gebäude, in dem Akbar die Mußestunden mit seiner jeweiligen Herzensdame verbrachte und das als Vorbild für den berühmten Palast der Winde in Jaipur gilt. Die 1799 dort errichtete Hausfassade hatte allein den Zweck, den Haremsdamen des Maharadscha Pratad Singh II. durch 953 Nischen unbeobachtet einen Blick auf die vorbeiziehenden Festzüge zu ermöglichen.

Indien hat alles

Vielen Indien-Einsteigern dient das Goldene Dreieck aus Delhi, Agra und Jaipur als erste Orientierung in einem Land, das fast zehnmal größer als Deutschland ist und dem Besucher mannigfaltige Herausforderungen abtrotzt. Menschenmassen, Verkehrschaos, Umweltprobleme und das Dauerhupen der Autos, Rikschas und Motorräder sorgen für eine permanente Reizüberflutung. Mitunter unerträgliche Hitze, Lawinen an Schmutz und Dreck sowie bittere Armut sorgen im Kontrast zum Prunk der Paläste für einen Kulturschock, dem die Besucher nur zögernd begegnen. 7,5 Millionen ausländische Touristen reisten 2014 nach Indien, gut sieben Prozent mehr als im Vorjahr - von einem Boom ist der Subkontinent dennoch entfernt. Singapur, das kaum ein Drittel so groß ist wie Delhi, zählte zuletzt allein schon 15,1 Millionen Gäste. „Indien hat alles“, sagt Suman Billa, der Sekretär im Ministerium für Tourismus in Delhi, „Tradition, Geschichte, Technologie, Landschaft, Architektur und Hotels für jeden Geldbeutel.“ Aber bietet es den Besuchern, vor allem den weiblichen, auch Sicherheit? Zuletzt waren fünf Prozent weniger Besucher aus Deutschland im Land. „Ich weiß, worauf Sie anspielen“, sagt Billa. „Die Fälle von Vergewaltigungen haben in Deutschland nach dem Prinzip des Schneeballsystems ungeheuer hohe Wellen verursacht, aber das waren Einzelfälle.“ Die Statistik besagt anderes, doch Billa beteuert: „In Indien ist individuelles Reisen für Frauen nicht gefährlich.“

Ziele gibt es jedenfalls in Hülle und Fülle. Nicht nur gängige wie den Tadsch Mahal in Agra oder den Palast der Winde und das Amber Fort in Jaipur, sondern auch weniger bekannte wie die älteste Moschee Indiens. Sie steht in Delhi und beherbergt das Qutub Minar, den mit 72,5 Metern höchsten Steinturm Indiens (um 1200). Nebenan steht, in strahlender Schönheit, Humayuns Grab. Akbars Vater Humayun (1508-1556), sein Vorgänger als Mogul-Kaiser, hatte ein tragisches Ende gefunden, als er im Opiumrausch auf der Treppe seiner Bibliothek zu Tode gestürzt war. Sein Grabmal in Delhi gilt dank seiner Architektur mit der imposanten Kuppel und der weitläufigen Gartenanlage als Vorbild für den Tadsch Mahal - mit wenigen Unterschieden: Das eine (Tadsch Mahal) ist aus weißem Marmor gebaut und achteckig, Humayuns Grab ist viereckig und aus rot-weißem Sandstein. Den Tadsch Mahal ließ ein Mann (Mogul-Kaiser Shah Jahan, 1592-1666) als Denkmal für die Liebe zu seiner Frau Mumtaz Mahal errichten, Humayuns Grab hingegen ist der Liebesbeweis seiner Frau Haji Begum. Und: Der Tadsch Mahal gehört, anders als Humayuns Grab, nicht zum Weltkulturerbe der Unesco.

Alltag in Indien

„Aber wo ist jetzt das richtige Leben?“, fragt Werner. Eine wilde Fahrt mit der Fahrrad-Rikscha durch enge, belebte Gassen, vorbei an Frauen in bunten Saris, bettelnden Kindern und lethargischen Alten, führt in den Alltag. Vijay tritt kräftig in die Pedale, dabei schimpft und flucht er, um sich den Weg zu bahnen - das ist der Überlebenskampf des 1,2-Milliarden-Volkes im Kleinformat. Farbenfroh setzen Gewürz- und Blumenstände Akzente im ärmlichen Straßenbild, aus Garküchen dampft und riecht es verführerisch. Argwöhnisch geht der Blick nach oben, wo Stränge aus Stromkabeln in gefährlicher Kopfnähe zwischen den Häusern baumeln. Und wenn die Fahrt im stoßdämpferfreien Bus weiter nach Agra und Jaipur geht, lässt ein Meer an Schlaglöchern die Bandscheiben des komfort-verwöhnten Gastes erzittern. Zum Glück geht es mit dem Flieger weiter nach Mumbai - hinein in die Film-City von Bollywood, das mit einem Jahresumsatz von 3,3 Milliarden Euro Hollywood den Rang abgelaufen hat. Schon für 18 Rupien (rund 25 Cent) sind die rund 2000 pro Jahr produzierten Filme in den Kinos Indiens zu sehen, bevorzugt mit Shah Rukh Khan, dem rund 550 Millionen Euro schweren Superstar unter den Bollywood-Schauspielern.

In Halle 15, in der auch „Kaun Banega Crorepati“, die indische Version von „Wer wird Millionär?“, aufgezeichnet wird, dreht ein Filmteam gerade einen Werbespot. Inhalt: Vater und Mutter kommen nach Hause, der Vater nimmt das Baby auf den Arm, das jedoch ins Gesicht der Mutter greift, welche die beworbene Hautcreme aufgetragen hat. Draußen auf dem Gelände kommt plötzlich Bewegung in die Filmcrew. „Shyam Benegal“, sagt einer kurzatmig und deutet auf den älteren Herrn mit Tropenhut, der ans Set kommt. Benegal (80) ist Regisseur, eine Legende. „Woher kommt ihr?“, fragt er, „Deutschland? Ich habe mal in Berlin gedreht - ,My Forgotten Hero‘.“ Und, Mister Benegal, wie entsteht ein Blockbuster? Benegal lächelt: „Indem man eine Kamera nimmt und dreht.“ Ah, danke. Und weg ist er. Geheimnisvolles Indien. Über das Gate of India senkt sich die Abendsonne. Wer es dreimal umkreist, kehrt laut Legende eines Tages zurück. Gerne!

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