Interview mit DFL-Geschäftsführer „Die Bundesliga ist weit davon entfernt, langweilig zu sein“

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Exklusiv Mit dem Spiel Bayern München gegen den VfL Wolfsburg beginnt am Freitag die 52. Saison der Fußball-Bundesliga. Ein Gespräch mit Andreas Rettig, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga.

Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga in ihre 53. Saison. Foto: Bongarts
Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga in ihre 53. Saison.Foto: Bongarts
Frankfurt - Mit einer Stadionauslastung von 90 Prozent boomt die Bundesliga, die durch den WM-Titel der Nationelelf einen weiteren Schub erwartet. „Wir lassen uns jetzt aber nicht feiern, sondern überlegen, wie wir die Kraft des Fußballs nutzen können“, sagt der DFL-Geschäftsführer Andres Rettig.
Herr Rettig, in der vergangenen Saison wurde der FC Bayern mit 19 Punkten Vorsprung deutscher Meister. Wie viele Punkte werden es in dieser Saison sein?
Andreas Rettig. Foto: dpa
Ob es am Ende ein Punkt ist oder wer überhaupt deutscher Meister wird, weiß vor Beginn einer Saison doch keiner. Aber ich vermute, Sie wollen auf etwas anderes hinaus, denn diese Frage suggeriert Langeweile.
Stimmt. Es ist doch auch langweilig geworden in der Bundesliga – oder etwa nicht?
Nein, davon sind wir weit entfernt.
Aha. Das müssen Sie jetzt aber erklären bei 19 Punkten Vorsprung der Bayern.
Das Geschehen in der Bundesliga reduziert sich doch nicht nur auf die Meisterfrage. Das ist bei Weitem nicht alles. Fragen Sie doch mal beim VfB Stuttgart nach, ob die letzte Saison langweilig war. Oder beim Hamburger SV. Oder beim 1. FC Nürnberg. Oder beim SC Freiburg. Oder in Hannover oder auf Schalke oder in Berlin. Ich glaube nicht, dass die Leute dort sagen, es sei langweilig gewesen.
So gesehen haben Sie wahrscheinlich recht.
Vor dem letzten Spieltag hatten mit Braunschweig, Nürnberg und Hamburg noch drei Mannschaften die Chance, den Relegationsplatz zu erreichen. Das gab es in der Bundesliga so vorher noch nie. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie spannend die Liga auch in der vergangenen Saison war.
Sie kennen vermutlich weitere Beispiele. Trotzdem sagen nicht wenige Experten, dass es in der Bundesliga die Tendenz hin zu einer Drei- oder Vierklassengesellschaft gibt. Teilen Sie diese Meinung dann auch nicht?
Unterschiedliche Klassen im Hinblick auf die Zielsetzungen der Clubs gibt es ja schon seit Bestehen der Bundesliga im Jahr 1963. Das ist also nichts Neues. Und ich sehe das positiv. Der erste Punkt ist, dass wir inzwischen sieben internationale Startplätze haben – so viele wie nie zuvor. Das heißt, dass sich viele Mannschaften Hoffnungen auf eine Teilnahme am Europapokal machen können. Auch das steigert die Attraktivität.
Und Punkt zwei?
Die Wiedereinführung der Relegation hat sich ebenfalls positiv ausgewirkt. Das ist ein zusätzliches Spannungsmoment.
Auffällig ist, dass einige Traditionsvereine wie der HSV, Werder Bremen oder der VfB Stuttgart inzwischen große Probleme haben und Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren. Was sind die Gründe?
Das kann man nicht verallgemeinern. Da muss jeder Einzelfall für sich betrachtet und analysiert werden.
Andere Traditionsvereine wie 1860 München, Kaiserslautern und Nürnberg sind inzwischen aber sogar weiter unten in der zweiten Liga gelandet. Warum?
Da stelle ich eine Gegenfrage: Wer hat denn eigentlich Erfolg?
Können Sie es uns verraten?
Erfolg haben Clubs, die die K-Faktoren erfüllen – nämlich Kapital, Kompetenz und Kontinuität. In diesem Zusammenhang muss man sich dann auch davon lösen, Erfolg nur an einer Spielzeit zu bemessen. Erfolg hängt für mich auch wesentlich mit Managementqualitäten zusammen. Augsburg hat Erfolg, Freiburg hat Erfolg, Mainz hat Erfolg, weil sie mit ihren Ressourcen vernünftig umgehen, sodass sie sich auf diesem Niveau erfolgreich behaupten können. Das sind für mich sehr respektable Leistungen.
Die aus Ihrer Sicht worauf zurückzuführen ist?
Vor allem auf Vernunft in der Vereinsführung, in der seit Jahren die gleichen Leute erfolgreich am Ruder sind. Sie sagen nicht: Wir investieren jetzt alles in diese eine Saison und nach mir die Sintflut. Wenn Augsburg mal absteigen sollte, bricht der Club nicht zusammen. In Freiburg und Mainz wäre es genauso.
Aber Traditionsvereine wie der HSV oder der VfB könnten in diesem Schreckensfall kaum einfach zur Tagesordnung übergehen wie vielleicht Augsburg.
Warum nicht? Man darf sich nicht treiben lassen von Strömungen um den Club herum, auch nicht bei einem so genannten Traditionsverein. Wenn man von etwas überzeugt ist und einen Plan hat, muss man auch im Misserfolg dahinterstehen. Das klappt, wenn ein geschlossener Kreis von Entscheidungsträgern da ist, die sich einig sind. Ist das gewährleistet, bedeutet das für mich Führungsstärke. Und darauf beruht ein wesentlicher Teil des Erfolgs.
Sie meinen mit Führungsstärke quasi Kontinuität um jeden Preis?
Die Entlassung eines Trainers oder eines Managers ist dann nachvollziehbar, wenn das Vertrauen in diese Person nicht mehr vorhanden ist. Dann muss man sogar reagieren, nicht nur, wenn es sportlich schlecht läuft. Mainz hat sogar einmal den Trainer entlassen, mit dem man gerade in die Bundesliga aufgestiegen ist – und das hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen.
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