Interview mit Ex-VfB-Profi Tasci „Die WM in Russland ist mein Fernziel“

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Im StZ-Interview spricht der frühere Profi des VfB Stuttgart, Serdar Tasci, über die deutsche Nationalmannschaft, seine Ziele bei Spartak Moskau und über seinen Stuttgarter Ex-Club.

Es war einmal: Serdar Tasci jubelt im Trikot des VfB Stuttgart. Auf seine Karriere blicken wir in der folgenden Bilderstrecke zurück. Foto: Baumann 11 Bilder
Es war einmal: Serdar Tasci jubelt im Trikot des VfB Stuttgart. Auf seine Karriere blicken wir in der folgenden Bilderstrecke zurück.Foto: Baumann
Stuttgart – - Serdar Tasci (27) ist wieder in Stuttgart, aber nur für drei Tage. So lange haben die Spieler von Spartak Moskau nach ihrem Trainingslager in St. Gallen jetzt frei. Danach geht es für den früheren VfB-Nationalverteidiger zurück nach Russland, wo am 2. August die neue Saison beginnt – für Spartak bei FK Ural.
Herr Tasci, was heißt „Deutschland wird Weltmeister“ auf Russisch?
Oh, das ist aber gleich eine schwere Frage am Anfang. Was „Weltmeister“ auf Russisch heißt, weiß ich im Moment ehrlich gesagt gar nicht auswendig. Aber ich denke, das ist doch auch alles relativ egal.
Weil Deutschland sowieso Weltmeister wird?
Klar, wenn man das Halbfinale gegen Brasilien gesehen hat, was wir da abgeliefert haben. Bei den Brasilianern haben zwar zwei Topspieler gefehlt, aber die Vorstellung unserer Mannschaft war einmalig. So was habe selbst ich noch nie erlebt.
Wo, wie und mit wem haben Sie es erlebt?
Mit meinen Mitspielern in unserem Trainingslager in St. Gallen. Weil wir selbst ein Freundschaftsspiel hatten, haben wir die ersten fünf Minuten verpasst. Da sollen die Brasilianer ja gut gewesen sein, hab ich gehört. Aber nach dem ersten Gegentor sind sie zusammengebrochen. Wir waren alle fassungslos im Saal. Keiner konnte begreifen, was geschieht – aber ich glaube, so ist es ja allen auf der Welt gegangen.
Und jetzt Argentinien im Finale. Endet die Partie auch wieder 7:1?
Auf keinen Fall. Die Argentinier werden sich nicht abschießen lassen. Sie sind ja gewarnt worden durch das, was am Dienstag passiert ist. Deshalb wird das ein anderes Spiel – aber mit dem gleichen Sieger.
Nicht zu den Siegern dieser WM gehört Per Mertesacker, der seinen Stammplatz in der Innenverteidigung abgeben musste. Sie wissen von 2010 wie das ist, wenn man bei einer WM draußen sitzen muss.
Das ist keine schöne Sache, natürlich nicht. Als Fußballer will man immer auf dem Platz stehen. Aber es können nun mal nur elf spielen – und wenn die Mannschaft erfolgreich ist, kann man als Ersatzspieler auch nicht viel sagen.
Sie haben Ihre Enttäuschung vor vier Jahren runtergeschluckt?
Es war schon eine etwas komische Situation, nachdem ich zuvor immer gespielt hatte. Aber ich habe mich damit arrangiert und versucht, in jedem Training das Beste zu geben und die Stammkräfte damit unter Druck zu setzen.
Wie haben Sie damals den Bundestrainer Joachim Löw wahrgenommen?
So eine WM mit Vorbereitungszeit geht ziemlich lange, da muss man eine gute Mischung und einen guten Umgangston untereinander finden. Das hat gepasst. Der Trainer hat viel mit uns gesprochen und uns so bei Laune gehalten. Vor den Spielen gab er klare Anweisungen. Da wusste jeder, was er zu tun und zu lassen hatte.
Nach der WM spielten Sie in der Nationalmannschaft keine Rolle mehr. Hat Löw gesagt, warum?
Eine konkrete Erklärung dafür gab es nicht, doch ich hatte ein paar Verletzungen, die mich zurückgeworfen haben. Aber das spielt jetzt auch keine Rolle. Mein Ziel war und ist es nach wie vor, den Weg zurück in die Nationalelf zu finden. Dafür kämpfe ich.
Die nächste WM findet dann ja in vier Jahren in Russland statt. Da würde sich für Sie ein Kreis schließen.
Stimmt, das habe ich auch im Hinterkopf. Es ist ein Fernziel, aber bis dahin kann viel passieren. Zunächst zählt Spartak Moskau.
Da haben Sie in Murat Yakin jetzt einen neuen Trainer bekommen, der wie Sie eine VfB-Vergangenheit hat. Wie läuft’s?
Für mich ist es optimal, dass ein Trainer da ist, der deutsch und türkisch reden kann. Zuvor hatten wir zwei russische Trainer. Die konnten nur russisch und etwas englisch. Da war die Verständigung schwierig.
Wie kommt Yakin fachlich an?
Man merkt, dass er zuvor in Basel recht erfolgreich gewesen ist. Dieses Selbstvertrauen hat er mit nach Moskau gebracht. Das überträgt sich auf uns Spieler. Zudem arbeitet er akribisch und hat eine klare Denkweise, wie wir spielen sollen.
Dann besteht ja Hoffnung, dass Ihr zweites Jahr in Moskau besser ausfällt als das erste?
Ja, ich hatte wirklich Pech und war lange verletzt. Aber jetzt bin ich fit und gehe mit einem ganz anderen Gefühl in die neue Saison als zuletzt.
Haben Sie sich inzwischen auch an das Leben in Moskau gewöhnt?
Das ist schon was anderes als in Stuttgart. Moskau ist eine Riesenmetropole mit rund zwölf Millionen Einwohnern. Da geht es auf den Straßen vielleicht munter zu. Es ist immer Stau. So brauche ich für die 35 Kilometer zu unserem Trainingszentrum in der Regel 75 Minuten.
Das klingt nicht so erfreulich.
Es ist anstrengend, aber Moskau ist auch schön. Sehr schön sogar. Und ich habe auch eine Wohnung mitten in der Stadt im 28. Stock eines Wolkenkratzers. Von da aus habe ich eine tolle Aussicht auf ganz Moskau.
Es heißt, dass die Spieler bei Spartak jeden Tag auf die Waage müssen – zur Gewichtskontrolle!
Unter Murat Yakin wurde das etwas gelockert. Aber zuvor war das schon so. Für 100 Gramm mehr musste man 100 Dollar als Strafe zahlen.
Wie viele Dollar sind Sie los geworden?
Fast keine. Ich war lange verletzt – und verletzte Spieler mussten sich nicht wiegen.
Ein Glück. Vermissen Sie in Moskau nichts?
Ich war 26 Jahre in Stuttgart – und vermisse Stuttgart ganz allgemein ein bisschen.
Aber den VfB vermissen Sie nicht?
Doch, doch, natürlich auch.
Viel Spaß dürften Sie in der vergangenen Saison an Ihrem alten Club aber nicht gehabt haben?
Das war eine enge Kiste. Es wäre richtig brutal gewesen, wenn der VfB in die zweite Liga abgestiegen wäre. Da gehört der Verein nicht hin. Deshalb war es wichtig, dass sich die Mannschaft noch gerettet hat – es war wichtig für die ganze Bundesliga.
Jetzt kehrt Armin Veh zurück, unter dem Sie einst den Sprung zu den Profis geschafft haben. Ist er Ihr Lieblingstrainer?
Er war auf jeden Fall mein wichtigster Trainer, weil er mich sehr gefördert und zum Nationalspieler gemacht hat. Er weiß genau, wie er mit einem Spieler umgehen muss – vor allem mit einem jungen Spieler. Da kann er streng sein, aber er hat auch immer einen lockeren Spruch auf Lager.
Mit lockeren Sprüchen alleine wird der VfB nun jedoch nicht wieder nach oben kommen.
Natürlich hat der Trainer keinen Zauberstab dabei. Das Personal muss auch die entsprechende Qualität aufweisen. Sonst wird das nichts.
Was trauen Sie dem VfB nächste Saison zu?
Ich glaube nicht, dass die Mannschaft mit Armin Veh was mit dem Abstieg zu tun haben wird. Die Chance ist da, wieder im oberen Tabellendrittel mitzumischen.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten – welchen Spieler würden Sie denn jetzt an Stelle des VfB verpflichten?
Wenn ich das entscheiden könnte, würde ich Serdar Tasci zurückholen (lacht).