Interview mit Gerhard Raff und Monica Menez „Wir Degerlocher Aborigines“

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Der eine arbeitet am liebsten in seinem Bauerngarten, die andere jettet um die Welt: Der Autor Gerhard Raff und die Modefilmemacherin Monica Menez diskutieren über Heimat und Zugehörigkeit.

Bitte recht freundlich: Monica Menez ist zuletzt von Stuttgart aus zu einem englischen Filmfestival geflogen, Gerhard Raff begleitete einen Pilger in Jerusalem. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Bitte recht freundlich: Monica Menez ist zuletzt von Stuttgart aus zu einem englischen Filmfestival geflogen, Gerhard Raff begleitete einen Pilger in Jerusalem.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Letzter Aufruf für das Jahresabschlussgespräch der Stuttgarter Zeitung! Am Flughafen begegnen sich zwei Kinder dieser Stadt mit ganz unterschiedlichen Geschichten: Gerhard Raff, 69 Jahre alt, Mundartdichter, Verteidiger des schwäbischen Dialekts, tief verwurzelt in der Geschichte Württembergs. Mit ihm diskutiert Monica Menez, 44, ihre Eltern kamen als Gastarbeiter aus Kroatien, sie selbst kann sich keine schönere Stadt als Stuttgart vorstellen, ist aber als Filmemacherin dauernd unterwegs. Es soll um Heimatgefühle gehen, um Lokalkolorit und um die Sehnsucht, anderes zu sehen. Wohin dieses Gespräch wohl führt?

Frau Menez, wann sind Sie eigentlich zuletzt geflogen?
Menez Vor drei Wochen. Ich war in York, im Norden Englands, dort liefen auf einem Kurzfilmfestival zwei meiner Filme. In­zwischen gibt es in vielen großen Städten weltweit­ Mode-Filmfestivals. Dem­entsprechend häufen sich bei mir die Anfragen. Wenn ich überall zusagen würde, wäre ich nur noch im Ausland unterwegs.
Raff Ich war zuletzt im Sommer 2014 hier, damals durfte ich den Degerloch-Jerusalem-Fußpilger Klaus Käppler auf seiner letzten Etappe begleiten. Aber meine lebhaftesten Erinnerungen an den Flughafen verbinde ich mit meiner Studentenzeit. Ich verdiente mir da mein Studium als Gepäckarbeiter.
Wann war das?
Raff Von 1969 bis 1972. Ich habe unter anderem die Koffer von König Hussein verladen, von Bundeskanzler Kiesinger, Rudi Carrell und anderen Showgrößen. Auch Max Schmeling habe ich bedient, der hatte einen richtig teigigen Händedruck.
Menez Der Flughafen sah damals bestimmt völlig anders aus.
Raff Er war viel kleiner, und es gab praktisch keine Sicherheitsvorkehrungen. Ich betreute damals Gruppen von Degerlocher Waldheimkindern. Die Kinder setzten sich hinten auf den Gepäckwagen drauf, wir fuhren unbehelligt über das Vorfeld und gingen dann gemeinsam über die Gangway in die Flieger, wo wir die Piloten im Cockpit besuchten. Die haben sich gefreut.
Das wäre heute unvorstellbar. Für Sie gehören das Fliegen und das Reisen zum Alltag, Frau Menez. Sie leben für Tage oder sogar Wochen in Weltstädten. Macht Sie das high?
Menez So würde ich das nicht sagen. Wenn ich für einen Filmdreh in einer fremden Stadt bin, genieße ich die ersten Tage immer, aber nach einer Weile dreht sich das. Kürzlich war ich für einen Dreh einige Wochen in London. Ich bin ein totaler Fan der Stadt, ich dachte: „Wow, endlich bist du hier!“ Am zweiten Tag stand ich während der Rushhour eine Stunde in einer völlig überfüllten Bahn, vor mir übergab sich ein Mann und mir schoss durch den Kopf: „Was machst du eigentlich hier?“
Die Heimat zu verlassen kann auch bedeuten, sich fremd zu fühlen.
Menez Ich gehe abends nicht gern allein essen. Du läufst durch die Straßen, alle Bars sind offen, die Leute amüsieren sich, und du bist allein. Ich schaue auf Facebook, was meine Freunde in Stuttgart machen, die schreiben mir dann: „London, toll, geh aus, mach was!“ Aber man selbst bleibt oft in einer anderen Stadt ein Außenstehender, der das Leben anderer nur beobachtet.
Raff  Wie lange sind Sie über das Jahr verteilt weg?
Menez Drei Monate vielleicht, ich könnte noch viel mehr machen, aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mein Sohn ist schon älter, der würde das zwar verstehen, aber es würde auch bedeuten, dass ich künftig ständig weg wäre.
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