Interview mit Hells Angel „So kann es nicht weitergehen“

Tobias Schall, 22.07.2012 15:55 Uhr
Stuttgart– Lutz Schelhorn hat sich vorbereitet. Auf dem Tisch in seinem Atelier liegt ein dicker Leitz-Ordner, gefüllt mit den Presseberichten der vergangenen Monate. Daneben die Schachtel Lucky Strike und eine Untertasse als Aschenbecher. Mit kleinen Unterbrechungen ist der 53-Jährige seit 30 Jahren Präsident des Stuttgarter Charters der Hells Angels. Der Fotograf hat einen guten Ruf. Die Hells Angels nicht. Schelhorn ist Anführer einer Dependance der Mafia auf zwei Rädern – dieser Eindruck ist entstanden durch zahlreiche Razzien und massive Vorwürfe gegen die Rocker. Waffenhandel, Drogenhandel, Menschenhandel: für die Behörden sind die Hells Angels eine kriminelle Vereinigung.
Herr Schelhorn, wann haben Sie das letzte Mal mit der Polizei zu tun gehabt?
So alle paar Wochen schauen die bei mir im Büro vorbei. Erst dieser Tage wieder. Die Hells Angels feiern voraussichtlich in Stuttgart das 40-jährige Bestehen des Clubs in Deutschland. Das hatten wir kaum beschlossen, da war die Polizei schon da.

Wundert Sie das?
Wir sind keine Engel, aber auch keine Schwerverbrecher. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es 256 Graustufen. Seit Jahren wird mit Hochdruck gegen uns ermittelt, ohne dass es Resultate gäbe, die diesen Aufwand rechtfertigten. Wir dürfen nicht mehr in die USA reisen, Leute verlieren ihre Jobs oder Kunden, weil sie bei uns Mitglied sind. Die Vorverurteilung betrifft auch unsere Frauen, Kinder, Eltern und Freunde. Mir reicht es langsam, ich lasse mir den Club nicht kaputtmachen. Die Hells Angels stehen für Freiheit, Brüderlichkeit und Rebellion. Die Freiheit ist infolge der ganzen Kampagne dahin.

Da sollten Sie sich bei Ihren straffällig gewordenen Brüdern bedanken.
Wenn jemand Straftaten begeht, soll die Polizei ermitteln, der Staatsanwalt soll eine Anklage schreiben, der Richter ein Urteil fällen. So funktioniert ein Rechtsstaat. Bei uns ist es anders: Die Täter hat man schon – und die Straftaten wird man noch finden. Selbst bei Freisprüchen heißt es hinterher immer, dass es vermutlich aber ganz anders war. Ich finde manches auch völlig daneben, was einzelne Mitglieder machen, aber da werden aus Einzelaktionen einfach Clubsachen konstruiert.

Ziemlich viele Einzelaktionen! Von den 1000 Hells Angels ist die Hälfte vorbestraft.
Diese Zahl stelle ich infrage, und es gab nie eine Quelle des BKA dazu. Aber ich will nichts schönreden. Es gibt bei uns Leute, die sich nicht an Gesetze halten, die müssen auch mit Strafen rechnen, darüber brauchen wir überhaupt nicht zu diskutieren. Andererseits ist das mit den Rechtsverstößen auch so eine Sache. Wenn ich mit einem kleinen Messer rumlaufe, das ich mit einer Hand aufmachen kann, dann habe ich schon eine Vorstrafe wegen Waffenbesitzes.

Wir reden hier von schweren Verbrechen bis hin zum Totschlag.
Verurteilungen wegen Totschlags gab es in den letzten Jahren gerade mal zwei. Niemand behauptet, dass unsere Leute Chorknaben sind. Wir sind freiheitsliebende Typen, geradlinig und halten nicht die andere Backe hin. Wenn ich aber den Druck auf uns sehe, wenn ich weiß, was BKA, LKA und so weiter alles unternehmen – und wenn ich dann sehe, was übrig bleibt, dann passen die Bilder nicht zusammen. Im Schnitt sitzen zwischen 20 und 30 Hells Angels im Gefängnis – von etwa 1000.

Also alles eine große Verschwörung gegen eigentlich harmlose Rocker, die nur verfolgt werden, weil sie ein bisschen anders sind. Wollen Sie uns das erzählen?
Es gibt belegbare Erklärungen! Die Akte „Monitor“ aus dem Jahr 1996 etwa. Dahinter steht ein Konzept der Behörden, wie Rockergruppen systematisch kriminalisiert und bekämpft werden sollen. Ähnliches findet man in einem jetzt bekannt gewordenen Strategiepapier der Landeskriminalämter, in dem auch beschrieben ist, wie die Medien zu nutzen seien.

Die mediale Inszenierung ist das eine. Das andere ist: vielleicht, weiß die Polizei viel mehr, als sie beweisen kann, und die Hells Angels haben gute, findige Anwälte.
Sollen wir uns schlechte Anwälte nehmen?

Ihr Club trägt nichts zur Aufklärung bei. Es gibt eine Omertà, also ein mafiöses Schweigegelübde gegenüber der Polizei.
Quatsch. Ich spreche regelmäßig mit der Polizei, ich kenne die und kann einschätzen, ob die mich linken wollen oder nicht. Dass die meisten von uns nicht mit der Polizei reden, hat einen anderen Grund: Als in den 80er Jahren Gedächtnisprotokolle gerichtsfest wurden, hat uns ein Anwalt geraten, nicht mehr mit der Polizei zu sprechen, um in nichts reinzukommen.

Akzeptieren die Hells Angels das Gewaltmonopol des Staates?
Natürlich. Wir akzeptieren den Staat und seine Gesetze. Unsere Kinder gehen zur Schule, wir zahlen Steuern, es gibt Verkehrsregeln, und wir gehen wählen. Was ich aber nicht akzeptieren muss, sind Gepflogenheiten, die nicht unserer Vorstellung einer funktionierenden Gesellschaft entsprechen. Und da gehört für mich zum Beispiel dazu, dass ich mich nicht irgendwo ausheule, wenn mir einer was getan hat.

Wann haben Sie sich zuletzt geprügelt?
Ist glaub vier Jahre her oder so.

Warum?
Irgendeine Ehrengeschichte, ich weiß nicht mehr genau. Wenn man mit jemandem verbal nicht weiterkommt und der provoziert einen weiter, dann sage ich es ihm einmal, dass er es lassen soll, auch ein zweites Mal, aber kein drittes Mal. Ich laufe doch nicht weg und bin der Laue.

Oder der Schlaue.
Wenn es irgendein Irrer ist, bin ich auch schon mal der Schlaue. Aber nicht, wenn sich einer profilieren will. Ein Hells Angel läuft nicht weg – das heißt aber noch lange nicht, dass er kriminell ist.

Die immer gnadenloseren Kämpfe unter Rockern sind kein Indiz für kriminelle Energie?
Früher hat man einen geboxt, dann lag er am Boden, und gut war es. Heute werden Leute mit Tritten bearbeitet, bis sie ins Koma fallen. Aber das ist kein Problem der Rocker, sondern leider ein gesellschaftliches. Auf dem Cannstatter Wasen gibt es pro Jahr etwa 800 Straftaten – so viel hatten wir in Jahrzehnten nicht.

Gewalt spielt eine große Rolle in Ihrem Club.
Wenn ich meine 30 Fernsehkanäle durchzappe, habe ich auf 15 Kanälen Gewalt. Gewalt, die mich anwidert. Grundlose Gewalt. Durch alle Gesellschaftsschichten. Stolz spielt eine große Rolle in unserem Club. Wenn sich einer in der Ehre verletzt fühlt, reagiert der eine so, der andere so. Auge um Auge, Zahn um Zahn – das ist die Kultur der Rocker. Wir waren immer raubeiniger und gewalttätiger als ein Karnickelzuchtverein.