Interview mit Karl-Heinz Handschuh „Bub, spiel noch fünf Jahre gut, dann ist die Liga pleite“

1966 machte Karl-Heinz Handschuh sein erstes Spiel für die Profis des VfB. Foto: Baumann
1966 machte Karl-Heinz Handschuh sein erstes Spiel für die Profis des VfB.Foto: Baumann

Stuttgart - Der Brustringer will nicht nur nach vorne schauen, sondern auch zurück: Seit 50 Jahren gibt es in Deutschland nun bereits die 1. Fußball-Bundesliga. Karl-Heinz Handschuh war fast von Anfang an dabei. 1966 machte er sein erstes Spiel für die Profis des VfB, 1980 sein letztes für die Eintracht aus Braunschweig. Der heute 64-Jährige blickt gerne auf eine ereignisreiche Zeit zurück.

Herr Handschuh, Ihr ehemaliger Verein gibt gerade wenig Grund zur Freude. Also reden wir lieber über Ihre aktiven Jahre. Zum Beispiel über die 64 Tore, die Sie in 185 Spielen für den VfB geschossen haben. In der Saison 1972/73 waren Sie sogar interner VfB-Torschützenkönig – mit 13 Toren.

…und das als Mittelfeldspieler. Damals wurden Mittelfeldspieler noch Torschützenkönige.

Und welches war Ihr schönstes Tor?

Das fiel in einem Derby gegen den KSC zu Hause im Neckarstadion. Es war in der 90. Minute als ich den Torhüter Siegfried Kessler mit einem Seitfallrückzieher zum 3:2 überwand. Das schöne war gar nicht mal die Art und Weise, wie ich das Tor erzielt habe, sondern dass ich an dem Tag eigentlich gar nicht auf dem Platz hätte stehen sollen. Ich hatte einen Tag vorher noch 40 Grad Fieber und stand völlig neben mir. Ich war nicht hundertprozentig fit und das merkte man auch. Durch den Treffer nahm dann aber doch noch alles ein gutes Ende.

Waren Derbys gegen den KSC damals das gleiche wie heute?

Die Rivalität war nicht so brutal wie heute. Es waren nette Derbys ohne gravierende Ausschreitungen. Aber wenn wir Auswärtsspiele hatten sind wir natürlich auch nicht mit offenen Armen empfangen worden. Ich erinnere mich: Wir mussten immer mit dem Bus durch eine Allee zum Stadion fahren – und da schlugen einem schon wüste Beschimpfungen entgegen. Schlägereien oder einen Angriff auf  unseren Bus gab es aber nie.

Und am Tag nach einem Bundesliga-Spiel ging es wieder zur Arbeit in den Betrieb?

In der Tat habe ich zu Beginn meiner Zeit als Spieler noch halbtags gearbeitet. Mein Chef hat mir viele Freiräume gegeben und kam nach jedem Spiel im Büro zu mir, um sich zu erkundigen, wie wir gespielt haben - im Fernsehen wurden ja damals nur ein bis zwei Minuten unserer Spiele gezeigt. Heute dagegen wird jedes Pokalspiel eines Amateurs im Fernsehen übertragen – am besten noch weltweit. Da haben sich die Verhältnisse extrem geändert.

Verändert haben sich auch die Verdienstmöglichkeiten in der Bundesliga. Konnte man sich als Profi damals auch schon eine goldene Nase verdienen?

Das konnten damals nur die Nationalspieler. Netzer, Beckenbauer und Overath, die hatten nach ihrer Zeit als Aktive ausgesorgt. Die Abstufungen im Gehalt zwischen Nationalspielern und einfachen Vereinsspielern waren damals sehr groß, heute dagegen verdient ein Mitläufer einfach zu viel. Gehaltsmäßig hat es bei uns damals bei 500 Mark Grundgehalt angefangen. 375 Mark gab es, wenn man nicht gespielt hat, hinzu kamen Spielprämien bei Erfolgen. Durch diese Bezahlung war aber auch das Verhältnis zu den Fans ein ganz anderes: Wir Spieler verdienten nicht sehr viel mehr als ein einfacher Angestellter oder Arbeiter. Von daher verstehe ich die Fans von heute, die dann schnell mal wütend werden. Man sieht einfach die Unsummen, die ein Spieler verdient und stellt sie ins Verhältnis zu seinem Auftreten auf dem Platz. Das stimmt manchmal vorne und hinten nicht.

Aber ein schönes Auto gehörte doch auch damals schon dazu.

Von wegen. Wir beim VfB mussten alle unsere Autos selbst kaufen. Als ich mir schließlich 1968 meinen ersten Mercedes kaufen wollte, fragte ich nach drei Prozent Rabatt für VfB-Spieler – nicht mal die wurden mir gewährt. Heute bekommen selbst 18-jährige Jungprofis schon einen AMG gestellt. Warum können die heute nicht wie der Klinsmann damals mit dem VW zum Training fahren? Was man aber auch sagen muss: Deutschland bildete in dieser Hinsicht noch lange eine Ausnahme. In Italien war es schon damals anders: Jeder italienische Profi musste einen Ferrari fahren, sonst war er kein Idol.

Wie haben Sie zwei Jahre nach Einführung der Bundesliga den Sprung in diese geschafft?

Ich wurde eigentlich von Anfang an auf Bundesliga getrimmt. Mein Vater spielte bei den Stuttgarter Kickers und hatte Ansprüche an mich. Ich habe beim VfB Reichenbach tagtäglich bis zu eine Stunde am Fußball-Pendel trainiert: Kopfbälle, Schlagtechnik – ich glaube heute arbeitet man gar nicht mehr mit diesen Pendeln. U-Mannschaften gab es damals noch nicht. Über die Württemberg-Auswahl bin ich dann so ins Profigeschäft reingerutscht.

Mit 19 wurden Sie relativ rasch zum Stammspieler beim VfB. Standen die Manager und Berater dann bei Ihnen vor der Tür?

Einen Berater hatte damals eigentlich niemand. Ich habe alle Verträge selbst ausgehandelt, der Einzige, der mir ein bisschen geholfen hat, war mein Vater. Eigentlich entschied aber alles der Verein -  auch bei einem Wechsel. Im Grunde war man Leibeigener des Vereins.