Interview mit Lucinde Hutzenlaub "Eine gewisse Grundangst bleibt immer"

Von Michael Hellstern, Jannik Lorenz 

Familie Hutzenlaub aus Stuttgart hat im März die Erdbebenkatastrophe in Japan erlebt. Jetzt will sie wieder nach Tokio zurückkehren.  

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Foto: canon EOS 5Dmk2

Stuttgart - Als am 11. März in Japan die Erde bebte, war Lucinde Hutzenlaub vor Ort. Sie und ihr Mann Holger lebten mit ihren vier Kindern mitten in Tokio. Nach der Kernschmelze in Fukushima verließen sie das Land und strandeten in Stuttgart-Sillenbuch. Am morgigen Dienstag fliegen sie wieder nach Tokio, um dort ihr altes Zuhause zu beziehen.

Frau Hutzenlaub, Sie haben Tokio im März fluchtartig verlassen. Wie fühlt es sich an, nun aus dem sicheren Stuttgart-Sillenbuch nach Tokio zurückzukehren?

Einerseits freue ich mich darauf, nun doch noch mehr Zeit in Japan verbringen zu können und vor allem unsere Freunde dort wiederzusehen. Andererseits habe ich Angst vor verstrahlten Lebensmitteln und einem erneuten noch schlimmeren Erdbeben. Natürlich aber überwiegt bei mir die Sorge um die Kinder.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, wieder zurück nach Japan zu ziehen?

Wir wollten unsere Familie nicht trennen. Da der Vertrag meines Mannes noch bis Ende 2012 läuft und er seine Mitarbeiter nicht im Stich lassen kann und möchte, haben wir uns für eine Rückkehr entschieden. Eine langfristige Trennung kam für uns als Familie nie infrage. Außerdem gibt es noch so viel, was wir in Japan sehen wollen, und wir möchten das Jahr nutzen, um uns von den Freunden und unserem Leben dort zu verabschieden.

Was haben Ihre Kinder dazu gesagt?

William, unser Jüngster, will unbedingt wieder zurück, da Japan für ihn so etwas wie seine Heimat ist. Maria freut sich auf Japan und das Wiedersehen mit ihren Freunden. Lilli würde lieber hier bleiben, weil sie in Stuttgart schnell Anschluss gefunden und Freundschaften geschlossen hat. Für Paulina ist es als Älteste am härtesten, da das Leben als Teenager in Japan eingeschränkter ist. Außerdem sind die ständigen Schulwechsel natürlich eine große Herausforderung für sie. Ihren Papa und ihre eigenen Zimmer vermissen aber alle vier.

Wie haben Sie und Ihre Familie den Tag des Erdbebens erlebt?

Die Erde begann um 14.30 Uhr zu wackeln, als ich gerade unter die Dusche wollte. Das kann man sich in etwa so vorstellen, wie wenn man versucht sich im Schwimmbad auf eine Luftmatratze zu stellen. William war im Kindergarten und die anderen Kinder in der deutschen Schule in Yokohama, die etwa eine Stunde von unserem Haus entfernt ist. Mein Mann war bei der Arbeit. Ich bin dann so schnell es ging zur Schule gefahren, um die Kinder nach Hause zu bringen. Da die Telefone nicht funktionierten, wusste keiner, wo der andere war. Es hat fast 24 Stunden gedauert, bis wir wieder alle zusammen waren. Alles in allem war uns aber zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der Katastrophe noch nicht klar.

Von einem Atomunfall war aber noch nichts bekannt?

Erst am nächsten Morgen kamen die ersten Meldungen, dass eine akute Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima droht. Um die Mittagszeit zeigten dann die ersten japanischen Medien die Explosion in einem der Reaktoren. Auch ohne Japanisch zu verstehen, waren wir uns über die große Gefahr im Klaren. Zwischen unserem Haus und Fukushima lagen ja nur 180 Kilometer. Wir haben uns dann gleich ins Auto gesetzt und wollten in Richtung Süden fahren - einfach nur weg! Die Firma meines Mannes hat all ihren Mitarbeitern so schnell wie möglich Flüge nach Deutschland organisiert. Weil unser Navi nur eine japanische Sprachausgabe hatte, haben wir uns aber verfahren und deswegen den ersten Flug verpasst. Daraufhin wurde uns ein späterer Flug vermittelt, den wir schließlich nach zwei Nächten ohne Schlaf und einer Odyssee erreicht haben.


Wie wird sich der Alltag in Japan im Vergleich zu Ihrem Leben vor dem Erdbeben verändern?

Da wir wenig Japanisch sprechen und kaum etwas lesen können, wird das für uns ziemlich schwierig werden. Ich muss beim Einkaufen natürlich darauf achten, dass Obst und Gemüse nicht aus verstrahlten Gebieten stammen. Wasser werden wir über das Internet bestellen, da ebenfalls nicht geklärt ist, inwieweit das Trinkwasser von der Strahlung betroffen ist. Die japanische Regierung neigt dazu, die Dinge ein wenig zu verharmlosen. Wir haben zu Hause nun zusätzlich einen Geigerzähler, mit dem wir die Strahlung in unserer Umgebung messen können. Aber eines ist klar: wir müssen auch Vertrauen haben, sonst können wir nicht bleiben.

Denken Sie, dass sich das Land durch die Katastrophe verändert hat?

Japaner sind viel genügsamer als wir und nehmen sich und ihr eigenes Leben viel weniger wichtig. Sie warten ihr Leben lang auf das große Beben und für sie gilt das Wort ihres Arbeitgebers, ihrer Eltern oder eben ihrer Regierung. Weitermachen, als ob nichts gewesen wäre, ist ihre Strategie. Trotzdem habe ich im Juli, als ich für eine Woche dort war, das Gefühl gehabt, dass die Menschen offener geworden sind. Der eine oder andere hat mir ins Gesicht geschaut und gelächelt. Das ist mir vorher nicht passiert und hat mich sehr gefreut.

Woran liegt das?

Die japanische Mentalität kann man mit der in Europa nicht vergleichen, die Menschen sind sehr beherrscht und zeigen kaum Gefühle. Tradition, Erziehung, Respekt und Rücksichtnahme sind enorm wichtig. Nur so ist auch ein Zusammenleben auf so engem Raum wie in Tokio überhaupt möglich. Die Japaner versuchen jetzt, das Unglück zu akzeptieren und ihren Alltag zu leben, als ob nichts gewesen wäre. Selbst am Tag unserer Flucht nach dem Erdbeben haben wir Japaner gesehen, die ganz normal im Friseursalon in Tokio saßen oder entspannt spazieren gingen. Wenn man keine Wahl hat, ist es vielleicht auch nur so zu ertragen.

Haben Sie Angst vor dem, was Sie erwartet?

Seit den Erlebnissen vom März haben wir eine gewisse Grundangst, egal wo wir uns befinden. Dadurch ist uns bewusst geworden, dass zu jeder Zeit und an jedem Ort etwas Schlimmes passieren kann, egal ob in Japan oder wo auch immer auf der Welt. Wie wenig selbstverständlich unser Leben und unsere Gesundheit sind, wurde uns allen dadurch sehr bewusst. Das zu wissen ist eine Sache, es zu spüren, eine ganz andere.

Zweifeln Sie manchmal an Ihrem Entschluss?

Natürlich bleiben bei so einer Entscheidung immer Zweifel, vor allem ob es das Richtige für die Kinder ist. Wir haben aber ein offenes Rückflugticket und könnten theoretisch jederzeit wieder nach Deutschland zurückfliegen. Das beruhigt schon, obwohl ich natürlich hoffe, dass wir es nicht brauchen werden.


Familie: Von August 2009 bis März 2011 lebte das Ehepaar Hutzenlaub mit seinen vier Kindern William (4), Lilli (10), Maria (12) und Paulina (15) mitten in der Millionenstadt Tokio. Holger Hutzenlaub arbeitet bei einem deutschen Automobilhersteller. Zuvor lebte die Familie in Böblingen, wohin sie in einem Jahr wieder zurückkehren wird.

Person: Lucinde Hutzenlaub studierte Kommunikationsdesign in Deutschland und den USA. Heute arbeitet sie als Autorin und schreibt über ihren alltäglichen Wahnsinn in dem Blog „Sayonara – Six in Japan“ (www.sixinjapan.blogspot.com).