Interview mit Reinhold Messner „Dieser Everest-Tourismus ist Selbstbetrug“

Von Michael Werner 

Exklusiv Bergsteigerlegende Reinhold Messner (69) fordert nach der Tragödie in Nepal mit 16 toten Sherpas eine Rückkehr zum eigenverantwortlichen Bergsteigen ohne Pisten. „Lassen wir den Bergen ihre Größe, ihre Gefahren und ihre Ausstrahlung!“, sagte Messner in einem StZ-Interview.

Reinhold Messner macht Vorschläge an die Regierung in Nepal. Foto: dpa
Reinhold Messner macht Vorschläge an die Regierung in Nepal.Foto: dpa
Stuttgart- - Der Extrembergsteiger Reinhold Messner war als Erster ohne Sauerstoffflasche auf dem Mount Everest. Er kritisiert den Gipfeltourismus.
Herr Messner, die Sherpas haben jetzt angekündigt, in dieser Saison keine Besteigungen des Mount Everest mehr zu begleiten. Haben Sie Verständnis für ihre Entscheidung?
Ja. Ich finde diese Entscheidung sehr mutig und hoffe, dass die Sherpas das durchhalten. Auf sie wird ein großer Druck zu kommen, weil die Veranstalter dieser Touristenreisen auf den Mount Everest mehr und mehr Geld bieten werden. Aber wenn die Sherpas das durchhalten, können sie den Everest-Tourismus vielleicht neu organisieren und mit einem neuen Inhalt füllen, mit dem sie in Zukunft besser zurechtkommen. Aber ich bin skeptisch, ob die Sherpas das durchhalten.
Wie viel Verständnis bringen Sie für Touristen auf, die tausende von Dollar bezahlt haben, weil sie sich ihren Traum erfüllen wollten, einmal auf dem Dach der Welt zu stehen, und die jetzt unbedingt hoch wollen anstatt abzureisen?
Wenig Verständnis. Ich kann das schon nachempfinden, aber die Menschen, die jetzt am Everest viel Geld ausgegeben haben, um über eine Piste dort hochzukommen, die hätten viel mehr davon, wenn sie für einen Bruchteil des Geldes mit einem Sherpa einen Sechstausender bestiegen hätten. Denn die jetzige Form des Everest-Tourismus ist Selbstbetrug. Die Leute geben viel Geld aus und glauben, sie haben den Everest bestiegen. In Wirklichkeit haben sie den Everest nicht verstanden und nicht bestiegen und stattdessen viele Leute in den Tod laufen lassen. Die Verantwortung dafür tragen nicht die Klienten, sondern die Organisatoren. Die Klienten sind der naive Teil von etwas, das völlig widersinnig ist: Sie kaufen sich ein Prestige, das gar nicht käuflich ist.
Sie kritisieren die Massenaufstiege seit Jahren. Sollten Achttausender also nur Extrembergsteigern wie Ihnen vorbehalten sein, oder gibt es eine andere Lösung?
Die Lösung sieht für alle Berge der Welt gleich aus: Lassen wir den Bergen ihre Größe, ihre Gefahren und ihre Ausstrahlung! Das heißt: Bauen wir keine Seilbahnen, keine Straßen und keine Klettersteige oder Pisten bis zum Gipfel. Dann hat der Berg die Kraft, alle auszuschließen, die nicht in Eigenverantwortung hinaufsteigen. Es ist nicht möglich, die Berge sicher zu machen, indem man sie allen zugänglich macht. Man sollte die Berge Berge sein lassen und nicht versuchen, sie zu Attrappen zu verändern.
Es heißt oft, dass sowohl die Sherpa-Familien als auch der Staat Nepal das Geld aus der modernen Art des Everest-Tourismus dringend benötigen würden.
Die Zahlen beweisen, dass eine andere Form, nämlich die Berge wild zu belassen, genauso viel, wenn nicht mehr, finanziellen Erfolg bringen würde. Bis in die Achtzigerjahre gab es diesen Tourismus ja nicht: Es war damals nicht möglich, den Everest auf einer Piste zu besteigen, bei deren Präparation jetzt die Sherpas ums Leben gekommen sind. Die Menschen, die damals den Berg bestiegen haben, haben das in Eigenverantwortung getan, ohne Piste. Und wenn einer heruntergefallen ist, hat der Rest der Welt gesagt: „Geschieht ihm Recht, warum geht er dort hin?“ Es war damals eine Frage der Freiheit, den Everest zu besteigen, aber auch der ganzen Verantwortung, die man auf sich nehmen musste.
Und dann?
Sir Edmund Hillary und ich waren damals beim König von Nepal und haben folgendes vorgeschlagen: Lasst nur eine Expedition pro Route pro Jahr auf den Berg, ohne Piste. Der Everest würde so sein Flair behalten, und es würden hunderttausende Touristen kommen, die raufschauen und sagen: „Großartig! Auf den Berg kann ich nicht, ich muss nicht.“ Der normale Tourismus, von dem die Sherpas profitieren, würde zunehmen, wenn der Hype am Everest aufhören würde. Wenn ich morgen in Nepal Minister für Tourismus werden würde, drehe ich das Ganze um, und es gibt den dreifachen Umsatz.