Interview mit Rolf Verleger „In Israel gibt es eine Kultur des Hasses“

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Der Jude Rolf Verleger rechtfertigt harsche Kritik an der Politik des jüdischen Staates. Den Vorwurf des Antisemitismus weist er als taktisch motiviert zurück.

Demonstration vor der Israelischen Botschaft in Berlin: Ministerpräsident Netanjahu steht wegen seiner Palästina-Politik im Zentrum der Kritik. Foto: dpa
Demonstration vor der Israelischen Botschaft in Berlin: Ministerpräsident Netanjahu steht wegen seiner Palästina-Politik im Zentrum der Kritik.Foto: dpa
Berlin - – Vertreter jüdischer Organisationen beklagen antisemitische Hetze bei Demonstrationen, die sich gegen die Politik Israels in Gaza richten. Der Psychologie-Professor Rolf Verleger, ehedem Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden, empfiehlt seinen Glaubensbrüdern, vor der eigenen Tür zu kehren.
Herr Verleger, ist hundertprozentige Solidarität mit Israel Pflicht für jeden Juden?
Der Pschologe Rolf Verleger hält Kritik an Israel für verständlich. Foto: StZ
Ich sehe das nicht so. Pflicht für uns Juden ist von alters her eine moralische Lebensführung, wie sie uns von Gott vorgezeichnet wurde. Wenn das unvereinbar ist mit der konkreten Politik eines Staates, muss man zwischen zwei Pflichten wählen: zwischen Moral und Nationalismus. Als Bürger der Bundesrepublik Deutschland fällt es mir nicht schwer, eine Wahl zu treffen.
Wie konnte es dazu kommen, dass der Nahostkonflikt erneut derart eskaliert?
Was auf palästinensischer Seite abläuft, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur für meine Seite sprechen und damit gewissermaßen vor meiner Tür kehren. Im Lande Israel gewinnen zusehends nationalreligiöse Strömungen die Oberhand. Die sagen: „Gott hat uns dieses Land geschenkt. Wir müssen unsere Feinde zerschmettern.“ So denken die auch im 21. Jahrhundert noch.
Wenn Sie solche Kritik äußern, müssen Sie dann nicht mit Beifall von der falschen Seite rechnen?
Das glaube ich eigentlich nicht mehr. Ich war Berater eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts an der Uni Konstanz. Die haben 2010 eine repräsentative Umfrage zu den Einstellungen gegenüber Juden und zum Nahostkonflikt veranstaltet. Das Ergebnis war so: ein Viertel der Befragten hat Vorbehalte gegen Juden, aber genauso gegen Muslime und den Islam, überhaupt gegen alles Fremde. Knapp die Hälfte unterstützt die palästinensische Position im Nahostkonflikt. Das restliche Viertel unterstützt die israelische Position. Interessanterweise gibt es auch bei diesen Leuten Vorurteile gegenüber Juden.
Was lehrt uns das?
Es gibt einen Grund, warum Israel-Kritik in Antisemitismus umschlagen könnte: Wenn man nur auf Beton läuft. Eine unversöhnliche Politik verstärkt das Zerrbild von der „Macht des Weltjudentums“. Meine Erfahrung ist, dass die Leute, die sich mit den Palästinensern solidarisch zeigen, von Friedenssehnsucht und einer allgemeinen Wertschätzung von Menschenrechten bewegt sind. Aus dieser Ecke kommt selten Antisemitismus.
Sollten sich Deutsche eine besondere Zurückhaltung bei der Kritik an der israelischen Politik auferlegen?
Klare Antwort: Nein, das finde ich nicht. Etwas differenzierter: Ich finde schon, dass ein Bedauern spürbar sein sollte, über das, was im Dritten Reich meinen Eltern und Großeltern angetan wurde. Mit Leuten, bei denen ich das nicht spüre, möchte ich auch nicht diskutieren. Da läuft dann etwas falsch. Solche Leute sollten lieber den Mund halten. Wenn man aber die richtigen Lehren aus dem Dritten Reich gezogen hat, kann man zu heutigem Unrecht nicht schweigen. Wer sich für Menschenrechte einsetzt, braucht Rückgrat – auch wenn er sich den Vorwurf des Antisemitismus einhandelt. Oft sind diese Vorwürfe taktisch motiviert.
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Nichts Neues: Es gibt immer wieder Leute, die absolut blind sind gegenüber der Realität und die nicht mehr - aufgrund ihrer grundsätzlich negativen Sichtweise gegenüber Israel - in der Lage sind, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Vieles, was in diesem Interview gesagt wird, ist einfach falsch und ziemlich dumm. Obwohl Herr Verleger selbst Betroffener ist, hat er anscheinend völlig falsche Lehren aus diesem Abschnitt der Geschichte gezogen. Es gibt nur einen einzigen Verantwortlichen für die vielen Toten im Gazakrieg: die Hamas! Für Israel ist jeder Tote eine Katastrophe, für die Hamas können es nie genug Tote sein, damit ihre perfide und menschenverachtende Propaganda aufgeht. Bei Herrn Verleger scheint sie gewirkt zu haben!

Gemäßigte Stimmen dringen in Israel kaum durch: Die Kultur des Hasses und der Menschenverachtung in Israel schaukelt sich nicht von selbst hoch, sie wird von den Medien und bestimmten politischen Parteien geschürt. Schade dass ein Volk, das so reich an Begabungen ist und der Welt so viel Positives geben könnte, moralisch so tief gesunken ist. Ich empfehle den Interessierten das Buch "The General's Son" von Miko Peled (das leider nur in englischer Sprache vorliegt).

Wann?: Und wann, liebe Stuttgarter Zeitung, veröffentlichen Sie ein Interview mit einem Palästinenser, der sich kritisch über die Hamas äußert?

Respekt!: Hervorragendes Statement! Was wäre Israel ohne die Antismitismus - Keule?

Ein gutes Stadement über die Lage der israelischen Adminisration: und in großen Teilen der dortigen Bevölkerung. Ein Satz aus diesem Interview mit Rolf Verleger sagt eigentlich alles aus : ,,Wenn ich das schreiende Unrecht sehe, das Israel den Palästinensern antut, den Landraub, unverhältnismäßige Offensiven in Gaza – dann erscheinen mir alle Rechtfertigungsgründe und alle Klagen über angeblichen Antisemitismus nur vorgeschoben. Das ist eine reine Schutzbehauptung ,. Der außeruniversitären Öffentlichkeit ist Verleger vor allem als Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein bekannt geworden. Unter dem Eindruck des israelisch-libanesischen Kriegs im Sommer 2006 äußerte er sich mit einem Brief vom 23. Juli 2006 zunächst intern im Zentralrat, dann öffentlich kritisch zu den „militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon” und zu der Israel unterstützenden Haltung des Zentralrats hierzu. Dies brachte ihm von Seiten der Zentralrats-Vorsitzenden Charlotte Knobloch und anderer Repräsentanten jüdischer Organisationen Kritik ein; Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer bezeichnete die Position Verlegers als „abstrus” und „absolute Einzelmeinung”. Andere verwiesen darauf, dass er nicht gegen Israel an sich, sondern gegen die derzeitige Politik des Landes argumentierte. Im August 2006 berief ihn die Jüdische Gemeinde Lübeck in Reaktion auf seine Äußerungen als ihren Delegierten für die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein ab. Er verlor damit auch das Amt des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein. Im Juni 2009 entzog die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein Verleger sein Mandat als Delegierter im Zentralrats-Direktorium. Rolf Verleger ist Mitglied des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost. Mit den Worten von Rolf Verleger : ,, Eine Kultur des Hasses besteht in Israel. Die Parole „Tod den Arabern“ ist dort auf vielen Mauern zu lesen. Eine Verachtung gegenüber allem, was nichtjüdisch ist, breitet sich in erschreckender Weise aus. Ein solches Land muss die Kultur des Hasses nicht bei anderen suchen ,, ist alles gesagt. Bleibt zu hoffen das die besonnenen Kräfte in Israel wieder mehr in die Verantwortung der dortigen Politik kommen.

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