Interview mit SWR-2-Programmchef Bach spielt in einer Liga mit den Stones

Von Markus Reiter 

Kultursender im Wandel: im neuen Jahr krempelt SWR 2 sein Programm um, vor allem am Samstagnachmittag. Warum, das erklärt der Programmchef Johannes Weiß im StZ-Gespräch.

Johannes Weiß will das Programm vereinheitlichen, nicht verflachen. Foto: SWR
Johannes Weiß will das Programm vereinheitlichen, nicht verflachen.Foto: SWR
Stuttgart – Die Hörer des Kulturprogramms SWR 2 müssen sich im kommenden Jahr an Neues gewöhnen – vor allem am Samstagnachmittag. Schuld ist nicht zuletzt der Spardruck. Bis 2020 muss der Sender 166 Millionen Euro einsparen. Auch das teure Kulturprogramm muss mit einem Viertel weniger Budget auskommen. Programmchef Johannes Weiß erklärt die Änderungen und ihre Gründe. Der 60-jährige gelernte Zeitungsjournalist und Jurist leitet das Programm von SWR 2 seit 2007.
Herr Weiß, Sie krempeln SWR 2 – vor allem am Samstag – kräftig um. Warum?
Weil sich die Hörgewohnheiten verändern. Machen wir uns nichts vor: Auch ein Kulturradio kann nicht mehr davon ausgehen, dass seine Hörer andächtig vor dem Apparat sitzen und konzentriert dem Programm lauschen. Wir sind immer noch zum Teil ein sogenanntes Einschaltradio, bei dem man Sendungen gezielt einschaltet. Aber zu bestimmten Zeiten ist auch ein Kulturradio ein Nebenbei-Medium, das man im Autoradio oder bei der Hausarbeit hört. Am Samstagnachmittag war unser Programm bislang in viele kleine Kästchen eingeteilt, die kaum etwas miteinander zu tun hatten. Da gab es Musik und Literatur aus dem Land, Neues vom Klassikmarkt und das Kinderradio „Spielraum“. Wenn Sie so wollen, haben wir da jetzt etwas aufgeräumt und führen ein neues, dreistündiges Magazin ein.

Also was zum Durchhören?
Ich sehe mich nicht als Wellenchef, und das Programm von SWR 2 ist keine Welle, die durch den Tag schwappt. Aber wir dürfen uns nicht den Erkenntnissen der Medienforschung verschließen, dass wir zu bestimmten Zeiten eben doch nebenbei gehört werden. Es muss unser Ziel sein, unsere Zielgruppe so gut wie möglich anzusprechen. Zu dieser Zielgruppe gehören sowohl die traditionellen Kulturinteressierten, die zwar nicht primär an ein Alter gebunden sind, die aber doch häufig der älteren Generation angehören. Hier ist das Interesse an der sogenannten Hochkultur besonders ausgeprägt. Und dann gibt es die modernen Kulturinteressierten, die in der Regel etwas jünger sind und mitten im Beruf stehen. Diese Gruppe ist generell offener für Phänomene der Alltags- und Populärkultur. Und genau diese beiden Ebenen – Hochkultur und Populärkultur – wollen wir in dem neuen Magazin am Samstagnachmittag zusammenführen. Ein ähnlicher Gedanke stand übrigens schon für die Sendung „Matinee“ Pate, die am Sonntagvormittag ausgestrahlt wird.

Was packen Sie in das neue Magazin rein?
Zum Beispiel wird Professor Udo Dahmen, der künstlerische Direktor der Popakademie in Mannheim, jede Woche in einem Interview unter der Rubrik „Erklär mir Pop“ Anmerkungen zur Popkultur, vor allem zur Popmusik machen und dabei jeweils verschiedene Aspekte beleuchten. Übrigens ist ja Pop schon längst nicht mehr eine Angelegenheit nur der jüngeren Generation. Altersforscher prophezeien, dass bald die ersten Stones-Poster über den Pflegebetten im Altenheim hängen werden. Popkultur und Popmusik lassen sich heute gar nicht mehr ganz strikt von dem trennen, was wir Hochkultur nennen – zumal alle Kulturbegriffe natürlich sehr interpretationsbedürftig sind. Ein Kulturradio wie SWR 2 darf sich nicht nur auf die Hochkultur beschränken, wie immer wir diesen Begriff definieren. Außerdem werden wir am Samstagnachmittag im „Hausbesuch“ Künstler aus dem Sendegebiet vorstellen; wir werden uns fragen „Wie entsteht Lyrik?“; wir besuchen kleine Museen und Kulturstätten, die im aktuellen Programm unbeachtet bleiben; wir beschäftigen uns mit dem „Wort der Woche“ und den unterschiedlichsten Phänomenen der Alltagskultur.

Es wird eine Mischung aus Musik und Wort geben . . .
. . . ja, und darauf freue ich mich besonders, hier arbeiten die Redaktionen der Abteilung „Kulturelles Wort“ und die Musikabteilung ganz eng zusammen. Zwei Musikredakteure werden für die Mischung aus Klassik, Jazz und Weltmusik verantwortlich sein, die das Magazin am Samstag prägen wird.

Der Musikredaktion steht auch mit der werktäglichen Sendung „SWR 2 Cluster“ eine Umstellung bevor. Wollen Sie die ausgeprägten Profile der bisherigen Musiksendungen zwischen 15.05 und 16 Uhr durch einen Einheitsbrei ersetzen?
Keineswegs. Der Wunsch, mehr Einheitlichkeit zu schaffen, stammt vielmehr aus der Musikabteilung selbst. Wir haben hier hoch qualifizierte Musikredakteure – jeder von denen könnte vermutlich eine Professur an der Musikhochschule übernehmen. Aber sie sind eben auch hoch spezialisiert. Für den Hörer waren die einzelnen Sendungen am Nachmittag in ihrer Heterogenität zuweilen verwirrend. Selbst ich hatte nicht immer im Kopf, ob nun an einem bestimmten Tag „SWR 2 Thema Musik“ oder „SWR 2 Jazztime“ läuft. Mit der Sendung „Cluster“ zeigen wir jeden Tag die Vielfalt der Musikszene, in Berichten, Interviews, Servicestücken und Reportagen. Der Titel ist mit Bedacht gewählt. In der Musik bedeutet Cluster, dass Töne und Zwischentöne gemeinsam erklingen. Das kann Wohlklang erzeugen, kann aber auch irritierend, auf jeden Fall aber immer anregend wirken. Dass es sich allerdings beim künftigen Sendeschema nicht um eine Verflachung handelt, sehen sie schon an der neuen „Klanginsel“. Für jeden Tag wird eine fünfzehnminütige Klangcollage mit Musik über die Stile und Jahrhunderte hinweg extra produziert.

„Cluster“ ist kein Ergebnis des Spardrucks?
Nein. Aber Sie haben natürlich recht. Ein Teil der Programmreform ist darauf zurückzuführen, dass wir bis zum Jahr 2020 ein Viertel unseres Budgets einsparen müssen. Deshalb haben wir das samstägliche einstündige Landesfeature ersatzlos gestrichen. Ursprünglich entstanden hierbei Kosten von mehr als 200 000 Euro im Jahr. Ich glaube, dass bei dieser Sendung finanzieller Aufwand und der Ertrag für den Hörer und das Programm – die Sendung lief Samstag nachts nach 22 Uhr - in keinem sinnvollen Verhältnis standen. Wir werden natürlich auch weiterhin viele Features aus dem Sendegebiet bringen – aber nicht mehr auf einem eigens dafür reservierten Sendeplatz.

Dem Spardruck fällt vor allem das Kinderprogramm zum Opfer.
So würde ich das nicht sagen. Richtig ist aber, dass wir auch hier sparen. Wir haben zum Beispiel die Stelle der Leiterin des Kinderfunks nicht wieder besetzt, nachdem die bisherige Leiterin in den Ruhestand gegangen ist. Es wird keinen einstündigen Kinderfunk am Samstag mehr geben, sondern nur noch 20 Minuten. Aber: auf diesem neuen Sendeplatz des „Spielraums“ werden wir künftig jede Woche eine viertelstündige Erzählung für Kinder senden, die von renommierten Autoren eigens für uns verfasst wird. Zu diesen Autoren werden etwa Heinrich Steinfest, Juli Zeh und Paul Maar gehören.

Machen Sie damit dem Kinderhörspiel den Garaus?
Nein, es wird weiterhin die Kinderhörspiele geben wie bisher. Allerdings auf einem festen Sendeplatz, nämlich an Feiertagen von 14.05 bis 15 Uhr. Zu den Hohen Feiertagen, nämlich zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten, bringen wir sogar Mehrteiler. Sehen Sie: Welche Eltern und Kinder hatten bisher jede Woche nachgeschaut, ob es im „Spielraum“ ein Kinderhörspiel gibt? Durch die Feiertags-Regel herrscht künftig Klarheit.

Die Kindernachrichten „Minitz“ mussten aber dran glauben. Die werden sicherlich viele Kinder vermissen.
Mag sein, ich hoffe nicht. Zumal ich aus eigener Erfahrung sagen muss: Als Erwachsener habe ich als Hörer eines Programms, das dem Kinderfunk ja nur eine Nische zubilligt, zwar die Stunde Kinderfunk am Samstag immer wieder gern gehört. Aber mit den Nachrichten für Kinder um 16 Uhr habe ich mich, offen gestanden, immer schwer getan. Dabei kenne ich als Programmchef das SWR 2-Schema natürlich in- und auswendig. Und doch bin ich immer wieder von den Kindernachrichten überrascht und irritiert worden – weil ich Nachrichten für Erwachsene erwartet hatte.

Sollte es dann nicht einen eigenen Kinderhörfunkkanal geben?
Das wäre ideal. Aber die ARD darf im Hörfunk kein bundesweites Programm anbieten, wie sie das mit dem Kinderkanal im Fernsehen tut. Für bundesweites Radio ist das Deutschlandradio zuständig. Wir prüfen aber zurzeit, ob wir den hervorragenden Kinderradiokanal des WDR in unserem Sendegebiet digital zugänglich machen können. Der Saarländische Rundfunk tut das. Ideal wäre natürlich, wir könnten unsere Erzählungen und Hörspiele in diesen WDR-Kinderkanal integrieren.
Zweite, erweiterte und autorisierte Fassung vom 09. Januar 2013
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2 KommentareKommentar schreiben

Jeder Sportart ihre Ligen, oder?: Um im Bilde zu bleiben: Bach spielte bereits in einer Liga mit Jesus, als es die Beatles in Sachen Popularität noch nicht mit jenem aufnehmen konnten. Oder die erwähnten (Rolling) Stones. Oder Madonna. Wessen Auf- oder Abstieg haben wir Hörer denn da verpasst? Will sagen: zur Provokation der Überschrift liefert das Gespräch selbst leider keine ausreichende Erklärung. Es sei denn, sie wäre einfach hochtrabende Umschreibung von 'Musik ist Musik'. Wir können nur hoffen, dass das Kulturradio auch weiterhin differenzieren helfen wird - und nicht lediglich, so die Schlagworte: - zusammenführen, mischen und collagieren.

Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß: Ein Beispiel für Qualitätsjournalismus, besonders beeindruckend die Verbindung zum Bild. Analyse ohne Zynismus und so noch stärker in der gesellschaftlicher Fragestellung, durch Feststellung und feine Ironie. Ein Foto mit Anspruch,das dem Text angemessen ist, ohne selbst in fotografische Klischees zu zu tappen.

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