ExklusivInterview über Prostitution „Wir werden uns später einmal schämen“

Von  

Die Regierung ringt um ein Gesetz zur Eindämmung von Zwangs- und Armutsprostitution. Leni Breymaier, SPD-Vize und Verdi-Chefin im Südwesten, verlangt ein Verbot des Sexkaufs. Damit geht sie weiter als ihre Partei.

SPD-Landesvize und Verdi-Landesleiterin Leni Breymaier fordert striktere Maßnahmen gegen Zwangs- und Armutsprostitution. Foto: dpa
SPD-Landesvize und Verdi-Landesleiterin Leni Breymaier fordert striktere Maßnahmen gegen Zwangs- und Armutsprostitution.Foto: dpa
Stuttgart - Frau Breymaier, Sie haben die Initiative von Alice Schwarzer zur Abschaffung der Prostitution unterzeichnet. Sehen Sie sich als Mitstreiterin?
Alice Schwarzer betreibt das Thema seit vielen Jahren – ich bin da eher ein kleines Licht, eine Unterstützerin.
Glauben Sie, dass diese Diskussion auch im Bewusstsein vieler Männer schon etwas bewirkt hat?
Die Debatte hat in Teile der Gesellschaft hineingewirkt – ein ganzes Stück weit auch in die Politik. Man hat hingeschaut: Was ist passiert seit 2002? Und die Frage, bist du dafür oder dagegen, wird gestellt und diskutiert. Das war ja vorher nicht so.
Würden Sie den Sexkauf wie in Schweden generell verbieten und Freier bestrafen wollen?
Ich würde mich für das schwedische Modell entscheiden, weil wir heute kaum unterscheiden können, wer Zwangsprostituierte ist und wer nicht.
Wird dies jemals durchsetzbar sein in einem Land mit dem vielleicht liberalsten Gesetz in Europa?
Das ist ja ein Teil des Problems. Allein die öffentliche Diskussion in Frankreich hat die Franzosen über die Grenze zu uns getrieben. Wir Deutsche sind ja in Gleichstellungsfragen selten die Spitze der Bewegung gewesen – alles, was da passiert ist, kam aus Europa. Insofern glaube ich schon, dass wir das irgendwann hinkriegen. Es wird aber länger dauern, als ich es mir wünsche. Ich ging immer davon aus, gute Argumente zu haben und merke nun, dass mein Links-Rechts-Schema ausgehebelt ist. Bei dem Thema ist nichts verlässlich. Da gibt es die wildesten Diskussionen mit Leuten, die sonst zu 80 Prozent meiner Meinung sind und mir nun überhöhte Moral vorwerfen. Mir geht es nicht um Moral, sondern um Menschenrechte. Wir werden uns später im Rückblick einmal schämen, dass wir zugelassen haben, wie schlecht die Frauen behandelt werden.
Das Bedürfnis nach Prostitution ist Jahrtausende alt.
Ich glaube nicht, dass es ein Bedürfnis nach Ausbeutung von Frauen geben darf.
Ist Verkauf von Sex immer gleich Ausbeutung?
Inzwischen ist es überwiegend Ausbeutung: körperlich und seelisch. Die wenigen Frauen, die von Talkshow zu Talkshow tingeln und sagen, wie schön dieser Beruf doch sei, zeichnen eine Kunstwelt. Ich habe noch keine einzige getroffen, der das Spaß macht. Das sind auch Männerfantasien. Und was ist das für eine Gesellschaft, in der ein Geschlecht das andere kaufen kann? Das Frauenbild hat durch die Legalisierung seit 2002 großen Schaden genommen.
  Artikel teilen
30 Kommentare Kommentar schreiben

Blinde diskutieren über Farben...: Die Idee Paysex verbieten zu wollen kommt mir vor, als hätte jemand herausgefunden, dass in schmuddeligen Hinterhöfen Autos verkauft werden, bei denen es sich um umfrisierte Diebesware handelt und man nun sicherheitshalber den Autohandel verbieten möchte. Was spricht dagegen, das zwei Erwachsene untereinander eine Dienstleistung gegen Geld tauschen - bei einer Massage ist das nichts anderes, denn im Bordell kauft mann weder LIEBE noch FRAUEN! Ganz wie bei der (medizinischen) Massage kaufe ich ZEIT, die ich gemeinsam mit der Dienstleisterin verbringe. Was dabei im gegenseitigen Einverständnis passiert kann - wenn die Chemie stimmt (das ist genau wie "draussen") - sehr oft eine zärtliche, verschmuste, leidenschaftliche, alberne, wilde, erfüllende Session werden, bei der beide auf ihre Kosten kommen. In den letzten 10+ Jahren hatte ich (mit EInverständnis meiner Frau) Sex mit rund 1.000 Prostituierten. Dabei ist mir keine Einzige begegnet, erkennbar zu ihrer Tätigkeit gezwungen wurde. Von vielen Dienstleisterinnen kenne ich die persönlichen Lebensumstände, bin mit ihnen über Facebook befreundet, weiss welches Auto sie fahren und wo sie privat wohnen. Nach meinen Beobachtungen haben wir es gerade beim großen Teil der angeblich "Zwangsprostituierten" aus Rumänien und Bulgarien vielmehr mit "Bequemlichkeitsprostitution" zu tun, denn "warum soll ich einen ganzen Monat in Rumänien an der Kasse sitzen, wenn ich hier an einem Tag schon mehr verdiene?" habe ich oft gehört. Leider fängt für Alice Schwarzer und ihre Kampfgenossinnen ja der "Zwang" bereits damit an "Geld verdienen zu müssen" - aber auch ich gehe nicht ins Büro weil mir langweilig ist! Natürlich sind die Arbeitsbedingungen der Damen nicht überall gleich, aber leider wird beim Thema Prostitution ja grundsätzlich alles in einen Topf geworfen: Strassenstrich, Laufhäuser, Modellwohnungen, FKK- und Saunaclubs, Nachtbars, illegale Hinterhof-Bordelle usw. Wer's sich sachlich informieren möchte, sollte mal "Wir sehen uns im Puff!" lesen (Amazon) - dort sind die verschiedenen Geschäftsmodelle der Branche ausführlich beschrieben - und auch das "warum gehen Männer" und "welche Männer sind das eigentlich" kommt nicht zu kurz...

„Wir werden uns später einmal schämen“: … weil wir heute kaum unterscheiden können, wer Zwangsprostituierte ist und wer nicht. Diesen Halbsatz von Frau Breymaier verstehe wer will, ich nicht. Für mich als normal denkender und empfindender Mann handelt es sich eindeutig um Zwangsprostitution wenn: Eine Prostituierte mehr als 40 Stunden in der Woche arbeitet. Sie auch an Sonn - und Feiertagen ihrer Tätigkeit nachgeht. Die Arbeitszeit vom frühen Morgen bis über Mitternacht hinaus andauert Es so was wie einen Sicherheitsdienst gibt. Die Räumlichkeiten nicht bestimmten genau festzulegenden Anforderungen entsprechen. Die hygienischen Verhältnisse darüber hinaus ungenügend sind. Keine besonderen Ruheräume vorhanden sind. Es keine Möglichkeit gibt sich ein Essen zuzubereiten. Die Prostituierte Alkohol im Blut hat. Sie irgendwelche Drogen nimmt. Keine Kondome verwendet werden. Es während der Menstruationsphase zu Geschlechtsverkehr kommt. Die Prostituierte nicht über die geldlichen Mittel verfügt die zu erwarten wären. Sie keinen festen eigenen Wohnsitz in der Bundesrepublik hat. Die Prostituierte keine Krankenversicherung hat. Die Prostituierte sich nicht sofort ausweisen kann. Der für die angebotene Dienstleistung geforderte Betrag zu gering erscheint. Die Prostituierte mehr anbietet als den reinen GV. Bestimmt gibt es noch viel mehr Fälle, bei denen man von ZP sprechen kann.

Prostitution: Dass wir uns einmal schämen werden, weil eine immer größere Zahl von Frauen unter unglaublichen Umständen ihre Haut zu Markte trägt, davor kann man die Augen ja wirklich nicht verschließen. Vor allem als Folge des Prostitutionsgesetzes von 2002 sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen für viele der im Milieu arbeitenden Frauen immer schlimmer geworden. Das bedeutet aber doch gerade nicht, dass man jetzt mit einem radikalen Verbot ein gesellschaftliches Phänomen beseitigen könnte, das ja wirklich uralt ist. Ein radikales Verbot wie in Schweden würde gerade die schlimmsten Seiten des Milieus weiter fördern - und die Orte verbrennen, an denen Frauen selbstbestimmt und unter fairen Bedingungen erotische Begegnungen anbieten können. Was wirklich abgeht in der Szene, was verändert werden sollte und wie die Zusammenhänge sind - auch die der einnehmenden Rolle des Staates, wird sehr gut und nachvollziehbar im neuen Buch des Unnaer Nachtclubbetreibers Achim Megger ("Im Schatten der Schönen") geschildert. Bitte unbedingt lesen!

Angebot und nachfrage, das ist doch ganz einfach: Wie kommen Sie darauf, dass das mit Gewalt zu tun hat, wenn eine erwachsene Frau in einem von staatlichen Behörden kontrollierten Etablissement freiwillig ihren Körper verkauft ? Weil es diese Fälle gibt, ist also das ganze Gewerbe ein Gewaltgewerbe ? Hat irgend eine der Diskutantinnen sich mal Gedanken gemacht über Bauarbeiter, die hier bei 30% Hitze oder bei unter Null Grad 6 Tage die Woche schuften, damit vermögende Herrschaften ihr Erbe, für das sie nichts können, in sichere Immobilien investieren können. Ich habe noch niemanden darüber hier philosophieren gehört, wie unmenschlich und gewaltvoll das vor sich geht. Hat sich eine der Damen schon mal mit so einem Bauarbeiter aus Portugal oder Polen unterhalten, ob ihm seine Arbeit gefällt und ob er zufrieden mit seinem Leben ist ? Der Mann arbeitet freiwillig hier und will so schnell wie möglich etwas Geld verdienen. Er beschwert sich nicht. Ob er nach unseren Maßstäben ausgebeutet wird oder nicht, interessiert ihn nicht. Er will Kohle verdienen, weil er ein Ziel verfolgt. Niemad zwingt ihn dazu. Er könnte sich genaus so gut eine körperlich leichtere Arbeit suchen. Und das muß respektiert werden. Unter der Voraussetzung natürlich, dass alles unter Beachtung unserer Gesetze von statten geht. Verehrte Damen, Sie werden diese Welt nicht besser machen als sie ist.

Das Phänomen Prostitution ?: Natürlich gibt es endlose Variationen der Prostitution - einige Prostituierte müssen nur wenige Sexkäufer im Monat bedienen(vielleicht in einem noblen Hotel),während andere gezwungen sind, jede Nacht 15 Männer, in einem, von einem Menschenhändler geführten, schäbigen Puff, zu empfangen.Dazwischen gibt es zahlreiche Varianten. Tatsache ist, dass, das Ausmaß und der Zwang variieren, aber nicht das Phänomen selbst.Prostitution basiert immer darauf, dass jemand sich Zugang zum Körper eines anderen Menschen kauft, um diesen sexuell zu benutzen. Prostitution besteht immer in der Erwartung, dass die Prostituierte, die den Sexkäufer bedient, keinen Sex mit ihm haben möchte, sonst wäre er nämlich kostenlos. Der Käufer zwingt seine eigene Sexualität einem anderen Menschen auf. Er kauft sich frei von jeder Verantwortung.Unter anderen Umständen würde, dieses Verhalten als Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung bezeichnet.Natürlich steckt dahinter die Idee, dass Geld diese sexuelle Unterdrückung in sogenannte " Sexarbeit" verwandeln würde. Aber wie können, die selben sexualisierten Handlungen, die normalerweise vom Gesetz, als sexuelle Gewalt und Nötigung bestraft werden, plötzlich, durch Geld geadelt, als Arbeitverhältnis definiert werden?

dazu ein paar anmerkungen: stimmt, eine prostituierte möchte keinen kostenlosen sex mit dem freier. sie möchte schließlich geld damit verdienen. der freier zwingt der prostituierten den sex nicht auf. sie kann ja immerhin nein sagen, sie muss ja nicht in diesem job arbeiten. ich gehe jetzt grundsätzlich von frauen (und männern) aus die das freiwillig machen um geld zu verdienen. wenn ein mann zu einer prostituierten geht weiß er, dass sie ihren körper anbietet. für geld. warum soll das sexuelle gewalt und nötigung sein? ich gehe in einen discounter und kaufe lebensmittel. die frau an der kasse möchte nicht, dass ich die lebensmittel mitnehme, sonst würde sie mir diese ja umsonst geben, aber mit geld nötige ich sie dazu mir die lebensmittel auszuhändigen.

"Freie" Entscheidung ?: Ich finde uninformiertes Gerede von der freien Wahl und der glücklichen Hure unerträglich. Die freie Entscheidung zur Prostitution, ist für die meisten Frauen eine genauso frei Entscheidung wie die zur Armut, auch in einem Land wie Deutschland. Zudem belegen Studien, dass über 80% in der Prostitution benutzten Frauen, als Kinder missbraucht wurden. Das Eintrittsalter liegt im Durchschnitt bei 14 Jahren.Sie sollten sich grundsätzlich fragen, wessen Recht sie hier verteidigen.Das der Frau sich zu prostituieren, oder das des Mannes sich sexuelle Befriedigung auf Kosten der Frau zu kaufen. Sind Sie der Meinung, dass wir in unserer Gesellschaft alles kaufen und verkaufen sollten, was kommerzialisierbar ist ? Würden es ihnen gefallen, wenn ihre Vagina den gleichen Stellenwert bekommt wie eine Dose Ravioli ? Weibliche Sexualität beschränkt sich nicht darin Männer zu befriedigen - auch wenn eine prostituierte Frau ihrem Sexkäufer das Glauben machen will (und muss). Guter Sex zu gleichen Bedingungen beruht auf wechselseitiger Lust, egal ob mit einem Fremden oder mit dem Partner, mit dem sie seit 30 Jahren zusammenleben. Prostitution beschränkt sich ausschließlich auf den "Sex" den der Mann bestellt und für den er bezahlt - ganz egal, wer die Frau ist oder was sie möchte oder nicht möchte.Genau in dieser Objektivizierung der Frau liegt das Problem. Prostitution ist sexueller Missbrauch, meistens von Männern gegen Frauen. Als Frau und Menschenrechtlerin lehne ich das entschieden ab.

aber eines noch frau wisseroth: dieser artikel wird balkd verschwinden in den weiten der stuttgarter zeitung. ich würde dieses thema gerne weiterdiskutieren. können sie mir ein oder zwei foren nennen bei denen man diskutieren kann? ehrlich und fair?

Fehlanzeige: Damit kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Foren zu dem Thema sind mir nicht bekannt. Es gibt Netzseiten, die informieren und in das Thema einführen,wie Solwodi.de (Solidarity with women in distress) oder die Störenfriedas.de und natürlich Bücher. Sollten Sie des Englischen mächtig sein empfehle ich das Buch der schwedischen Journalistin Kajsa Ekis Ekman "Being and Being Bought".Es ist hervorragend recherchiert. Viel Erfolg bei der Suche.

das dachte ich mir: einseitige informationen und diskussionen sind nicht erwünscht. denn sie sind die guten und wer anders denkt gehört automatisch nicht zu den guten.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.