Interview „Wir haben eigentlich ein Luxusproblem“

Von Klaus Nonnenmacher 

Die Eislinger CDU will den Bau des Hirschkreisels hintan stellen. Der Oberbürgermeister Klaus Heininger sieht das anders und sagt: Zwei Millionen Euro pro Jahr für die Stadtentwicklung müssen drin sein.

Die Unterführung an der Hirschkreuzung kostet viel Platz. Foto:  
Die Unterführung an der Hirschkreuzung kostet viel Platz.Foto:  
Eislingen - In Eislingen geht die Stadtplanung mit Riesenschritten voran. Ein umfangreicher Aufgabenkatalog ist erarbeitet worden, der nicht nur eine neue Mitte beinhaltet oder die Entwicklung des Areals an der Lutherkirche, sondern auch den Rückbau der alten B 10. Allein für den Neubau des Rathauses, der sich wegen eines Rechtsstreits mit Anliegern verzögert, sind Kosten in Höhe von mehr als elf Millionen Euro veranschlagt. Für die weiteren Pläne wie den Bau der Mühlbachtrasse, den Abriss der heutigen Straßenüberführung, das Quartier an der Lutherkirche und mehr summieren sich die nötigen Investitionen nach heutigem Stand auf 28 Millionen Euro. Jetzt hat die CDU vorgeschlagen, den Bau der Mühlbachtrasse als neue Nord-Süd-Verbindung vorzuziehen. Der Eislinger OB Klaus Heininger plädiert dafür, die ursprüngliche Reihenfolge beizubehalten.
Herr Heininger, eigentlich soll als Nächstes der Kreisverkehr an der Stuttgarter zur Mühlbachstraße gebaut werden und dann der Umbau der Hirschkreuzung folgen. Die CDU-Fraktion möchte gerne die Mühlbachtrasse direkt weiterbauen.
Es ist sicher legitim, die Prioritäten in der Stadtentwicklung immer wieder zu hinterfragen. Aber wir müssen realistisch bleiben. Für die Mühlbachtrasse benötigen wir ein Planfeststellungsverfahren, und damit wird der Bau dieser wichtigen neuen Nord-Süd-Verbindung in der Stadtmitte sicher nicht in den nächsten fünf Jahren möglich sein. In dieser Zeit würden wir aber die weitere Entwicklung entlang der alten B 10 hintanstellen. Dort verfolgen wir ja ein Gesamtkonzept, dass von der Einmündung der Mühlbachstraße im Westen bis zum neuen Polizeirevier an der Beundstraße im Osten reicht.
Dort stehen wichtige Projekte bevor.
In diesem Bereich wollen wir dringend wieder dem Wohnen Vorrang geben. Jahrzehntelang war das Quartier vom Durchgangsverkehr geplagt. Mit dem Umbau der Kreuzungen zu Kreiseln soll eine Verkehrsberuhigung erreicht werden und dem motorisierten Verkehr signalisiert werden, dass dort die Stadtmitte beginnt. Wir haben noch zu viele Gewohnheitsfahrer auf der alten B 10. Durch den gezielten Rückbau wollen wir mehr Autofahrer und vor allem Lastwagen dazu bewegen, die Tangenten zu nutzen. Mit der Entscheidung, wie der Kreisverkehr aussehen soll, stecken wir den städtebaulichen Rahmen für alle weiteren Entwicklungen ab, was gerade für das Areal an der Lutherkirche direkt an der Hirschkreuzung entscheidend ist. Das alles wollen wir nicht blockieren.
Noch ist es strittig, ob man die bestehende Unterführung für Fußgänger und Radler an der Hirschkreuzung durch normale Überwege und einen kreisumlaufenden Radweg ersetzen kann. Wie sehen Sie das?
Der Kompromiss, die Unterführung für die Radfahrer beizubehalten und deshalb einen kleineren Kreisverkehr zu bauen, bietet nur eine Scheinsicherheit. Ein Praxisbeispiel aus Friedrichshafen zeigt, dass die dort beibehaltene Unterführung nach Inbetriebnahme des Kreisverkehrs nicht mehr genutzt wurde. Die vornehmlich jugendlichen Radfahrer werden den kürzesten Weg über den Kreisverkehr nehmen. Deshalb müssen wir einen kreisumlaufenden Radweg einrichten – dies bietet, auch nach Aussagen aller Experten, die größte Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer.
Die CDU-Fraktion hat vielleicht auch im Hinterkopf, dass nach dem Umbau der Hirschkreuzung und dem Neubau des Rathauses die Mühlbachtrasse für längere Zeit nicht finanzierbar ist?
Ich denke, es geht eher darum, das Quartier rund ums neue Rathaus mit der Mühlbachstraße ganz fertig zu stellen. Dann wären die Verkehrsströme so, dass man die weiteren Sanierungsschwerpunkte danach ausrichten könnte.
Einige Räte mahnen, dass man nicht alle Projekte zeitnah stemmen wird, die für die Vision Eislingen 2030 angedacht sind, insbesondere nicht den Bau der Mühlbachtrasse mit dem Abriss der Überführung.
Die Erfahrung zeigt, Stadtentwicklung braucht einen langen Atem! Aber selbst wenn man Preissteigerungen einrechnet, sind wir bei einem Zeitraum von 20 Jahren bei Investitionskosten von rund zwei Millionen Euro pro Jahr. Dies muss eine Große Kreisstadt für die Stadtentwicklung in jedem Fall aufbringen. Das sollte bei einem Haushaltsvolumen von 50 Millionen Euro pro Jahr auch in Eislingen drin sein. Außerdem erhalten wir hierfür nicht unerhebliche Zuschüsse vom Land. Wir haben eigentlich ein Luxusproblem. Während viele Kommunen nicht wissen, was in der Stadtentwicklung als Nächstes angepackt werden soll, ist bei uns der Maßnahmenkatalog rappelvoll. Dass sich das nicht alles von heute auf morgen umsetzen lässt, versteht sich doch von selbst. Deshalb sollten wir aber nicht ganze Quartiere von der weiteren Entwicklung einfach abhängen.
Wie sollte es also Ihrer Ansicht nach mit der Umsetzung weitergehen?
Ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr eine Entscheidung über die Gestaltung des künftigen Hirschkreisverkehrs bekommen. Dazu wollen wir auch noch die Eltern mit ins Boot holen, deren Kinder auf ihrem Schulweg die alte B 10 queren müssen. Im kommenden Jahr werden wir dann erst den Mühlbachkreisel und voraussichtlich im Jahr 2016 den Hirschkreisel an der bis dahin noch zentralen Kreuzung der alten B 10 bauen können.