Islamdebatte Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Von Sibylle Thelen 

Zuspitzungen prägen die Diskussion über den Islam seit Sarrazin – ein neues  Buch will der Versachlichung dienen.

Thilo Sarrazins Buch hat Spuren hinterlassen. Foto: dpa
Thilo Sarrazins Buch hat Spuren hinterlassen.Foto: dpa

Stuttgart - Die aktuelle Absatzzahl von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ liegt bei 1,25 Millionen Exemplaren, das lässt sich leicht feststellen. Wie aber wirkt sich ein politisches Sachbuch aus, das innerhalb eines halben Jahres so oft verkauft worden ist wie kein anderes zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte? Diese Frage wiederum ist nicht so einfach zu beantworten. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) versucht sich in einer Antwort: „Die Sarrazin-Debatte hat in der Einwanderungsgesellschaft Spuren hinterlassen“, erklärte sein Vorsitzender, der Migrationsforscher Klaus J. Bade, kürzlich. Sie trübe die Zuversicht bei Zuwanderern in Deutschland.

Die Organisation präsentierte zwei Befragungen von mehr als zweitausend Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die eine wurde im Herbst 2009 gemacht, ein Jahr vor dem Aufruhr über das Buch, die andere Ende 2010, als sich die Debatte längst aufgeschaukelt hatte. Beim Vergleich zeigt sich ein deutlicher Unterschied. 2009 vertraten 21,7 Prozent der befragten Zuwanderer „voll und ganz“ die Ansicht, dass die Mehrheits- und die Zuwandererbevölkerung „ungestört miteinander“ leben. 2010 sagten das nur noch 9,1 Prozent. Anders fiel die Antwort in der Mehrheitsbevölkerung aus: Mehr Bürger sprachen nun von einem „teils ungestörten, teils problematischen“ Zusammenleben. Zugleich nahm der Anteil derjenigen ab, in deren Augen das Miteinander gar nicht funktioniert.

Bade interpretiert die Daten: „In den Meinungsspitzen beobachten wir mehr Pessimismus bei den Zuwanderern und mehr Pragmatismus bei den Deutschen. Aber das breite Mittelfeld bleibt auf beiden Seiten eher gelassen.“ Das sei am wichtigsten, urteilt der Forscher, der seit langem für eine pragmatische Integrationspolitik wirbt. Im Jahresgutachten vom März 2010 war gar von „Integrationsoptimismus auf beiden Seiten“ die Rede gewesen: Die Ergebnisse „zeigen, dass die Zuwanderungsbevölkerung der Mehrheitsbevölkerung und die Mehrheitsbevölkerung sich selbst in weit höherem Maße integrationspolitisch aktives Engagement bescheinigen, als in der öffentlichen Debatte üblicherweise dargestellt wird“ – so wie bald darauf dank „Deutschland schafft sich ab“.

FAZ-Feuilletonchef ist den Argumenten der Islamkritiker nachgegangen

Mit 20.000 Exemplaren ist nun ein Sachbuch an den Start gegangen, dem man mindestens so viel Erfolg wie dem Sarrazin’schen wünschen möchte: Es heißt „Die Panikmacher“. Geschrieben hat es der Feuilletonchef der FAZ, Patrick Bahners, der den Argumenten der Islamkritiker à la Sarrazin nachgegangen ist. „Streitschrift“ nennt er seine akribische Recherche, wohl um die aufbereiteten Fakten immer mal wieder mit Kritik, Ironie und Sarkasmus garnieren zu dürfen. Im Grunde aber handelt es sich um Beweisführung: Wie arbeitet die Islamkritik?

Offenkundig mit Tatsachenverdrehungen. Was bewirkt die Islamkritik in der Politik? Unüberhörbar eine Anpassung der Wortwahl. Und wohin führt die Islamkritik? Sie führe, fasst Bahners auf Nachfrage zusammen, „in einen Alltag, in dem man nur noch das toleriert, mit dem man übereinstimmt“.

Für Bahners ist die Islamkritik ein „System von Sätzen, aber nicht bloß ein logisches Gebilde, sondern zugleich eine Ballung von Stimmungen, ein System von Ressentiments“. Er zeigt auf, dass es von der radikalen Vereinfachung und der dramatischen Zuspitzung lebt, von der Notwehrbehauptung, mit der sich bei Bedarf auch das Aushebeln von Freiheitsrechten rechtfertigen lässt, und von der Abschaffung angeblich existierender oder vermeintlich unverständlicher Tabus. Wie von selbst fügt sich dieses System in einen Sozialdarwinismus, wie ihn Sarrazin propagiert. Dieser habe, so der Journalist, das Bedürfnis der Gutsituierten entfesselt, von den Schlechtsituierten schlecht zu reden. Mit Folgen: „Einer der unerfreulichsten Aspekte der Islamkritik ist die Polemik gegen staatliche Aufwendungen zur Förderung von Integrationsbemühungen.“