„Johanna“ am Staatstheater Feministische Keimzelle

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In der Spielstätte Nord rufen Schauspielerinnen mit dem Stück „Johanna“ zum Protest auf.

Die fünf Darstellerinnen Débora Vilchez, Manja Kuhl, Rahel Ohm, Marietta Meguid und Sabrina Schray (von links) setzten „Johanna“ um. Foto: Julian Marbach
Die fünf Darstellerinnen Débora Vilchez, Manja Kuhl, Rahel Ohm, Marietta Meguid und Sabrina Schray (von links) setzten „Johanna“ um. Foto: Julian Marbach

Stuttgart - Sie hat Stimmen gehört. Botschaften, die sie ermahnen, aufzubegehren, sich aufzumachen, um ihr Land zu retten. Nicht Männerliebe soll ihr Herz berühren, kein lieblich Kind an ihrer Brust blühen. „Mit Stahl bedeckt“ und in heiliger Mission zieht Johanna von Arc in den Krieg für ihr Land. Ganz nebenbei verweigert sie sich damit auch allen Rollenbildern, die ihr als Frau zugeschrieben werden. Nicht Mutter, nicht Geliebte will sie sein – und wird sich schließlich doch in einen Mann verlieben, noch dazu aus dem feindlichen Lager.

Das Schauspiel Stuttgart hat sich den Stoff der Jeanne d’Arc nun vorgenommen für eine düstere, feministische Performance im Nord. „Johanna“ ist die erste größere Bühnenproduktion der beiden Schauspielerinnen Manja Kuhl und Sabrina Schray, und die Unterzeile lässt ahnen: Ihre Ambitionen sind hoch. „Ein polyphoner Prozess“ will diese „Johanna“ sein, also mehrere Stimmen zum Klingen bringen. Da ist zum einen Schillers Stimme, von seiner „Jungfrau von Orleans“ wurden einige Zitate übernommen. Auch Szenen aus „Johanna“-Verfilmungen werden gezeigt.

Vor allem aber wollen die fünf Darstellerinnen die eigene Stimme erheben. „Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden“, skandieren sie aggressiv und sarkastisch. „Durch strengen Dienst muss sie geläutert werden“, singen sie wieder und wieder und schnalzen mit den Fingern. Das Publikum sitzt um eine große Scheibe herum, die mal zum Boxring wird, mal zum Pranger. Einmal steht Rahel Ohm als Johanna in ein riesiges Tuch gewickelt auf dem Teller, den die anderen Frauen drehen und drehen – und dazu bedeutungsschwer singen. „Das Wichtigste im Leben ist der Glaube an dich selbst“, heißt es dann wieder – und diese „Johanna“-Performance wirkt selbst, als wolle hier eine feministische Keimzelle den Staatstheaterbetrieb aufmischen.

Die Botschaft ist eigentlich klar

Künstlerisch kann die Produktion dennoch nicht überzeugen. Vieles bei diesem Stückwerk wirkt zufällig. Die Schauspielerinnen laufen durch den Raum und sprechen immer in andere Mikrofone. Stimmen überlagern sich, hier etwas auf Englisch, dann wieder das französische Kommando „Bouge-toi“ – beweg dich. Energisch traktiert die Musikerin Débora Vilchez die elektronische Percussion und begleitet das Geschehen mit harten Beats. Dazwischen klingt „Gimme Hope Jo’Anna“ an (auch wenn sich Eddy Grant nicht auf die Heilige Johanna bezog, sondern auf Johannesburg). Auch das, was die eigenen Stimmen verkünden, wirkt mitunter abgedroschen, etwa wenn Ohm sich fragt, was tun, um als Frau über fünfzig nicht „als alte, frustrierte Schachtel gelabelt“ zu werden. Oder wenn sie Männer zitiert mit dem Satz „Mädchen, du musst erst mal richtig durchgefickt werden, um zu wissen, was eine Frau ist.“

Die Botschaft ist klar: Letztlich will das Frauenteam dazu aufrufen, sich zu engagieren und aufzubegehren, um die Geschicke nicht den Männern und Mächtigen zu überlassen. „Dieses ganze System ist eine Schaukel“, heißt es – und die muss in die richtige Richtung wippen.

Am Schluss werden zahllose Mikrofone von der Decke abgeseilt – ein Appell, selbst die Stimme zu erheben, was gut gemeint und ehrenwert ist, als theatralisches Ereignis aber wenig differenziert.