Krimikolumne

John le Carré:„Der Spion, der aus der Kälte kam“ Tratschende Spione

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Ein authentischer Blick in die Welt der Spione auf beiden Seiten der einstigen Mauer? John le Carré streitet das seit 50 Jahren ab. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ hat trotzdem nichts an Spannung und Kolorit verloren.

Die Berliner Mauer war das Symbol des Kalten Krieges zwischen Ost und West.  „Der Spion, der aus der Kälte kam“ ist der Roman zur Blockteilung. Foto: dpa
Die Berliner Mauer war das Symbol des Kalten Krieges zwischen Ost und West. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ ist der Roman zur Blockteilung.Foto: dpa

Stuttgart - Bürotratsch kann eine ziemlich hässliche Sache sein. Man kennt das ja: hinter dem Rücken von Kollegen wird Zeug verbreitet, das halbwahr, wahr, unwahr oder schlicht bösartig ist. Gut vorstellbar, dass in einer Firma, in der alles vertraulich oder sogar streng geheim ist, Tratsch wie Efeu wuchert – in der Zentrale eines Geheimdienstes nämlich. 1963 hat John le Carré die Leser seines Spionageromans „Der Spion, der aus der Kälte kam“, einen scheinbar authentischen Blick in das Innere des englischen Secret Service werfen lassen, inklusive Bürotratsch, der dort sogar als strategisches Instrument benutzt wird.

Büro-Tristesse statt exotischer Schauplätze

Die Zentrale des Secret Service am Cambridge Circus in London beschreibt John le Carré als muffige Behörde voller Bürokratie, und deren Leiter namens Control wirkt wie ein vertrockneter Amtsleiter samt Strickjacke und Wassertopf auf der Heizung, um die Luft zu befeuchten. Nach den exotischen Schauplätzen und der Hightech-Zentrale eines James Bond, der ein Jahr zuvor erstmals auf der Leinwand einen Superschurken zur Strecke gebracht hatte, wirkte „der Circus“ weit realistischer, weil völlig unspektakulär. Bei Spionen geht es laut John le Carré genauso zu wie in anderen Büros, nur sind die Auswirkungen viel drastischer.

Da gibt es fähige und unfähige Kollegen, persönliche Animositäten und Pannen, die tunlichst vertuscht werden. Lieber lässt man einen Gegner entkommen, statt zu riskieren, dass die eigene Unfähigkeit durch ihn ans Licht kommt. In seinem Roman „Dame, König, As, Spion“ treibt der Autor das mit der bizarren Idee auf die Spitze, eine Weihnachtsfeier der Geheimdienstler zu beschreiben. Bei Punsch und Plätzchen machen die Büro-Agenten um Control munter weiter mit ihren Intrigen. Pausen kennen Spione nicht, sagt uns der Autor. Jeder Moment kann entscheidend sein, lieber Leser, pass also ganz genau auf.

Die frei erfundene Insider-Enthüllungsstory wird zum Bestseller

Da John le Carré 1963 Angehöriger des englischen Secret Service war, hatte sein erster Spionage-Thriller sofort den Ruf, die Wahrheit über die Welt der Geheimdienste zu beschreiben. Das hat er von Anfang an dementiert. Und damit genau das Gegenteil erreicht, wie er im lesenswerten Vorwort jener Ausgabe schreibt, die gerade zum 50. Jubiläum von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ in neuer Übersetzung bei Ullstein erschienen ist.

Seine Dienstherren beim Secret Service hätten sein Buch nur abgesegnet, weil sie festgestellt hatten, dass es von vorne bis hinten frei erfunden gewesen sei, so John le Carré. „Das war jedoch nicht die Auffassung der Weltpresse, die meinen Roman einstimmig als authentisch, ja, mehr noch, als eine Art Insider-Enthüllungsstory feierte – so dass ich nur stillhalten und überwältigt zuschauen konnte, wie mein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten kletterte und dort blieb, während ein Experte nach dem anderen es für echt befand.“

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