Jugendliche in der Schuldenfalle Am Anfang steht das teure Handy

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Verschuldung beginnt immer früher. Die Zentrale Schuldnerberatung startet ein Projekt: Ehrenamtliche Finanzpaten sollen jetzt in Schulen aufklären.

Für viele Jugendliche wird das Handy zur Schuldenfalle. Foto: dpa
Für viele Jugendliche wird das Handy zur Schuldenfalle.Foto: dpa

Stuttgart - Die neueste Jeans, eine teure Tasche, ein schickes Auto, ein Smartphone mit Handyvertrag, Zigaretten – das sind Dinge, auf die viele Jugendliche nicht verzichten mögen. Und es sind Dinge, die Geld kosten – viel Geld für einen Jugendlichen, der beispielsweise im ersten Lehrjahr seiner Ausbildung am Ende des Monats manchmal nur rund 300 Euro auf die Hand bekommt. Die Zentrale Schuldnerberatung (ZSB) stellte fest, dass statistisch betrachtet 7700 Kinder und Jugendliche in Stuttgart in überschuldeten Haushalten leben. Fast sechs Prozent der überschuldeten Personen, die derzeit von der ZSB beraten werden, sind höchstens 21 Jahre alt, etwa 24 Prozent sind zwischen 22 und 30 Jahre alt.

Finanzpaten im Einsatz

„Wir erleben, dass viele Schüler im Alter von 16 oder 17 teilweise noch nicht einmal den Unterschied zwischen einem Spar- und einem Girokonto kennen“, sagt Martin Tertelmann, Präventionsberater bei der ZSB. Ein neues und bundesweit einzigartiges Projekt soll in Stuttgart jetzt Abhilfe schaffen: Finanzpaten der ZSB wollen an den städtischen Schulen in Unterrichtsvorträgen ein Bewusstsein für das Geldausgeben und die Bankkonten schaffen.

Andreas Hutter, 67-jähriger Rentner, hat damit bereits Erfahrung. Er ist der erste Finanzpate und seit einem halben Jahr an der gewerblichen Schule im Hoppenlau im Einsatz. Andreas Hutter ist kein ausgewiesener Finanzexperte. Doch er berät in Esslingen manchmal auch verschuldete Erwachsene und daher weiß er, dass es nicht darum geht, komplexe finanzielle Zusammenhänge zu erklären, sondern darum, eine simple Budgetplanung zu erstellen. „Mit den Schülern übe ich, wie es funktionieren kann, ein Haushaltsbuch zu führen und so zu sehen, wie viel Geld sie ausgeben und wofür“, erzählt Hutter.

„Borgen bringt Sorgen“

Manchmal lockt er die Jugendlichen mit ein paar Tricks aus der Reserve und setzt Sprichworte in seinem Unterricht ein. „Bürgen sollst du würgen“ heißt es dann, „Borgen bringt Sorgen“ oder sogar „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“. „Die Schüler müssen lachen, sind überrascht und lernen so aber auch, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was es heißen kann, sich Geld zu leihen, und dass ein Schuldenberg meist mit der Zeit eher immer größer als kleiner wird“, erzählt Andreas Hutter. Der Rentner wird im Februar und März nun insgesamt fünf Doppelstunden Finanzberatung abhalten. Antje Adenau, Lehrerin an der Hoppenlauschule stellte fest, dass es den Schülern gefalle, wenn jemand von außerhalb komme, um eine Unterrichtsstunde zu halten. „Die Schüler öffnen sich eher, wenn mal nicht der Lehrer vor ihnen steht.“

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5 KommentareKommentar schreiben

@Kendra: Sie haben vollkommen recht! Ich finde Ihren Kommentar gut und habe versehentlich Minus gedrückt anstatt Plus. Entschuldigung! Ich bin nur froh, dass es in meiner Jugendzeit solchen Mist noch nicht gab!

Verantwortung: Es wird immer Dinge geben, die man gerne besitzen würde, sich aber nicht leisten kann. In einer gesunden Gesellschaft, die nicht wie unser Wohlfahrtsstaat, den Sozialneid schürt, wäre dies ein Ansporn, sich das Objekt der Begierde zu verdienen - oder man verzichtet. In unserer Gesellschaft der Gleichmacherei, die die Menschen zu Fürsorgeobjekten macht und ihnen die Selbstverantwortung und Freiheit (auch die Freiheit zu versagen) abnimmt, werden die Leistungsträger, die sich eben ein wenig mehr leisten können, schonungslos abgestraft und an den Pranger gestellt. Und diejenigen, die über ihre Verhältnisse leben, und alles ohne Eigenleistung haben wollen, werden zusätzlich zu 'Opfern' stilisiert. Nicht sie sind schuld an ihrer Misere, sondern die 'Schuldenfalle'. Hier läuft etwas verdammt falsch!

Wer hat das zu verantworten?: Wer geht knallharte Wege zur GEwinnmaximierung? Wer setzt die WErbung gezielt auf die Jugendlichen an? Wie kann es sein, dass direkt neben SchPommesbuden gebaut werden dürfen? Geld regiert die Welt. Die Jugendlichen werden regelrecht ausgenommen und mit ihren Schulden alleine gelassen. Die Politik nimmt die Jugendlichen indirekt nochmal aus, indem sie unüberschaubare Schulden für die junge Generation hinterlässt. Weiter so Geld ist geil.

Kann man Herrn Hutter: auch für die politische 'Elite' in Kommunen, Ländern und Bund engagieren, damit er denen nahebringt, dass '„Bürgen sollst du würgen“ heißt es dann, „Borgen bringt Sorgen“ oder sogar „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“' nicht nur für Privatpersonen gilt?

Finanzberater: Wo sind hier eigentlich die Eltern? Der zukünftige Bundespräsident hat hier wohl einiges zu tun um an die Verantwortung (ist ja eines seiner Lieblingsthemen) zu erinnern.

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