Juri Feldman, Überlebender der Leningrad-Blockade Suchtberatung in Waiblingen

Von Susanne Stephan 

Die Bundesrepublik bestätigt nach der Wiedervereinigung die Einladung. Ein Motiv dabei ist, die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stärken – was auch gelingt. Selbst wenn für manche jüdischen Einwanderer nach Jahrzehnten unter der kommunistischen Herrschaft die Religion keine große Rolle mehr spielt: Vor allem in Berlin kann sich eine neue jüdische Kulturszene etablieren.

„Wir zögerten nicht eine Minute“, sagt Bella Feldman. Ihr Mann hat sich damals gerade in einer Praxis selbstständig gemacht. Sie warten noch den Schulabschluss der jüngeren Tochter ab und gelangen 1992 zunächst nach Simmersfeld im Schwarzwald, wo sie ein Jahr lang mit hundert anderen Emigranten leben und Deutsch lernen. Juris Eltern und sein Bruder gehen nach Dortmund. Für die Approbation in Deutschland arbeitet Juri am Stuttgarter Bürgerhospital, später ist er in der Suchtberatung in Waiblingen tätig. Einen Tag in der Woche hält er eine Sprechstunde speziell für russische Einwanderer ab. In der Jüdischen Gemeinde ruft er eine ehrenamtliche medizinische Beratung ins Leben. Er beginnt, über seine beruflichen Erfahrungen und über seine Kindheit zu schreiben.

Bella, die Deutsch ganz neu lernen muss, findet eine Tätigkeit in einem russischen Reisebüro. Auch die Töchter fassen beruflich Fuß: Eine arbeitet heute als Krankenschwester, die andere in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde und für die Otto Benecke Stiftung. Die Enkel haben die Grundschule der Jüdischen Gemeinde besucht, anschließend Gymnasien in Stuttgart. Nur mit den Eltern sprechen sie noch Russisch, untereinander Deutsch. Jeden Freitagabend trifft sich die Großfamilie zur Sabbatfeier.

Acht Euro im Monat von Putin

Den Feldmans geht es vergleichsweise gut. Aber viele der älteren unter den etwa 220 000 jüdischen Emigranten die, obwohl oft gut ausgebildet, in Deutschland keinen Berufseinstieg mehr geschafft haben, leben heute nur von der Grundsicherung. Wladimir Putin gewährte den Überlebenden von Leningrad vor einigen Jahren eine Sonderrente: 500 Rubel im Monat, umgerechnet acht Euro. Die Blockadniki-Gruppe kümmert sich auch um die soziale Situation ihrer Mitglieder und ermöglicht – mit Unterstützung der Israelitischen Gemeinde – Konzertbesuche und Ausflüge.

„Wir sind zufrieden und dankbar“, betonen die Feldmans. Dankbar auch dafür, inzwischen eine mehr als 70 Jahre währende Zeit des Friedens erlebt zu haben. Nie seien sie persönlich in Deutschland mit Antisemitismus konfrontiert gewesen. In Stuttgart gefällt ihnen vor allem das Theater, die Oper, das Konzertangebot: „Die Säle sind immer voll!“

Zum Jahrestag der Befreiung Leningrads werden sich die Blockadniki wieder treffen, über ihre Erinnerungen, ihre Familiengeschichten sprechen – das innere Gepäck, mit dem sie zu einem neuen Leben in Deutschland aufgebrochen sind. Gäbe es für Stuttgart ein „Echolot“-Projekt im Sinne Walter Kempowskis, ein kollektives Erinnerungsbuch der Kriegsjahre: Die Erzählungen der Blockadniki wären darin eine wichtige Stimme.